Teamtheater Tankstelle  Der Sturm von William Shakespeare


 

Wider die Enge der Herzen und der Sinne

Prospero, Herzog von Mailand, ist von seinem Bruder Antonio um sein Reich gebracht worden. Antonio erfreute sich bei dieser Intrige der tatkräftigen Mithilfe Alonsos, König von Neapel. Zwölf Jahre ist das her. Seither lebt Prospero mit seiner Tochter Miranda auf einer einsamen Insel, wohin er Dank des Mitgefühls Gonzalos gelangte, ein ehrlicher alter Rat, der Prospero, den Antonio in einem segel- und ruderlosem Boot aussetzen ließ, mit Speise, Trank und Büchern versehen hatte. Nun will es der Zufall, dass Antonio und Alonso nebst Sohn Ferdinand und Sohn Sebastian und Gefolge auf dem Rückweg von Tunis, wo Alonso gerade seine Tochter verheiratet hat, an Prosperos Insel vorbei segeln. Mit Hilfe Ariels, einem dienstbaren Luftgeist, führt Prospero einen Schiffbruch herbei. Alle Reisenden gelangen wohlbehalten auf der Insel an und Prospero ist in den Stand versetzt, furchtbare Rache zu nehmen.

Allerdings muss sich der Inselfürst auch Feinden im Inneren seines Machtzirkels erwehren. Caliban ist ein solcher. Der Sohn der Hexe Sycorax und des Teufels ist ein monströses Wesen, das Prospero domestiziert und kultiviert hat. Caliban verbündet sich mit den Schiffbrüchigen Trinculo und Stephano, zwei Säufern, in der Absicht, Prospero ermorden zu lassen. Doch Shakespeares „Der Sturm“ ist eine Komödie, zumindest wurde das Stück in der ersten, 1623 von den Schauspielerkollegen John Heminge und Henry Condell herausgegebenen Folio-Ausgabe als eine solche aufgelistet. Es fließt kein Blut, obgleich es einige Male kurz davor ist. Es wird darin auch ein Mordkomplott gegen den König von Neapel geschmiedet. Die zwei Höflinge Adrian und Francisco stiften dessen zweiten Sohn Sebastian dazu an. Doch auf diese Kabale verzichtete die Aufführung im Theamtheater.

Das Prägnante an der Spielfassung von Joachim Lux (Intendant des Hamburger Thalia Theaters): sie kommt mit lediglich drei Schauspielern aus. Shakespeare hatte fünfzehn Rollen zzgl. Geister, Nymphen und Matrosen vorgesehen. Ein mutiges Unterfangen, so eine radikale Verkürzung, das natürlich sofort die Frage aufwirft, geht das überhaupt? Kann man das Stück unbeschadet über die Rampe transportieren? Ja, man kann, wie die Inszenierung von Dieter Nelle im Teamtheater bewies.

Luxs Fassung, die sich auch einiger Shakespearescher Sonette bedient, sieht drei Figuren vor: Prospero, Caliban und Ariel. Damit wird deutlich, dass der märchenhafte, fantastische Aspekt in den Vordergrund gerückt wird, zumindest was das Spiel anbelangt. In Nelles Inszenierung zitierte Prospero, weitere Figuren auf die Bühne. Die übrigen Figuren erstehen in den Erzählungen auf. Den Ort des Geschehens gestaltete Manuela Müller. Ihre Bühne bestand aus einem sandfarbenen Belag, der zur hinteren Bühnenbegrenzung wie zu einer Welle aufgeworfen war. Darauf ein durch vier aus dem Bühnenhimmel herabhängenden Fäden angedeuteten Wohnraum, die „Zelle“ Prosperos, darin zwei rote Stühle.

Wolfgang Rommerskirchen gab einen zutiefst verbitterten, emotional scheinbar unberührbaren Prospero, aber auch einen stupiden, trunksüchtigen Trinculo. Den unansehnlichen „schnöden Sklaven, in welchem keine Spur des Guten haftete, zu allem Bösen fähigen“ Caliban spielte die zarte, fragile Sophie Meinecke. Sie schlüpfte sehr behänd auch in die Rolle der springlebendigen, staunenden und lebenshungrigen Miranda. David Tobias Schneider war zuallererst der Luftgeist Ariel. Sein mit Schäfchenwolken bedruckter Overall zeigte es an. Sein tänzelndes Spiel unterstrich dies. Er verkörperte gleichsam einen etwas begriffsstutzigen, bis über beide Ohren in Miranda verliebten Ferdinand. Er gab aber auch den an der Flasche hängenden Haudrauf Stephano.

Dieter Nelles Inszenierung war eine ausgewogene Mischung aus Erzähl- und Spieltheater. Wolfgang Rommerskirchen gelang es mit seiner eindringlichen, bedachtsamen und doch intensiven Erzählweise schnell, die Fantasie der Zuschauer zu beflügeln und sie auf die Insel zu entführen. Musik und Licht (Hans Peter Boden) spielten dabei keine unerhebliche Rolle. Die Sprache Shakespeares konnte ihre magische Schönheit entfalten, denn dem Wort wurde viel Raum zugebilligt. Selbst in den Spielszenen behielt das Wort die Überhand und wurde nicht durch zügellosen Aktionismus unkenntlich gemacht. So wurde die Geschichte gradlinig und leicht verständlich erzählt.

Am Ende stand schließlich das Gericht, in dem Prospero seinen aufgestauten Hass und seine tiefe moralische Entrüstung hätte umsetzen können in gnadenlose Bestrafung. Als er sich schließlich zur Milde entschloss, kam das ein wenig überraschend. Frühere Zweifel bei Prospero hätten die Situation glaubhafter gestaltet. Das ist jedoch kein Mangel der Inszenierung; das steht so bei Shakespeare geschrieben. Der Sinneswandel bedurfte immerhin der Fürsprache Ariels, der angesichts der Erbärmlichkeit des Zustandes der Schuldbeladenen konstatierte: „Dass, wenn Ihr sie sähet, / Euer Gemüt erweichte sich.“ Und als Prospero keine deutliche Regung zeigte, schob Ariel nach: „Meins würd es, wär ich Mensch.“ Nun begann die Wandlung bei Prospero: „Obschon ihr Frevel tief ins Herz mir drang, / Doch nehm ich gegen meine Wut Partei / Mit meinem edlern Sinn: der Tugend Übung / Ist höher als der Rache. Da sie reuig sind, / Erstreckt sich meines Anschlags ganzer Zweck / Kein Stirnrunzeln weiter! Geh, befrei sie!“

Das ist gleichsam die große Botschaft dieses Stückes: Vergebung, so sich die Frevler reuig zeigen, und das Durchbrechen der Spirale von Gewalt und Feindschaft. Märchenhaft blieb es allemal, denn die Realität zeigt uns nach zweihundert Jahren Aufklärung, wie schnell alle Einsichten verkauft und verraten werden, sobald es etwas eng wird. Und eng und enger werden hier und heute gerade die Herzen und die Sinne der Menschen. Das Stück und die Inszenierung sind auch als Mahnruf gegen diese Entwicklung zu verstehen.

Wolf Banitzki


Der Sturm

von William Shakespeare / Spielfassung Joachim Lux

Wolfgang Rommerskirchen, Sophie Meinecke, David Tobias Schneider

Regie: Dieter Nelle

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