Theater Viel Lärm um Nichts Kennen Sie die Milchstraße?  von Karl Wittlinger


 

Sem - Aus der Welt gefallen

Geradezu übermächtig drängt sich die Figur des Beckmann aus Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ auf, wenn das Wort „Kriegsheimkehrer“ im Zusammenhang mit Dramatik fällt. Doch der Autor Karl Wittlinger betonte in einem ZEIT-Interview im Jahr 1959, dass es in seiner Geschichte - jenseits des Kriegsheimkehrerdramas - bei Samuel Kiefer, genannt Sem, um den Menschen geht, „der zwischen Hoffnung und Zwang einen persönlichen und begehbaren Lebensweg sucht“. Damit wäre ein Unterschied definiert. Während Beckmann nach seiner Rückkehr immer wieder von den Ereignissen des Krieges heimgesucht wird und er als wandelnde Anklage „Draußen vor der Tür“ keinen Zugang in die Gesellschaft, die zumeist aus Tätern besteht, findet, ist Sem, weitestgehend ohne Kriegsreflektion, ein Wiedereinstieg in die Nachkriegsgesellschaft aus bürokratischen Gründen verwehrt. Einmal für tot erklärt, ist seine statistische Existenz ausgelöscht, obgleich er biologisch real existiert.

Das hat natürlich auch ganz praktische Folgen, denn als er in sein Dorf heimkehrt, ist sein Erbe längst verteilt und seine Braut bei einem anderen unter der Haube. Um den Konflikt noch zusätzlich zu befeuern, hat Sem seine Papiere verloren, ist aber im Besitz der Papiere seines (sicher) toten Kriegskameraden Johannes Schwarz. Warum also nicht in dessen Identität schlüpfen und ein neues Leben anfangen? Der Haken an der Geschichte ist, dass Johannes Schwarz keine reine Weste hat und wegen Unterschlagung bei einer Versicherungsgesellschaft steckbrieflich gesucht wird. Doch auch das nimmt Sem in Kauf, denn was ist schon eine Strafverfolgung gegen ein eigenes Leben. Ein eigenes Leben ist größer als alle Strafen und alle Schuld, die es zu sühnen gilt. Doch Sem, der seine Geschichte immer wieder erzählt, landet zwangsläufig in der Irrenanstalt, wo er die Geschichte in dramatischer Form aufschreibt. Er kann seinen Arzt, der in einem früheren Leben Schauspieler war, dazu überreden, das Drama in der Klinik vor den Patienten und Ärzten aufzuführen. Die Kraft der Kunst bewirkt schließlich, dass … Doch das bleibt der Inszenierung von Andreas Seyferth im Theater Viel Lärm um Nichts vorbehalten.

Ob es Karl Wittlinger (1922 – 1994) nun passen würde oder nicht, es ist ein Kriegsheimkehrerdrama, und genau das ist der Punkt, wo die Klassifizierung als Komödie mit der Geschichte kollidiert. Wenn überhaupt, dann ist es eine Tragikomödie, denn zuletzt bleibt nur die Flucht in die Poesie, das Ausweichen auf (nicht in) die Milchstraße. Die Sterne werden in jedem Fall beschworen, um die Hoffnung nicht sterben zu lassen. Zweifelsohne birgt der Text viele komische Momente, doch Zweifel an der Allmacht der Bürokratie, eine unterschätzte Geißel der Menschheit, kommen nicht auf. Auch ist es Wittlinger nicht umfänglich gelungen, die Probleme in sprachliche Komik umzumünzen. Sätze wie: „Das menschliche Leben und die Behörden, das hat überhaupt nichts miteinander zu tun.“ muten komisch an, aber sind sie es auch? Komisch sind die Figuren, die die Sätze sprechen, wie der Amtsschreiber in Sems Dorf, wenn er verzweifelt ausruft: „Wenn du dabei gewesen wärst, was das für ein Affenzirkus war, mit den Behörden, bis wir dich tot gehabt haben! Du glaubst ja net, wie zäh so ein Mensch ist - auf dem Papier.“ Hinter diesem Satz steckt, und das ist dann nicht unbedingt komisch, dass sich der Amtsschreiber den Acker von Sem unter den Nagel gerissen hat und ihn auch behält. Es geht hier grundsätzlich um die (von wem auch immer gegebene) Ordnung: „Einmal tot, immer tot. Sonst ginge ja die amtliche Ordnung in die Brüche.“ Diese Ordnung bedient auch unlautere Interessen.

Es ist dennoch leicht, eine Aktualität in diesem Stück zu entdecken, spätestens wenn erklärt wird, dass Fremde wenig oder gar keine Chancen haben, Aufnahme zu finden, die „irgendwo auftauchen, wo sie nichts zu suchen haben: bei einem Fest, zu dem sie nicht eingeladen sind.“ Regisseur Andreas Seyferth hat in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass ihm komödiantisches Theater liegt. Mit Norbert Ortner (Sem) und Joachim Bauer hat er auch Darsteller verpflichtet, deren schauspielerisches Vermögen allemal geeignet ist. Und dennoch war das Ergebnis keine beschwingte, erheiternde Komödie, sondern eine etwas beschwerliche, leicht bittere Tragikomödie.

Dabei kann man nicht einmal unterstellen, Andreas Seyfert hätte etwas falsch gemacht. Das Bühnenbild von Peter Schultze erwies sich als praktikabel und hielt alles vor, auch atmosphärisch, was die Szenen implizierten. Norbert Ortners Sem war ein sensibler und zurückhaltender Sucher. Ortner bewies in der Rolle des Chefarztes indes auch, dass er auch sehr komisch sein kann. Joachim Bauer oblag es, alle anderen Rollen zu gestalten. Die überzeichnete er bis an die Grenzen, so vor allem den italienischen Kneipenwirt mit halbseidenem Hintergrund. Als Amtmann (in der zweiten Vorstellung) verselbständigte sich sein Bart, was er unbeeindruckt wegspielte. Hier ging es nicht um die pedantische Aufrechterhaltung von äußerer Form, sondern um improvisiertes Theater in einem Krankenhaus, bei dem Dilettantismus Bestandteil des Konzepts war.

Komödien sind Komödien, weil in ihnen Konflikte auf komische Weise gelöst werden, was beim Zuschauer immer auch zu einer Befreiung führt. Das ist im Theater Viel Lärm um Nichts nicht wirklich geschehen. Die Bürde des Konfliktes wog schwer und lastete auf den witzigen Dialogen.
Die Annalen berichten, dass das Stück in der Spielzeit 1958/59 das meistgespielte Stück in der BRD war und dass es in einer verknappten, auf Pointen setzenden Fassung (Wolfgang Neuss/Wolfgang Müller) erst an der Berliner Komödie und dann im deutschen Fernsehen mit riesigem Erfolg lief. Es ist, wie im Flyer zur Aufführung zutreffend geschrieben steht, „eine Geschichte aus der guten alten Bundesrepublik“. Doch die gibt es nicht mehr; Land und Leute haben sich verändert.

Vielleicht sind durch die Bewerbung der Inszenierung auch falsche Erwartungen geweckt worden. Bei allen redlichen Bemühungen der Regie und der Darsteller stellte sich das Komödien-Gefühl nicht umfänglich ein. Es blieb eher beim Schmunzeln und die Flucht auf die Milchstraße oder in die Poesie ist vermutlich auch nicht mehr zeitgemäß.

Wolf Banitzki


Kennen Sie die Milchstraße?

Komödie in vier Bildern mit einem Vor- und Nachspiel
von Karl Wittlinger

Mit: Norbert Ortner und Joachim Bauer

Regie: Andreas Seyferth
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