Residenztheater  Woyzeck  von Georg Büchner


 

Die Kreatur klagt an

In der dtv Gesamtausgabe von Büchners Werk nimmt das Dramenfragment ganze 20 Seiten ein. Ulrich Rasche brachte diese 20 Seiten im Jahr 2017 auf die Bühne des Theater Basel. Die Inszenierung wurde nun nach München ans Residenztheater übernommen und sie dauert ganze zwei Stunden und fünfundfünfzig Minuten reine Spielzeit. Soviel vorab, es ist kein Wort zum Büchnerschen Text, der in unterschiedlichen Fassungen vorliegt, hinzugefügt worden. Rasches ästhetischer Ansatz ist in sich absolut geschlossen und erlaubt kaum Variablen. An der notwendigen Dauer von fast drei Stunden ist also nichts zu deuteln. Eine zwanzigminütige Pause schafft immerhin Linderung für das Sitzfleisch.

Bekannt ist, dass die Figur des Woyzeck eine historisch verbriefte Person war, verbrieft in Kriminalakten. Johann Christian Woyzeck (1780-1824) hatte in einem Eifersuchtsanfall die Witwe des Chirurgen Woost erstochen. Nach dreijähriger Untersuchungshaft wurde er, auch wegen eines psychiatrischen Gutachtens des Medizinalrats Dr. Clarus, das ihm Zurechnungsfähigkeit attestierte, hingerichtet. Während der Soldatenlaufbahn hatte der sich der Trunksucht ergebene Friseur Woyzeck ein Mädchen geschwängert und sitzen gelassen. Die Verteidigung hatte immer wieder darauf verwiesen, dass der Angeklagte sich in einem zerrütteten Geisteszustand befand und an Geistererscheinungen und Freimaurerzauber glaubte. Aus diesen historischen Fakten schuf Büchner ein Dramenfragment, das an sprachlicher Wucht und gesellschaftlicher Anklage seinesgleichen sucht.

Abgesehen von der Tatsache, dass Woyzeck sehr wahrscheinlich Opfer eines Justizmordes geworden war, zeigt der Fall eine Welt, in der Menschen wie Woyzeck kaum Chancen hatten, ein anständiges und menschenwürdiges Leben zu führen. Büchner lässt Woyzeck die eigene bewusstlose Determination schmerzlich erkennen: „Es liegt in niemands Gewalt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden.“ Die damaligen gesellschaftlichen Zustände sind heute nur sehr schwer vorstellbar. Besitzlose Menschen befanden sich nicht selten in leibeigenschaftlichen Verhältnissen. Zum Standesdünkel des Adels gehörte zudem, dass diese Menschen in der Rangordnung unter dem Vieh angesiedelt waren und häufig schlimmer als dieses behandelt wurde. Und wenn es den Landesherren gefiel, verkauften sie die Jugend ihres „Reichs“ als Kanonenfutter in überseeische Kriege. (Siehe Schillers „Kabale und Liebe“) Die gesellschaftliche und individuelle Verwahrlosung war der Standard. Woyzeck war keine Ausnahme, er wurde indes zu einem exemplarischen Fall, da seine Geschichte eine publizistische Debatte los trat. Dank Büchners Drama, von dessen Beendigung der Dichter durch seinen Tod 1837 abgehalten wurde, erlangte die Figur Unsterblichkeit.

Nach „Die Räuber“ von Schiller (2016) und „Elektra“ von Hoffmansthal (2019) nun „Woyzeck“ aus dem Jahr 2017 von Georg Büchner am Münchner Residenztheater, wo das Stück übrigens im Jahr 1913, also ein dreiviertel Jahrhundert nach der Entstehung, uraufgeführt wurde. Es ist wohl die stärkste, die bewegendste und aufrüttelndste der drei Arbeiten, was ganz sicher auch mit der dramatischen Vorlage, ihrer philosophischen Sprengkraft und ihrer geradezu archaischen Sprachgestaltung zu tun hat. Grundprinzip aller drei Arbeiten ist der permanente Marsch aller Figuren auf einer sich unaufhaltsam bewegenden Fläche. Dadurch werden die Texte rhythmisiert und häufig auch chorisch gesprochen.

  Woyzeck 2020  
 

v.l. Nicola Mastroberardino (Franz Woyzeck), Ensemble

© Sandra Then

 

Die Sprechgeschwindigkeit ist insbesondere beim „Woyzeck“ sehr stark vorgegeben. Rasche hat sie um mindestens das Dreifache verlangsamt, besser, er hat diesen stark verlangsamten Rhythmus als den der Sprache innewohnenden ausgemacht und kompromisslos wiedergegeben. Dadurch entstanden ungeahnte Räume für maximale Expression beim Sprechen und eine maximale Wirkkraft jedes einzelnen Wortes dieser überaus gewalttätigen Sprache Büchners. Es hatte geradezu Offenbarungscharakter und dabei war es ziemlich gleichgültig, dass der physische Ausdruck jedes einzelnen Schauspielers auf Marsch und Körperspannung reduziert war. Zwingend waren allein der Rhythmus und das einzelne, ja, das vereinzelte Wort, das nicht selten einem Aufschrei gleichkam.

Gespiegelt wurde in Rasches Inszenierung die Musikalität der Sprache in der Live-Musik, die durchgängig begleitete. Ihr oblag es aber auch, eigene Akzente zu setzen, beispielsweise durch den Charakter des Klangs jedes einzelnen Instruments. Da stellte man mit Erstaunen fest, welche aggressive Kraft einem Fagott innewohnt. Das Stakkato der Viola erzeugte Wundränder, die als schmerzlich erfahren wurden. Das Piano ersetzte über weite Strecken die Perkussionsinstrumente und wenn das große Becken erklang, meinte man, das Schicksal poche an die Tür. Dabei blieb die Lautstärke nicht immer unbedingt moderat.

Als Spielfläche hatte Ulrich Rasche eine neigbare Scheibe gewählt. Ja, man kann getrost von der Welt als Scheibe sprechen, denn dieser Welt mangelte es an der geistigen Drei- oder Vierdimensionalität. Die gesellschaftlichen Zustände, in denen alle Figuren gefangen waren, schienen sich einer Entwicklung und Selbstüberwindung zu entziehen. So blieben nur die Fliehkräfte, denen sich alle Figuren mit mehr oder weniger Kraft- und Bewegungsaufwand zu entziehen suchten. Die Frage war immer, wie nah die Protagonisten dem Zentrum waren. Woyzeck (Nicola Mastroberardino) und Andres (Max Rothbart) hatten häufig einen kräftezehrenden Kampf zu führen. Sie kamen dem Rand immer wieder bedrohlich nahe. Das gleiche traf auch auf Marie (Franziska Hackl) und die Soldaten zu, die zumeist als Chor, kurzbehost und auch mit freiem Oberkörper, auftraten. Dem Zentrum näher und somit gesellschaftlich etablierter waren der Doktor (Florian von Manteuffel), der Hauptmann (Thiemo Strutzenberger) und auch der Tambourmajor (Michael Wächter).

Sämtliche Figuren definierten sich über den Inhalt ihrer Texte. Die Kostüme von Sara Schwartz waren zumeist anthrazit oder schwarz und körperbetont, um die Bewegungsabläufe der Körper auszustellen. Individuelle Merkmale lieferten die Kostüme nicht. Eine weitere wirkungsvolle Komponente der Inszenierung war das ausgefeilte Licht von Cornelius Hunziker und Tobias Löffler. Dabei wurde der gesamte Theaterraum inklusive der Decke mit bespielt, in dem die Figuren im Gegenlicht riesige Schatten ins Publikum warfen.

„Woyzeck“ gehört zu den meistgespielten Stücken der deutschsprachigen Dramatik. Zu Recht, denn es ist, was die inhaltliche Dimension anbelangt, noch längst nicht ausgelotet. Ulrich Rasche gelang mit seiner Inszenierung ein wichtiger Schritt, denn eine so profunde Erkundung des Sprachrhythmus sucht ihresgleichen in der Inszenierungsgeschichte, die dabei entfesselte Wucht des Kreatürlichen ebenso. Und so ist diese Inszenierung nicht nur ein Aufschrei einer bedrängten Kreatur, sondern gleichermaßen ein bedrückendes Bekenntnis zum „Fatalismus“ Büchners, der schon mit „Dantons Tod“ alle Hoffnung auf eine menschliche, eine vernünftige Welt fahren gelassen hatte. Der Fatalismus ist indes eine Unterstellung, denn wer vermag angesichts der menschlichen Geschichte wirklich zu widersprechen, wenn man Büchner einen Realisten nennt? Es bleibt dabei: „Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“

Die Inszenierung sei unbedingt empfohlen, auch wenn man sich anschließend fühlt, als hätte man ein Rammstein Konzert besucht. Es lohnt sich!

Wolf Banitzki

 


Woyzeck

von Georg Büchner

Mit: Nicola Mastroberardino, Franziska Hackl, Thiemo Strutzenberger, Florian von Manteuffel, Michael Wächter, Max Rothbart, Barbara Horvath, Toni Jessen, Justus Pfankuch/Johannes Nussbaum

Musiker: Viola Mariana Beleaeva/Jenny Scherling, Piano Josef Reßle/Victor Alcantara, Schlagzeug Fabian Löbhard/Fabian Strauss, Fagott Ricardo Döringer/Tadija Mincic, E-Bass Heiko Jung/Felix Renner, Synthesizer Alexander Maschke/Hans Könnecke

Inszenierung und Bühne: Ulrich Rasche

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