Residenztheater Ronja Räubertochter  nach Astrid Lindgren


 

Es ist nicht immer lustig, Räuber zu sein

Ronjas Ankunft auf diesem Planeten ist lautstark und gewaltig. Ein Blitz schlägt am Tag ihrer Geburt ein und spaltet die Mattisburg in zwei Teile. Es entsteht der Höllenschlund. Zehn Jahre später ist Ronja ein quicklebendiges Mädchen, das ihre Umgebung erkundet, vor allem den Mattiswald, der mit Bären und Füchschen, aber auch Graugnomen, Dunkeltrollen und Rumpeln bevölkert ist, nicht unbedingt freundlich gesinnte Gesellen. Eines Tages trifft sie auf Birk, das maskuline Pendant in der Welt der Räuber und Sohn des Erzfeindes Borka, der mit seiner Frau und seiner Bande den leer stehenden Nordteil der Mattisburg okkupiert hat, jenseits des Höllenschlundes. Die beiden scheren sich nicht um den Zwist der verfeindeten Räubersippen und freunden sich an. Als die Freundschaft ruchbar wird, kocht der Hass der beiden Banden aufeinander wieder hoch und Mattis verstößt seine Tochter.

Ronja und Birk ziehen in eine Bärenhöhle im Wald und haben dort einige Abenteuer zu bestehen. Sowohl die Mattiseltern, als auch die Borkaeltern leiden unter der Abwesenheit der Kinder. Zudem wird das Leben der Räuber durch die Landsknechte bedroht, die ihrer habhaft werden wollen und die Schlinge zieht sich immer enger. Die beiden Räuberhauptmänner kommen immerhin auf die Idee, dass sie sich gemeinsam besser vor den Landsknechten schützen können. Sie schmieden eine Allianz und im Ergebnis eines Zweikampfes (im Armdrücken) wird Mattis nun zum Oberhaupt der vereinigten Bande erklärt. Allerdings müssen sie akzeptieren, dass weder Ronja, noch Birk, mit denen sich die Eltern inzwischen wieder versöhnt haben, Räuber werden wollen. Wenigstens einer findet das gut: Glatzen-Per, der Seniorräuber, der zuletzt stirbt, nachdem er den Bund der Kinder abgesegnet hat.

Daniela Kranz brachte den Kinderbuchklassiker von Astrid Lindgren auf die Bühne des Residenztheaters und führte damit eine liebgewordene Tradition fort, die Martin Kušej in der Zeit seiner Intendanz etabliert hatte, das alljährliche „Weihnachtsmärchen“ oder die Familienvorstellung. Daniela Kranz, Leiterin des neuen „Resi für alle“ kopierte die Idee indes nicht, sondern sie schuf ein neues Format mit einer besonderen Qualität. Mit „Resi für alle“ ist gemeint, dass ein Teil des Ensembles aus Laien besteht, hier die Räuberbande. Ungeachtet dieser Voraussetzung gelang ihr eine phantasievolle, lebendige, kindgerechte und äußerst unterhaltsame Inszenierung. Wie so oft bei derartigen Gelegenheiten waren die Kinder auch Alibi, denn sehr häufig war im dunklen Zuschauerraum das hemmungslose Gelächter, Ausdruck ersprießlichsten Amüsements, der Erwachsenen zu hören.

  Ronja Raebertochter  
 

Paula Hans

© Adrienne Meister

 

Viva Schudts Drehbühnenbild zeigte an der Vorderseite eine wehrhafte Mauer mit einigen Durchlässen und dem Höllenschlund zur Rechten, gedreht gab sie den Blick in den tiefen Mattiswald frei. Üppige Felsen macht das Bild zu einem Kletterparadies. Auch die Kostüme stammten von Viva Schudt. Die allerdings waren überraschend einfach. Sämtliche Darsteller trugen verschiedenfarbige Overallunterwäsche, wie man sie aus Italowestern kennt. Das machte die Räuberbande eher zu wild gewordenen Teletappis, denn zu raub- und blutrünstigen Gesellen. Sehr angenehm war die konsequente Abwesenheit von Waffen, egal welcher Art. Den Kindern fiel es nicht auf! Auseinandersetzungen wurden verbal geführt oder durch lächerliche Drohgebärden. Die Mattiseltern und auch die Borkaeltern trugen als Insignien ihrer Macht Pelze oder auch schon mal Geweih. (Der Mensch war in Astrid Lindgrens Welt noch ein Naturwesen oder zumindest im Einklang mit derselben.) Ronja und Birk, beide „Thronfolger“ in der jeweiligen Sippe, waren mit Pluderhosen und barocken Jäckchen auch als solche auszumachen.

Das Wunderbare bei Inszenierungen für Kinder sind die Entgrenzungen im Spiel. Da darf geblödelt, geknattert und chargiert werden, sämtliche Sünden, bei denen die Kritiker empört mit den Augen rollen, sind nicht nur erlaubt, sondern geboten. Sie sind Garanten für glänzende Kinderaugen. Allen voran ließ es Thomas Huber als Mattis, Ronjas Vater, so richtig krachen. Mit weltumspannenden Gesten als Ausdruck seiner Liebe zu Ronja und auch zu seiner Frau Lovis, Evelyne Gugolz ganz mütterlich als rotes Teletappi, polterte er durch die Geschichte. Sein Widersacher setzte alles daran, mitzuhalten. Thomas Reisingers Borka gab sich trotz seines imposanten Kopfschmucks, einem Geweih, letztlich geschlagen und übertrug Mattis willig den Oberbefehl über beide Räuberbanden. Dabei gab es eine Macht an seiner Seite, die wahrlich furchteinflößend sein konnte: seine Ehefrau Undis. Wenn Nicola Kirsch ihren langen Zopf martialisch kreisen ließ, war Obacht geboten.

Die tragenden Figuren waren natürlich Ronja und Birk, gespielt von Paula Hans und Niklas Mitteregger. Paula Hans erinnerte in ihrem physischen Spiel an einen Flummi, jenem kleinen Gummiball, die ewig nicht zur Ruhe kommt, wenn er einmal einen Impuls empfangen hat. Beide tollten auf der Bühne herum, als Ausdruck kindlicher Vitalität und Lebenslust, selbst in Momenten, wo Nachdenklichkeit geboten war, denn es galt auch, im Wald zu überleben. Der war bevölkert mit wilden Tieren, aber auch mit sonderbaren Wesen, genannt das „unheimliche Dunkelvolk“. Hier leistete Viva Schudt ganze Arbeit und es gereicht der Inszenierung zur Ehre, dass diese wichtigen Kostüme so gelungene Illusionen hervorbrachten. Diese Figuren hatten einen enormen Schauwert und ließen die Kinder auch schon mal ehrfürchtig erstarren. Es war keine heile Welt. Es war eine Welt, in der sogar der Tod vorkam. Am Ende, wenn Glatzen-Per (Winfried Küppers) stirbt, geschieht das erst, nachdem er noch ein Statement abgegeben hat und dann auf ganz natürliche und unspektakuläre Weise. Es ist halt nicht immer nur lustig, Räuber zu sein.

Es wurde gesungen (Liedtexte: Federico Sánchez), musiziert (Musik: Polly Lapkovskaja / Nicholas McCarthy) und ausgiebig getanzt. Bei letzterem offenbarten einige der Laiendarsteller sehenswerte Talente. Es war unbedingt ein unterhaltsamer Nachmittag und zu keinem Zeitpunkt der neunzigminütigen Vorstellung kamen Längen auf. Die Kinder und auch die Erwachsenen waren dran an der Geschichte und ihrer Umsetzung. Soviel Unterhaltung und Spaß erübrigt eigentlich die Frage nach dem Sinn einer solchen Unternehmung. Und doch darf die Frage nach dem erzieherischen Wert gestellt werden. Damit es nun nicht noch moralinsauer wird, sei nur eine Beobachtung erwähnt. Als Lovis, Ronjas Mutter, ihre Tochter im Mattiswald besucht, um sich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen, benahm sich Birk recht abweisend. Lovis kommentierte sein Verhalten mit dem Satz: „Er hat keinen Anstand!“ Prompt erklang die glockenhelle und somit gut hörbare Stimme eines Kindes: „Mama, was ist Anstand?“ - Was will man mehr?

Wolf Banitzki

 


Ronja Räubertochter

nach dem gleichnamigen Roman von Astrid Lindgren

Mit: Paula Hans, Thomas Huber, Evelyne Gugolz, Niklas Mitteregger, Thomas Reisinger, Nicola Kirsch, Winfried Küppers, Deman Benifer, Philipp Künstler, Pascale Lacoste, Isabella Lappé, Tobias Lenfers, Josef Pfitzer, Susanne Popp, Christel Riedel, Hans Rittinger, Claudia Ellert
Musiker: Nicholas McCarthy, Salewski

Inszenierung: Daniela Kranz
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