Teamtheater Tankstelle  Unter W@sser  von Jean-François Guilbault und Andréanne Joubert


 

Unterhaltsame Lehrstunde

Lois ist 16 Jahre alt und eigentlich ein unauffälliger Typ. Wie viele Kids in seinem Alter träumt auch er natürlich davon, etwas Besonderes zu sein, Anerkennung zu erfahren, geliebt zu werden. Als er unerwartet Zugang zum Intranet der Schule bekommt, ändert sich alles für ihn. Plötzlich verfügt er über Interna, die ihm Macht verleihen, hat Zugriff auf Prüfungsergebnisse, auf die gesamte Administration der Schule. Er kreiert einen anonymen Superhelden mit Wolfskopf im Netz und nachdem er Prüfungsergebnisse unter die Schüler gebracht und sogar die Schule ausfallen ließ, wächst die Zahl seiner Friends & Followers rasant.  

Bald schon wird Narzissus, wie er sich im Netz nennt, von zwei Mädchen bedrängt. Sedna, ebenfalls ein Pseudonym, lebt in widrigen Verhältnissen. Allein mit ihrem Vater, obliegen ihr die weiblichen Pflichten im Haushalt. Ihr Ausweg aus der Misere findet sie in einem nahegelegenen See, in dem sie Apnoe taucht, um herauszufinden, wie lange sie es ohne Luft aushält. Sie geht unter Wasser, in eine Welt, in der sie gänzlich allein ist. Sedna ist der Name einer Meeresgöttin der Inuit (Eskimos). Eines Nachts träumt sie von einem Wesen mit Wolfskopf, mit dem sie Sex hat. Als Narzissus im Netz mit Wolfskopf auftaucht, weiß sie sicher, dass er zu ihr gehört.

Fatalerweise hat sich auch Eko, die Schul-Schönheit, in ihn verliebt und bald schon suggerieren ihre Posts, dass beide ein Paar sind. Sedna ist empört, reklamiert sie doch den Netz-Helden ganz allein für sich. Für Narzissus ist das Treiben Ekos eine Katastrophe, denn Eko ist seine Schwester. Der Held steckt in der Zwickmühle. Er kann sich ihr nicht zu erkennen geben, denn die Konsequenzen übersteigen seine Vorstellungskraft. Doch das ist erst der Anfang, denn die ganze Geschichte nimmt an Fahrt auf und ist in ihrer Dynamik nicht mehr beherrschbar. Es endet in der Katastrophe, eine Katastrophe, die von dem Autoren-Duo Jean-François Guilbault und Andréanne Joubert absolut glaubhaft entwickelt und erzählt wurde.

  Unter Wasser  
 

Sophie Meinecke und Daniel Holzberg

© Ludo Vici

 

Philipp Jescheck brachte das Stück, das 2016 als Hörspiel in Deutschland erschienen war, als deutsche Erstaufführung im Teamtheater auf die Bühne und er bewerkstelligte das souverän und wirkungsvoll, wie alle Arbeiten, die er in den letzten Jahren in München realisierte. Michele Lorenzini baute für das narrative Bühnenwerk zwei Kuben, zwei durchsichtige Räume, in denen die beiden Protagonisten Narzissus und Sedna einsam und gleichsam vor dem Leben „geschützt“, die Handlung erzählerisch vorantrieben. Die Klangkulisse schufen beide über live produzierte, aufgezeichnete und abgespielte Rhythmen oder gesungene Melodien selbst. Die Besetzung mit Sophie Meinecke und Daniel Holzberg​ waren sowohl visuell wie auch darstellerisch perfekt. Beiden kaufte man die 16jährigen Kids unbedenklich ab. Ein großes Lob für die engagiert agierenden Darsteller, die nicht viel mehr als Körper und Stimme hatten, um die Vielfältigkeit der gespielten Räume und Tätigkeiten sichtbar zu machen. Die Suggestion war von Anbeginn zwingend und die Spannung hielt bis zum letzten Wort.

Es ist ein gutes und notwendiges Stück, das alle Beteiligten in eine Form gegossen hatten, die nicht nur erwachsene Zuschauer in den Bann schlug, sondern das jugendliche Premierenpublikum gleichsam begeisterte. Nach den zwölf Vorstellungen im Teamtheater soll die Produktion in Bayern auf Reisen gehen und vornehmlich vor jungem Publikum, auch an Schulen gespielt werden. Dabei wird nicht nur die gute Geschichte verfangen und ihre didaktische Wirkung entfalten, es könnte auch so mancher Jugendliche auf den Theatergeschmack kommen. Es ist bestes didaktisches und ebenso unterhaltsames Theater.

Die Inszenierung wird unbestritten ihre Interessenten finden, denn die „Einsamkeit unter Jugendlichen“, die scheinbare illusorische „Nähe durch das Internet“ sind hinlänglich als Symptome und Belege für die negative Seite der virtuellen Welt ausgemacht. Hinzu kommen die  realitätsfernen, virtuellen Vorbilder, die fragwürdige Sehnsüchte erzeugen und nicht selten in pathologischen Übersprunghandlungen gipfeln. Den Autoren ist mit „Unter W@sser“ eine lebensnahe Geschichte gelungen, die nicht auf das Spektakuläre der Welt der Nerds setzt, die in jedem anderen Raum, so die Bedingungen ähnlich sind, auch funktionieren würde.

Es geht um Multiplikation von Gefühlen, die, außer Kontrolle geraten, verheerend sein können. Immer öfter müssen wir uns die Frage stelle, wie destruierend schnell sich die unglaublichsten Lügen verbreiten, in den Köpfen festsetzen und zu barbarischen Reaktionen führen. Eben diese Lügen oder „alternativen Wahrheiten“ sind in der Gesellschaft längst zu probaten Instrumenten aufgerückt, um Stimmen zu sammeln oder Stimmungen zu machen. Das Stück ist wesentlich größer, als es auf den ersten Blick scheint und jeder tut gut daran, es sich anzuschauen. Man kann eine Menge lernen.

Wolf Banitzki

 


Unter W@sser

von Jean-François Guilbault und Andréanne Joubert
Übersetzung: Frank Weigand

Sophie Meinecke, Daniel Holzberg​

Regie: Philipp Jescheck

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