Residenztheater  Der starke Stamm von Marieluise Fleißer


 

Lockruf des Mammons

Der Sattlermeister Leonhardt Bitterwolf hat seine Frau zu Grabe getragen und noch während des Totenschmauses werden Begehrlichkeiten laut. Allen voran fordert die Schwägerin Balbina Puhlheller ihren Teil an der Hinterlassenschaft der Schwester. Und wenn das Thema schon mal zur Sprache kommt, erinnert sich der Schwager an eine Nähmaschine, für die es wohl keine Verwendung mehr gibt. Sattlermeister Bitterwolf ist ein redlicher Mann, dem der Run auf das Erbe zuwider ist. Er denkt nicht daran, zu teilen. Dabei ignorierte er allerdings auch die Wünsche seines Sohnes Hubert, der gern auf eine Kunstmalschule gehen würde. Derart versponnene Ideen tut Bitterwolf mit Beiläufigkeit ab.

Bitterwolf ist der Herr im Haus und er bestimmt über den Lebensweg seiner Nachkommenschaft. Doch auch er ist anfällig für das Roulette des Lebens. So lässt er sich auf ein Geschäft mit Glücksspielautomaten ein, das die Schwägerin in der Umgebung betreibt und das viel böses Blut schafft, denn bald schon begreifen die Spieler, dass sie „ausgeschmiert“ werden. Balbina zieht bei Bitterwolf ein, und macht dessen Haus zu ihrer Operationsbasis, allerdings nicht ohne den Hintergedanken, Bitterwolf ins Ehejoch zu spannen. Der zieht es allerdings vor, ins Bett der Magd Annerl zu schlüpfen, die er später, im Angesicht des Bankrotts ehelichen wird. Das Geschäft mit den Glückspielautomaten stellt sich schnell als ökonomischer Flopp heraus. Schulden laufen auf und Balbina prellt alle um ihren Anteil. Zuallererst Hubert, der für sie den Fahrer macht und sich dadurch finanzielle Unabhängigkeit erhofft. Enttäuscht und verzweifelt verdingt sich der junge Mann schließlich im Bergwerk.

Im Nachbarort gibt es unerwartet eine Marienerscheinung und ein sakrales Tourismusgeschäft zieht am Horizont auf. Balbina springt auch auf diesen Zug auf, macht erneut Schulden und muss ins Gefängnis, wo sie einer anderen Erbschleicherin begegnet und den Tourismusdeal perfekt machen kann. Am Ende steht Bitterwolf mit einer Frau da, die nur seinen Besitz geliebt hat. Beide müssen zuschauen, wie dieser Besitz gepfändet wird. Übrigens von einem Vetter Bitterwolfs. Balbina findet im Metzgerjackl einen neuen Geschäftspartner und das Roulette dreht sich weiter, in dem jeder versucht, an den Besitz des anderen zu kommen. Zuletzt erscheint der Onkel von Rottenegg, ein wirklich reicher Mann, auf dessen Besitz bereits alle schielen, und mischt die Karten noch einmal ganz neu, nicht ohne tiefe Befriedigung über das Entsetzen der anderen.

Mit „Der starke Stamm“ schuf Marieluise Fleißer ein Stück, das brandaktuell ist, spiegelt es doch auf einfache und leicht verständliche Weise das Wesen des Kapitalismus. Es gibt in dem ganzen Figurenensemble nur einen einzigen Menschen, der mit seiner Arbeit echte Werte generiert. Das ist der Sattlermeister Bitterwolf. Alle anderen versuchen über Anwendung von Erbgesetzen, finanzielle Spekulationen bei Ausnutzung von Leidenschaften (Spielsucht) oder religiösem Eifer (Sakraltourismus) Gewinne zu generieren, ohne dabei tatsächliche Werte zu schaffen. Das menschliche, das gesellschaftliche Zusammenleben ist geprägt von der Gier nach Besitz und von der Notwendigkeit des Erwerbs, denn alles im Leben ist ausgepreist und niemand kann sich diesen Zwängen entziehen.

  Der starke Stamm  
 

v.l. Luana Velis, Robert Dölle, Johannes Nussbaum

© Sandra Then

 

Heraus kommt eine Gesellschaft von Egoisten und selbstentfremdeten Menschen, die niemandem, nicht einmal der Familie vertrauen können, denn Eines ist gewiss, es gibt immer jemanden, der auf den Besitz schielt. Diese Einschätzung mag erschrecken und man mag sich auch gern darauf berufen, dass die Realität sich ganz anders anfühlt und auch aussieht. Man nennt das gesellschaftliche Kultur, häufig ist es aber nur Makulatur, denn das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft ist festgeschrieben seit Adam Smith, der sagte: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“ Leider bedeutet dieser Satz im Umkehrschluss auch, dass, wer nicht seinem unbedingten Egoismus folgt und sich über Gebühr dem Solidargedanken und dem Bewusstsein, gesellschaftliches Wesen zu sein, verpflichtet fühlt, sich alsbald auf der Seite der Verlierer wiederfindet und damit seine menschenwürdige Existenz gefährdet.

Julia Hölscher brachte dieses „Volksstück“ nun auf die Bühne des Residenztheaters und überzeugte dabei sowohl mit der inhaltlichen Bewältigung des Stoffes, wie auch mit der ästhetischen Brechung. Ihre nüchterne und klare Herangehensweise verhinderte zuallererst eines, nämlich Bauerntheater. An Gemüt mangelte es dabei nicht, wobei es kein Gemüt aus Lokalkolorit oder Folklore war, sondern das Gemüt einer sozialen Schicht, die sehr ambivalente Züge trägt. Geprägt ist diese Schicht von patriarchalischen Zügen, in denen allerdings auch Frauen naturgemäß zu bissigen und berechnenden Protagonistinnen werden können, wenn es um die Durchsetzung ihrer (hier zumeist finanziellen) Interessen geht.

Die Bühne von Paul Zoller, bestehend aus einem groben und tragfähigen Dielenboden und einem riesigen Scheunentor suggerierte zwei wesentliche Elemente: zum einen eine ungebrochene generationenübergreifende Tradition der Familienexistenz, durchaus mit einem starken Stamm vergleichbar, und zum anderen die Wehrhaftigkeit dieser Sippe, die sich allerdings auch der äußeren Welt gegenüber abzuschotten vermag. Eine Heimstatt des Fortschritts sieht anders aus.

Julia Hölscher baute ganz auf die Sprache Marieluise Fleißers, die zwar bayerisch klingt, aber ähnlich wie bei Horvath eine Kunstsprache und ungeheuer wirkmächtig ist. Die zum Klingen zu bringen brauchte es echte und kernige Resonanzkörper. Robert Dölle als Leonhardt Bitterwolf war in Hölschers Inszenierung genau das. Wie ein Fels in der Brandung aufgebaut, donnerte er seine Lebensmaximen in den Raum, unerschütterlich bis zuletzt. Seine Gegenspielerin Balbina Puhlheller, ebenso unverwüstlich und unüberwindlich von Katja Jung gegeben, war eine Frau, frei von Skrupeln und gänzlich dem Lockruf des Mammons verfallen. Sie schreckte auch nicht davor zurück, in beigefarbener großer Robe ihre weiblichen Reize in die Waagschalen zu werfen.

Allein, gegen die Anmut und die Jugend der Magd Annerl hatte sie wenige Chancen. Bitterwolfs Testosteronschübe halfen ihm leicht über die Bedenken hinweg, dass das Annerl jünger als sein Sohn war. Luana Velis brachte eine kühl berechnende Magd auf die Bühne, denn eigentlich fühlte sich das Annerl zum Sohn hingezogen, entschied sich dann aber doch für den Besitz und wurde am Ende bitter enttäuscht. Erlöst wurde immerhin Hubert, „irgendwie anders“ und „aus der Art geschlagen“, agil und bereits denselben Starrsinn wie der Vater entwickelnd von Johannes Nussbaum gestaltet.

Seine Rettung kam in der Person des „geldigen“ Onkels von Rottenegg. Arnulf Schumacher donnerte im Outfit eines Altrockers auf einer fetten Intruder auf die Bühne und machte seine endgültigen und unerschütterlichen Ansagen. Das hatte auch komische Züge. Unbedingt erwähnenswert ist, wenn es um Komik geht, der Auftritt der drei Damen Pascale Lacoste, Isabella Lappé und Christel Riedel, die in religiöser Verzückung bei Balbina ihre Tickets für den Marientrip lösten. Balbina, zuletzt in der Allianz mit dem Metzgerjackl, in schmierigem Feinripp süffisant von Niklas Mitteregger gegeben, ließ keinen Zweifel daran, dass die Geschäfte gedeihen würden. Da wuchs zusammen, was zusammen gehörte.

Man mag sicherlich darüber nachdenken, ob es sich hier um ein rein bayerisches Volksstück handelt. Die Sprache suggeriert das. Wer sich allerdings im Land und im Leben umgeschaut hat weiß, dass diese Geschichte ebenso in einer vorpommerschen Kleinstadt, in einem Tal in der Eifel oder im Erzgebirge hätte passiert sein können. Insofern ist es müßig, darüber nachzudenken, ob die bayrische Seele berührt wird. Das hieße, den wunderbaren Text von Marieluise Fleißer gering schätzen. Selbstredend passt es auf Bayern, und darauf wies auch die katholische Kleiderordnung (vorwiegend schwarz), entworfen von Meentje Nielsen, hin. Das Annerl war zuletzt immerhin in Blau gewandet. Auch für das Verständnis ist es nicht von Nachteil, wenn man zumindest des ein wenig des Hochbayrischen mächtig ist. Doch darüber hinaus ist es ein grandioses Drama, das durch Julia Hölscher und ihren Mitstreitern auf der Bühne des Residenztheaters ebenso grandios Gestalt annahm.

Wolf Banitzki

 


Der starke Stamm

Volksstück von Marieluise Fleißer

Mit: Robert Dölle, Johannes Nussbaum, Katja Jung, Luana Velis, Arnulf Schumacher, Niklas Mitteregger, Christian Erdt, Pascale Lacoste, Isabella Lappé, Christel Riedel

Inszenierung: Julia Hölscher
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