Residenztheater Die Verlorenen  von Ewald Palmetshofer


 

Beachtlicher Einstand

Einen beachtlichen Einstand gab das Residenztheater unter der Ägide von Andreas Beck mit einer Uraufführung des österreichischen Dramatikers Ewald Palmetshofer. Sein hochlyrisches Werk „Die Verlorenen“ war eigens für diesen Einstand in Auftrag gegeben worden. Indes, es war kein heiterer Abend, was der Titel bereits erwarten ließ. Wie auch, schließlich ist Palmetshofer Österreicher, wie der Tod, über den die Mähr kursiert, er sei ein Wiener. Vor allem aber ist Palmetshofer ein von der Sprache besessener, und zwar auf unvergleichliche Weise, was ihn seit „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ ziemlich erfolgreich macht.

In München erlebte Palmetshofer vor allem in den Jahren 2011 bis 2013 geradezu einen Hype mit seinen ambitionierten Werken. So im Marstall Mai 2013 mit „räuber.schuldengenital“, ein Drama in Jamben, oder Jochen Schölchs Stückentwicklung „Der Kandidat“ im Juni 2012 am Metropol Theater auf der Basis von Texten von Ewald Palmetshofer, oder „sauschneidn. ein mütterspiel“ im Dezember 2011 am Stadttheater Oblomow, oder sein Stück über Vereinsamung mit dem Titel „körpergewicht 17%“ am Teamtheater Tankstelle im September 2011, oder „faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“ in der Halle 7 im Februar 2011. Bereits im April 2008 erlebte „wohnen. unter glas“ am Volkstheater eine gelungene Inszenierung.

Nun, nach sechs Jahren und exklusiv für das Münchner Theaterpublikum, erneut ein verstörendes und hochpoetisches Werk von Ewald Palmetshofer, der zuletzt als Dramaturg am Theater Basel beschäftigt war. Don't change a winning team, mag sich Intendant Andreas Beck gesagt und den Dramatiker nebst der Regisseurin Nora Schlocker verpflichtet haben, die ein ganz besonderes Verhältnis zur Dramatik Palmetshofers zu haben scheint. Immerhin besorgte sie mit dieser Inszenierung bereits die dritte Uraufführung. Ein Theaterereignis war es allemal.

Dabei ist die Handlung des Dramas alles andere als erstaunlich oder gar spektakulär, man könnte sogar sagen, sie sei geradezu banal in ihrer Alltäglichkeit. Clara, eine junge Frau nimmt eine Auszeit und zieht sich in das ländliche Anwesen der verstorbenen Großmutter, zugleich Ort ihrer Kindheit, zurück, um sich selbst zu finden, denn sie ist eine „Verlorene“. Man kommt alsbald an der Erkenntnis nicht vorbei, dass alle Figuren, die den ländlichen Kosmos bevölkern, „Verlorene“ sind. Jeder ist es allerdings auf seine ureigene Weise. Kevin ist ein Verlorener, weil es ihm nie gelungen war, sich aus der dörflichen Enge zu befreien. Der alte Wolf, die Frau mit dem krummen Rücken und der Mann mit der Trichterbrust sind Verlorene, weil sie sich nicht einmal mehr sicher sind, ob ihr Sein real ist, denn sie werden von niemandem außerhalb ihrer winzigen Welt wahrgenommen. Ihre Rufe verhallen ungehört und lassen nur noch den Schluss zu: „keine andere Welt / kein Drüben, Draußen, Droben / Jenseits nicht“. Doch auch Claras Mutter und deren Schwester haben einander verloren, ebenso wie Claras Ex-Mann Harald und deren gemeinsamer Sohn Florentin. Mit Entsetzen muss Clara zuschauen, wie Florentin abdriftet in eine unmenschliche, in eine faschistoide und brutale Welt.

  Die Verlorenen  
 

v.l. Ulrike Willenbacher, Max Mayer, Steffen Höld, Arnulf Schumacher, Sibylle Canonica, Florian von Manteuffel, Pia Händler, Nicola Kirsch

© Birgit Hupfeld

 

Es gibt kein Entrinnen bei Palmetshofer; Kevin und Clara finden nicht zueinander. Der alte Wolf sieht Hirsche und Hirschkühe, die, so scheint es, die Vorherrschaft des Menschen nicht mehr anerkennen und aufbegehren. Die Frau mit dem krummen Rücken bangt um die Umsätze in ihrer Verkaufsstelle, denn für sie sind der Laden, die Tankstelle existenziell. Der Mann mit der Trichterbrust ist voller Sehnsucht nach Nähe, nach Liebe und verbannt sich selbst aufgrund des Bildes, das er von sich hat. Zuletzt, auf einer Beerdigung, spricht Claras Tante das Willkommen im Kreis aller Verlorenen für Claras Mutter und gleichermaßen dem Rest der Gesellschaft: „meine liebe / kleine / Rosi / wie mir / all das / leidtut / - / liebe, du / jetzt... / - / hast du / auch nichts mehr“.

Ewald Palmetshofer führt die Betrachter nicht durch einen Konflikt, den es zu lösen gilt oder auch nicht, sondern durch die Seelenlandschaften unserer Zeit und wohin das Auge blickt: Verheerung allenthalben, von Hoffnung keine Spur. Palmetshofer hinterfragt nichts Geringeres als das „Menschsein“. Nicht zum ersten Mal kommt er dabei zu der Erkenntnis, dass da, weder im Universum, noch im Jenseits, etwas ist. Der Mensch ist allein und auf sich gestellt. Immerhin, er hinterfragt mit einer gehörigen Portion Humor und Sprachwitz. Es ist bisweilen rabenschwarzer Humor und er kann das, denn er ist Österreicher und denen scheint es im Blut zu liegen.

Bühnenbildnerin Irina Schicketanz schuf für die Münchner Uraufführung einen weißen Guckkasten, dessen Rückwand nach hinten umklappbar war, wodurch ein Rampe in die Welt des Stückes und somit ein erweiterter Spielraum entstand. Der führte allerdings, wie die Geschichte letztlich zeigte, nirgendwo hin, wo es Erlösung gab. Dieser kalte und grelle Reduktionismus, der kaum sinnliche Reize aussandte, bildete den Klangraum für das gesprochene Wort, den Rhythmus und der Melodiösität der Sprache. Den Darstellern gab die Regie nicht mehr an die Hand als das Wort und das war Herausforderung genug. Wer die Sprache Palmetshofers nicht kannte, mag anfangs einiges Unbehagen verspürt haben. Doch dabei blieb es nicht. Schnell hörte man sich ein, begriff den Satzbau und begann, die Effekte zu genießen. Den Darstellern bereitete die Sprache sichtliches Vergnügen, denn der Witz, der hintergründige Humor wurde niemals verschenkt.

Myriam Schröder gab eine selbstbewusste und taffe Clara, die sich von ihrem Vorhaben der Selbstfindung nicht abbringen ließ. Warum sie letztlich zur tragischen Figur wurde, erklärte sich psychologisch nicht, war aber ein unverzichtbarer Plot, wie die Dramaturgie zeigte. Eher komödiantisch angelegt waren die Rollen des alten Wolfs und des Mannes mit der Trichterbrust, exzellent gespielt von Steffen Höld und Max Mayer. Mit einiger Breitschultrigkeit und Wucht eroberte Nicola Kirsch immer wieder die Szene, unerwartet, wie erstaunt festgestellt werden muss, denn immerhin gab sie die Frau mit dem krummen Rücken. Ebenso Svenja, die Frau von Claras Exmann, gespielt von Pia Händler. Auch ihre Präsenz machte es schwer zu glauben, dass sie eine Verlorene sei. Überfordert mit der Erziehung des Kindes Florentin (Carlo Schmitt / Francesco Wenz) war sie allemal, erweckte aber dennoch nicht den Eindruck, eine vom Leben beherrschte zu sein. Florian von Manteuffels Harald, Claras Ex-Mann, indes war von opportunistischer Geschmeidigkeit, was auch körperlichen Ausdruck fand. Er war unbestritten ein Verlorener und ergänzte das depressive Weltbild um die Facette des „sittlich Lauen“, wie Dante diesen Typus nannte. Gänzlich verloren und geradezu somnambul anmutend waren Sibylle Canonica und Ulrike Willenbacher, als Claras Mutter und deren Tante. Dazwischen mäanderte Arnulf Schumacher verzweifelt nach Bodenhaftung suchend. Der junge Kevin, im dramatischen Rollenfach häufig der positive und sinnstiftende Held, entpuppte sich ganz und gar nicht als solcher, wurde sogar mit Drogen (-handel?) in Zusammenhang gebracht. Immerhin, Johannes Nussbaum verlieh ihm eine hoffnungsvolle Jungenhaftigkeit, die es schmerzhaft machte, anerkennen zu müssen, dass auch er ein Verlorener war.

Folgt man den Prämissen Ewald Palmetshofers, so sind wir alle „Verlorene“. Ob das seine Intention war oder nicht, sei dahingestellt. Nora Schlocker verhinderte mit ihrer intelligenten und das Wort feiernde Inszenierung, dass das Stück wie eine Aufforderung zum Suizid daherkam. Es war ein visuell wirkmächtiges, intellektuell herausforderndes und dabei komödiantisches Kunstwerk, das mit Sicherheit im Betrachter lange nachhallen wird. Für die Düsternis und die Hoffnungslosigkeit soll noch einmal die Herkunft Palmetshofers erwähnt werden. Diesmal als Entschuldigung. So san´s halt, die Österreicher.

Wolf Banitzki

 

 


Die Verlorenen / UA

von Ewald Palmetshofer

Mit: Myriam Schröder, Florian von Manteuffel, Pia Händler, Carlo Schmitt / Francesco Wenz, Sibylle Canonica, Arnulf Schumacher, Ulrike Willenbacher, Johannes Nussbaum, Steffen Höld, Nicola Kirsch, Max Mayer

Inszenierung: Nora Schlocker
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