Residenztheater Die Troerinnen von  Euripides/Jean-Paul Sartre


 

Düstere Visionen

„Nun sollt ihr bezahlen. / Führt nur Krieg, ihr blöden Sterblichen, / verwüstet nur die Felder und die Städte,  / schändet nur die Tempel und die Gräber und foltert die Besiegten: / Ihr werdet dran verrecken. / Alle.“ Mit diesem Fluch aus dem Munde des Gottes Poseidon, in der Residenztheaterinszenierung  beeindruckend von dem breitschultrigen Joachim Nimtz, scheinbar einem Michelangelofresco entstiegen, gespielt, endet die von J.-P. Sartre verfasste Fassung der „Troerinnen“ von Euripides. Seit 2400 Jahren verhallt die Warnung aus der Feder des großen, weisen und kritischen Dramatikers ungehört, wie die Geschichte beweist. Und wenn im Residenztheater sich der Vorhang öffnet und den Blick auf einen Ort in Trümmer freigibt (Bühne Stefan Hageneier), weiß der Zuschauer um die Kontinuität der einzigen konstanten menschlichen Leistung, die sich durch die gesamte Geschichte zieht, nämlich immer wieder aufs Neue verheerende und unmenschliche Leiden gebärende Kriege zu führen. Und wenn ein solcher verheerender Krieg vorbei ist, schwelt bereits an einer anderen Stelle auf der Welt ein neuer Brandherd oder ein neuer Krieg ist bereits in Planung, weil Interessenslagen es erforderlich machen. Und die Betroffenen? Sie schwören stets aufs Neue feierlich, zukünftig die Waffen schweigen zu lassen. Allein, sicher ist, so lange es Waffen gibt, und nie gab es mehr Waffen als heute, werden sie in die Hand genommen und benutzt.

Troja, aller Wahrscheinlichkeit nach hat es diesen Ort, wie von den Rhapsoden besungen und in den Homerischen Epen beschrieben, nie gegeben, lag am Ende in Trümmern. Eigentlich sollte man jeden Ort, den Menschen in Trümmern legen, Troja nennen, damit auch dem letzten Eiferer, Idioten oder Verbrecher das Exemplarische menschlichen Kriegstreibens  deutlich wird. Wohl jeder kennt den Satz: Im Krieg gibt es keine Gewinner, nur Verlierer. Aber er stimmt nicht. Er ist Wunschdenken, denn Hekuba weiß sicher: „Das Verbrechen macht sich bezahlt.“ Wenn auch nur für einige wenige, und so reicht die Gewissheit doch aus, die Serie der Verbrechen nicht abreißen zu lassen. Und wenn gar nichts mehr geht, ruft man die Götter an, zitiert sie oder beruft sich auf sie. „Die Götter. Die haben einen breiten Rücken.“

Gibt es Hoffnung? Nicht, wenn man Sartre glauben darf. Der war Existenzialist und nicht bereit, sich mit Lebenslügen zu arrangieren. Seinen Nihilismus als Realismus zu akzeptieren, will uns indes nicht gelingen. Haben wir es nicht geschafft, zweieinhalbtausend Jahre lang die wichtigsten Wahrheiten auszublenden um den Preis, uns immer wieder in Trümmern wiederzufinden? Es wird so lange weitergehen, wie wir nicht bereit sind, den Krieg als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (Clausewitz) zu bannen, und jenen in den Arm fallen, die Waffen produzieren oder nach ihnen greifen. Das ist die einfache und bittere Wahrheit, der Politiker stets mit Bedenken um den Verlust von Arbeitsplätzen und Umsatzeinbrüchen im Exportgeschäft entgegentreten. Eigentlich gehören diese Politiker ins Gefängnis oder in psychiatrische Einrichtungen? Stattdessen sitzen sie an den Schaltstellen der Macht. Und wir haben sie dorthin gewählt und sie legitimiert. Hierin unterscheidet sich das Wahlvolk übrigens vom antiken Chor. Letzterer war in den Tragödien Garant dafür, dass die Gesellschaft zum Frieden und zu einer verbindlichen menschlichen Moral zurückkehren konnte.

  Troerinnen  
 

Charlotte Schwab, Yan Borovyk, Hanna Scheibe, René Dumont

© Andreas Pohlmann

 

Und so, wie sich heute niemand seiner eigenen Schuld an diesen Zuständen entziehen kann, sehen sich die Troerinnen blutig auf ihre Verantwortung zurückgeworfen. Auch sie haben ihre Unschuld verloren und Tina Lanik machte genau diesen Aspekt der Geschichte in ihrer Inszenierung deutlich. Hekuba, hinterbliebene Ehefrau des Priamos und Königin von Troja hatte dabei die größte Last zu tragen, denn sie musste hilflos mit anschauen, wie die Frauen  und ihre Kinder und Kindeskinder in die Sklaverei geführt oder abgeschlachtet wurden. Charlotte Schwab klagte mit rauer, wuchtiger Stimme und musste sich doch immer wieder ihrer Hilflosigkeit ergeben. Immerhin orakelte Kassandra, ihre Tochter und zukünftige Sklavin Agamemnons, dass Hekuba diese Schmach erspart bleiben würde. Davor würde ihr Tod sein. Meike Droste gestattete die Regie sogar komödiantische Momente, die aus dem Widerspruch des Wissens um das grausame Schicksal der Griechen und deren Siegesgewissheit resultierten. Sie ging beinahe fröhlich in den Tod. Statt Kassandra Glauben zu schenken und Schlimmeres abzuwenden, wurde sie von dem griechischen Boten Talthybios, devot und zweiflerisch von René Dumont gespielt, für wahnsinnig erklärt. Das war und ist noch immer die einfachste und dümmste Art, Wahrheiten auszublenden.

Wahrhaft tragödisch und sehr beeindruckend agierte Hanna Scheibe als Andromache. Sie musste der Tötung ihres Sohnes und trojanischen Hoffnungsträgers Astyanax ebenso ohnmächtig beiwohnen, wie sie es nicht hatte verhindern können, dass ihr Mann Hektor auf machohafte Weise dem Kriegstreiben bis in den unausweichlichen Tod folgte. Als ebensolcher Glücksgriff erwies sich die Besetzung der Helena mit Juliane Köhler. Als ihr Mann Menelaos, mit dem Charme eines näselnden Diskothekenbetreibers von Thomas Huber gespielt, der untreuen Frau habhaft wurde, um sie zur Steinigung nach Griechenland heimzuführen, bedurfte es nur weniger Sätze der sich lasziv windenden, von Angsttränen erstickten Juliane Köhler, um seinen Vorsatz zu erschüttern. Hekuba kommentierte diesen Moment: „Auch wenn er sein Herz für tot hält: / es gibt keinen Liebhaber, der nicht von neuem liebt; / es gibt keinen Liebhaber, der nicht nach wie vor leibt.“

Den Kurzschluss zum Heute gelang Tina Lanik mit dem Münchner Mädchenchor. Inspiriert wurde die szenische Idee von der Entführung der Schulmädchen durch die Boko Haram und die Versklavung der jesidischen Mädchen und Frauen. Dabei machte weniger die Vielzahl der jungen Mädchen auf der Bühne Eindruck, sondern das Wissen darum, dass hier eigentlich eine zitierte Realität zum Tragen kam.

Es war eine schlüssige Inszenierung, wohl auch darum, weil es Tina Lanik gelungen war, das Publikum vom schwergewichtigen, poetischen Text, ganz im Sinne Sartres, auf Abstand zu halten, ohne dabei eine unangemessene Künstlichkeit zu erzeugen. Nur wenn man die Geschichte von außen betrachtet, bleibt der „zeremonielle Charakter“ und der „rhetorische Wert“ (Sartre: Anmerkungen) erhalten, der zum Verstehen führt. Alles andere wäre in der Unterhaltung und in der Wirkungslosigkeit geendet. So konnte der Zuschauer ein großes, 2400 Jahre altes Antikriegsstück erleben, das effizient in die heutige Zeit übertragen worden war. Allerdings, der Inhalt und die Geschichte des Stückes stellen den aufklärerischen und pädagogischen Sinn seiner Existenz in Frage. Euripides kann man dabei immerhin zu Gute halten, dass er es wenigstens versucht hat. Es ist dabei ein schwacher Trost, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, denn auch sie stirbt am Ende gewiss. Hesse formulierte in seinem Gedicht „Abend mit Dr. Ling“ ein durchaus probates Mittel. Er empfahl, die „Menschheit für zehn Minuten unter Wasser zu drücken“. Die Kriege hätten ein Ende.

 

Wolf  Banitzki

 


Die Troerinnen

von Euripides / Jean-Paul Sartre
Deutsch von Hans Mayer

Joachim Nimtz, Anna Graenzer, Charlotte Schwab, René Dumont, Meike Droste, Hanna Scheibe, Thomas Huber, Juliane Köhler, Yan Borovyk / Julian Engel
Der Münchner Mädchenchor: Chiara Abel, Naima Bousselmi, Sophie Bo-Wen Lin, Fiona Broske, Katerina Deobald, Afra Rosa Dietrich, Lou Sanas Ebrahim-Pour, Michelle Friedrich, Marina Fritz, Nina Hümmer und Anna Delia Jeremias, Léa Jörg, Soléa Jungk, Sophie Kroker, Laura Marbach, Fiona Pötzinger, Lena Pummer, Elisa Rommel , Valentina Roth, Teresa Schlösser, Johanna Schneider, Hannah Siebert, Lea Spiegel, Mey Spiegel

Regie: Tina Lanik

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