Teamtheater Tankstelle Name: Sophie Scholl von Rike Reiniger


 

Bei näherer Betrachtung…

Ein junges Mädchen, Jurastudentin, stellt sich vor: Sophie Scholl. Prompt drängt sich die Frage auf: Sind sie mit der Sophie Scholl … Nein. Irgendwie verwandt? Nein! Ähhh … Kein Bezug? Nein! Klar, Sophie Scholl (geb. 1921)  ist nicht nur ein Name. Unauflöslich verbunden mit dem Namen der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ ist Sophie Scholl ein schönes Symbol für die Auflehnung gegen das unmenschliche Naziregime. Sie fand 1943 nach einem perfiden Prozess ihren gewaltsamen Tod. Rike Reiniger schrieb ihr Theaterstück im Auftrag des Wiener Kultusministeriums. Es ist zweifellos ein lobenswertes Unterfangen in Zeiten von Rechtsradikalismus und blühendem Diktatorentum, an die Opfer derartiger politischer Entwicklungen zu erinnern und politische Haltungen und Courage zu provozieren. Grundlage für die Arbeit waren Briefe Sophies, die beinahe 60 Jahre in der Schublade von Fritz Hartnagel schlummerten. Diese Briefe werfen eine neues Licht auf Sophie Scholl und lassen das Symbol, zu dem die junge Frau inzwischen geworden ist, in menschlichem Antlitz erscheinen. Noch mit 16 Jahren war sie glühende Anhängerin der Hitlerjugend, später dann bittet die Liebende ihren Fritz, der an der Westfront ist, um einige Luxusartikel. „Schließlich sind die Franzosen ja besiegt.“ Doch mit ihrem Studium und dem damit einhergehenden Reifeprozess wuchs in ihr die Widerständlerin heran, die bald schon den Mut zur Tat fand.

Um diese Geschichte vornehmlich einem jungen Publikum auf möglichst lebendige Weise näher zu bringen, wählte die Autorin einen dramaturgischen Trick. Sie erschuf eben jene Sophie Scholl von heute, die ihrerseits einen moralischen Konflikt auszutragen hatte. Sie war Zeugin einer Straftat ihres Professors, der die Prüfungsfragen zum Staatsexamen an Studenten verkauft hatte. Von ihrer Aussage hing es ab, ob die Sekretärin, eine unbescholtene Frau, dafür zu Verantwortung gezogen werden würde oder eben jener Professor und mit ihm sämtliche Studenten, die involviert waren. Der Professor korrumpierte die Zeugin, indem er sie in seinen Kurs nimmt und ihr damit das Bestehen des Staatsexamens mit Prädikat ermöglicht.

Marget Flach spielte in 70 Minuten die beiden Sophies und vermittelte zwei unterschiedliche Lebenssituationen. Der Widerständlerin Sophie Scholl legte die Autorin dabei die eigenen Briefworte in den Mund, was die Figur sehr authentisch machte. Es gelangen anrührende Szenen mit Originalton Sophie Scholl und so vermittelt sich auch das entsetzliche Ende der jungen Frau sehr glaubhaft, zumal noch eine detaillierte Beschreibung der Tötung eingeflochten wurde. Wie die heutige Sophie Scholl ihrer Verantwortung gerecht wird, erfuhr der Zuschauer nicht. Er wurde damit in die Pflicht genommen, für sich selbst zu entscheiden und seine eigenen moralischen Standpunkte auf den Prüfstand zu stellen. Es war ein Vergnügen, Marget Flach bei ihrem impulsiven und agilen Spiel zuzuschauen. Die Spielfreude war ihr deutlich anzusehen. Sie erfüllte ihre darstellerischen Aufgaben gekonnt und mit Verve.

Und dennoch blieb ein schaler Nachgeschmack. Der resultierte allerdings aus dem Stück, denn die beiden Figuren, eine, die historische, erzwang sich ihren Stellenwert durch die Tragödie, in der sie endete, und die heutige Figur des 21. Jahrhunderts konnten einem Vergleich nicht standhalten. Bei näherer Betrachtung ergaben sich aus dem Handeln der Widerständlerin Sophie Scholl gültige humanistische Werte, denen nachzueifern empfohlen wurde. Schaut man allerdings auf die heutige Sophie Scholl, fällt auf, dass hier keinerlei Wertekanon existiert. Die junge Frau möchte aus ihrer kleinbürgerlichen Existenz, aus dem sozialsubventionierten Reihenhaus ausbrechen. Sie will weg aus der Welt des Vaters, Postbeamter (mittlerer Dienst) und der Mutter, die an der Supermarktkasse sitzt. Da stellt sich doch die Frage, welchen didaktischen Wert es hat, die bürgerliche Mittelschicht, das Fundament unserer Gesellschaft, derart zu diskreditieren. Den Ausweg aus ihrer Misere sieht Sophie in einem Jurastudium. Allerdings nicht, weil das Recht und die Umsetzung der demokratischen und humanistischen Werte ihr so am Herzen liegen, sondern weil das Einstiegsgehalt eines Juristen bei Abschluss mit Prädikat 70.000 € im Jahr beträgt. Tatsächlich gibt es im ganzen Stück nicht einen einzigen Satz der heutigen Sophie, der über das pekuniäre Interesse hinausweist.

Während die frühere Sophie im Angesicht des Todes ihrem Vernehmungsbeamten mit den Worten ihre Tat erklärt: „Sie würden genau so handeln wie ich. Sie haben nur nicht den Mut“, muss die heutige Sophie abwägen, ob sie der Wahrheit die Ehre gibt und am Ende mit einem mäßigen Gehalt irgendwo Akten sortiert, anstatt in einer internationalen Kanzlei zu brillieren. Ist das die Botschaft, die wir unseren Kindern mitgeben sollen? Wohl kaum. Es besteht auch kein Zweifel daran, wie sich die heutige Sophie nach diesen Vorgaben entscheiden wird. Sie wird pragmatisch handeln und die Verantwortung beiseiteschieben, denn sie trifft ja die geringste Schuld am Versagen des Professors. Schließlich ist sie ja auch nur Opfer, von den anderen Kommilitonen einmal abgesehen. Und sie hat ihr Studium sehr ernst genommen und gelernt. Unsere neoliberale Gesellschaft würde sie dafür nicht verurteilen. Und ihren „Gewissenskonflikt“, der keinesfalls mit dem der früheren Sophie zu vergleichen ist, würde sie aussitzen. Spätestens bei der ersten fünfstelligen Gehaltsüberweisung würde der Gewissenswurm Ruhe geben.

Abgesehen vom unterhaltsamen Spiel Marget Flachs und der durchaus gelungenen Bühnensituation, in der mittels Aktencontainern unterschiedliche Räume und Spielsituationen simuliert wurden, war die Aufführung, auf ihren Inhalt hinterfragt, eigentlich ein Desaster. Letztlich zeigte sie uns eine historische Figur, die ihren Kampf um Menschlichkeit, der auch für uns geführt wurde, mit dem Leben bezahlte, während das heutige Pendant in ihren Befindlichkeiten gänzlich ohne tiefgehenden Wertekanon auskommt. Damit ist die Sophie Scholl der „Weißen Rose“ endgültig in die Geschichte verbannt. Selbst wenn die Macher der Inszenierung die Realität damit gespiegelt haben sollten, taugt dieser Plot keinesfalls für weltanschauliche oder moralische Bildung.

Wolf Banitzki

 


Name: Sophie Scholl

von Rike Reiniger

Marget Flach

Regie/Dramaturgie: Anschi Prott

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