Residenztheater  Tartuffe von Molière


 

Komödie mit lächerlichen Menschen

Molière gilt als der erste große Komödiendichter des Lebensexperiments. Seine Protagonisten werden zumeist von ihren eigenen Leidenschaften in Grenzsituationen katapultiert. Es scheint, als lehnte sich der Dichter nun behaglich zurück und lässt die Geschichte, wie sie sich naturgemäß entwickelt, vor seinem imaginären Auge, oder, wenn es denn auf der Bühne geschieht, vor den Augen des Publikums geschehen. Dabei war Molière durchaus auch Moralist, galt es ihm doch zu erkunden, welchen Wert der Mensch tatsächlich hat, und nicht, welchen er vorgibt zu haben. Er  fand sich darin durch einen bedeutenden Zeitgenossen bestätigt. Gemeint ist Montaigne: „Das ist gerade wie bei den Schauspielern. Erst sehen sie auf der Bühne wie Herzöge und Kaiser aus, gleich darauf sind sie wieder Bediente und arme Schlucker, was sie eben nach Geburt und Anlage wirklich sind: beim Kaiser ist es im Grunde nicht anders; wenn er sich öffentlich zeigt, imponiert er durch äußeres Gepränge. … Aber wie sieht es hinter dem Vorhang aus?“ (Über die Ungleichheit unter uns Menschen) Vielleicht war Montaigne für Molière sogar Stichwortgeber, beispielsweise für „Der Bürger als Edelmann“. Im „Tartuffe“ thematisiert er allerdings Menschen, die „inneres Gepränge“ erzeugen und damit blenden, um ihre niederen Ziele zu erreichen. Der Spott über das Schauspielern der Mehrheit aller Menschen machte Molière zum Entdecker des „skeptischen Menschenbildes“.

Dass das nicht ohne Widerspruch ablief, lässt sich denken, und so wurde  „Tartuffe“ erst einmal auf Betreiben der Kirche, die weltlichen Mächte engagierten sich nur unwesentlich zurückhaltender, verboten. Dasselbe Schicksal traf auch die Komödie „Don Juan“. Es war die schwerste Zeit im Leben Molières, denn gleichzeitig starb sein Sohn, der Dichter Racine kündigte ihm den Rückhalt auf und zu guter Letzt verließ ihn auch noch seine Geliebte. Die Schicksalsschläge brachen ihn nicht, machten ihn vielmehr sensibler für Konflikte und fester in seiner Moralität. Goethe urteilte über den französischen Kollegen: „Was ist doch Molière für ein großer und reiner Mensch (…) es ist an ihm nichts verborgen und verbildet. (…) Molière züchtigte die Menschen, indem er sie in ihrer Wahrheit zeichnete.“ (Gespräche mit Eckermann) Und das tat er zudem mit äußerstem Taktgefühl und so charmant, dass seine Komödien noch immer weltweit die Spielpläne bevölkern.

Noch  deutlich die Inszenierung „Nora oder Ein Puppenheim“ von Henrik Ibsen im März 2016 im Cuvilliéstheater vor Augen, die Mateja Koležnik zwischen „Tür und Angel“ spielen ließ, kann konstatiert werden, dass auch „Tartuffe“ nicht in der bürgerlichen Pracht des kapitalträchtigen Orgons ausgestellt wird. Kein Raum lenkt ab; die Konzentration gilt ganz und gar dem Inhalt. So verlagert Mateja Koležnik die Handlung aus dem Salon, Ort des Scheins, heraus in das edel getäfelte Treppenhaus, Ort des Seins. (Bühne Raimund Orfeo Voigt) Hier werden die Kämpfe um Macht, Liebe und Besitz ausgefochten, mit allen Konsequenzen.

Tartuffe, in der ersten Fassung Molières ein Mann niederen Standes, der eine klerikale Karriere absolvierte, der einzige Weg, eine gesellschaftliche Stellung zu erlangen, hat sich im Haushalt von Orgon eingenistet. Orgon, ein Mann am Ende seines Lebens, ist bestrebt, nur noch Gutes zu tun. Diese Situation nutzt Tartuffe skrupellos aus und stellt die Weichen für ein behagliches Leben in Wohlstand und Unabhängigkeit. Er ist kein frommer Mensch, der auf Abwege geriet, sondern ein Schurke, der sich mit Frömmigkeit und Gutherzigkeit bemäntelt. Sein Ziel: Er will Orgon beerben, dessen Tochter Mariane, die bereits einem anderen anverlobt ist, heiraten und Orgons Ehefrau Elmire zu seiner Mätresse machen. Orgon ist in seiner Verehrung für Tartuffe derart blind, dass der Plan aufzugehen droht. Als Orgons Sohn Damis Zweifel an der Redlichkeit Tartuffes anmeldet - er hat den Scheinheiligen bei seiner unverhohlenen Werbung um die Mutter in Flagranti erwischt - wird er vom Vater enterbt und des Hauses verwiesen. Um Tartuffe vor weiteren Anfeindungen der Familie zu schützen, überträgt er ihm seinen gesamten Besitz. Schließlich kann Ehefrau Elmire ihren verblendeten Gatten zu einer Prüfung überreden. Tartuffe tappt in die Falle. Doch als Orgon ihn des Hauses verweisen will, pocht Tartuffe auf die Besitzrechte und lässt das Haus durch die Hand des Gesetzes räumen. Zudem hat er Orgon in einer politischen Affäre denunziert, was diesen hinter Gitter bringen würde. Das letzte Wort allerdings hat der König, der die Schenkung als ungültig erklärt und Orgon amnestiert. In Mateja Koležniks Inszenierung kommt die große Geste nicht mehr an, denn Orgon ist über seinen großen Kummer verstorben.

  Tartuffe  
 

Bijan Zamani, Nora Buzalka, Sophie von Kessel, Christian Erdt

© Matthias Horn

 

Große und großartige Dramatik zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie nicht altert. Und so können wir getrost davon ausgehen, dass es sich um eine ganz und gar heutige Geschichte handelt, wenn man einmal vom noblen Ende mit König absieht. Das findet sich allerdings auch nur in der letzten Fassung (5 Jahre nach der ersten Fassung). Die Literaturwissenschaft spekuliert, dass in der ersten Fassung Tartuffe der Sieger bleibt. Glaubhafter wäre es allemal. Es könnte allerdings auch ein Kniefall vor dem König gewesen sein, durch dessen Zuspruch das Stück schließlich doch noch auf die Bühne gelangte und Molière unversehrt blieb. Immerhin hatten Vertreter des Klerus` den Scheiterhaufen für ihn gefordert. Es könnte aber auch als eine dezente Erpressung des im Theater anwesenden Königs verstanden werden, selbst stets nobel, moralisch und großzügig zu sein. Das spielte allerding in der Residenztheater-Inszenierung keine Rolle.

Mateja Koležnik erzählte kurz (gerade einmal 75 Minuten) und knapp, jegliches Lamentieren war unterblieben, die Geschichte. Ins Auge stachen die Eleganz des Bühnenbildes und vor allem die der Kostüme von Alan Hranitelj. Alles meinte: Das ist die Welt der „Schönen und Reichen“. Dass diese Leute nicht unbedingt die hellsten Kerzen im Kronleuchter sind, erwähnte die Regie beiläufig, aber unüberhörbar. Damit fielen die menschlichen Züge der Protagonisten der Verknappung nicht zum Opfer. Oliver Nägeles Orgon hatte nachtwandlerische Züge. Neben seinem (Herz-) Tablettenkonsum, war für ihn nur seine bedingungslose liebevolle Hinwendung zu Tartuffe Lebenselixier. Dass mehr ohnehin nicht mehr ging, machte seine zumeist alkoholisierte und frustrierte Ehefrau, lasziv und depressiv zugleich von Sophie von Kessel gespielt, unmissverständlich deutlich. Nora Buzalkas  Mariane war ebenso wenig ein Vernunftgeschöpf wie ihr Verlobter Valère (Gunther Eckes). Der war allzu schnell bereit, auf seine Liebe zugunsten seines Stolzes zu verzichten. Wenn überhaupt Vernunft waltete, dann in der Person der Dorine, Marianes Zofe, gespielt von Charlotte Schwab. Sie stellte in ihrer Lebensklugheit rechtzeitig die Weichen und war dabei ebenso bestimmt, wie der dümmliche Hausdrachen Madame Pernelle (Orgons Mutter). Ulrike Willenbacher gab eine schrill knatternde Machtfrau ohne Weitblick, ebenso wie ihr Sohn in religiöser und moralischer Tümelei gefangen.

Tartuffe, von Molière mit stattlichem Aussehen und guten Manieren ausgestattet, wurde von Philip Dechamps sehr zurückhaltend gestaltet. Er gab einen jungen Mann, der den Dingen eher den Lauf ließ, als sich diabolisch zu gerieren, zumal dieser Lauf seinen Vorstellungen durchaus entsprach. Nur in wenigen Szenen wurde deutlich, dass er der Schurke mit Vorsatz war. Dann verlor er die Kontrolle über seinen Körper und er zappelte in Verzückung. Ebenso wenig konnte er seine sexuelle Begierde unter Kontrolle halten. Am Ende blieb er weitestgehend unsichtbar. Er hatte das Schlachtfeld geräumt und ließ die Vertreter der Justiz und den Boten des Königs den „noblen“ Rest erzählen. Die Nüchternheit, mit der Mateja Koležnik die Geschichte zu Ende brachte, war wohltuend und alles andere als komisch. Allerdings sind es ihre Protagonisten auch nicht, und so war der Tod Organs durchaus glaubhaft und auch logisch. Immerhin waren es doch lächerliche, kleinmütige Menschen. Darin ist kein Widerspruch, denn jeder Komödie liegt zumeist eine Tragödie zugrunde. Fazit: Eine originelle Sicht auf das Thema und eine in sich geschlossene, spannende Umsetzung.

Wolf Banitzki

 


Tartuffe

von Molière
aus dem Französischen von Sigrid Behrens

Ulrike Willenbacher, Oliver Nägele, Sophie von Kessel, Christian Erdt, Nora Buzalka, Gunther Eckes, Bijan Zamani, Philip Dechamps, Charlotte Schwab, Arnulf Schumacher, Paul Wolff-Plottegg

Regie Mateja Koležnik

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