Volkstheater Indika von Sankar Venkateswaran


 

Macht oder Menschlichkeit

Regisseur Sankar Venkateswaran hat als Inder ein besonderes Problem, wenn er in seinem Heimatland und für seine Mitbürger Theater machen möchte. Es gibt 24 offiziell anerkannte Sprachen und ca. 1600 Dialekte. Jede Entscheidung für eine Sprache, und sei es Hindi, die Landessprache, bedeutet Ausgrenzung. Zudem gibt es in Indien noch immer das Kastensystem, was Ausgrenzung per se bedeutet. Sankar Venkateswaran sieht einen Ausweg aus dem Dilemma darin, dass er mit Kastenlosen arbeitet, was an sich auch schon wieder eine Selektion ist, jedoch nicht das rigide Kastenverhalten einfordert. Zudem setzt er auf Körpersprache, um seine Geschichten zu erzählen und seine Botschaften zu vermitteln. Wie das ausschaut, konnte der Besucher der Uraufführung von „Indika“ am Volkstheater mehr als eindrucksvoll miterleben.

Venkateswaran erzählte eine historisch verbriefte Geschichte, die im 4. Jahrhundert v. Chr. in Indien spielte. Historischer Hintergrund war die Invasion Alexander von Mazedoniens in den Jahren 321/320 v. Chr. in Indien. Damit war bereits eine erste Überraschung zu erleben, denn zum Bildungskanon der Europäer gehörte bislang nicht die Sicht der Inder auf diesen Vorgang. Indien erschien im „Glanz“ des „kühnen Eroberers“ zumeist als Terra incognita. Zwar war Indien bewohnt, denn es wurden schließlich Schlachten geschlagen, doch dass hinter den „barbarischen“ Bewohnern, die Griechen nannten alle Barbaren, die keine Griechen waren, eine Hochkultur stand, ist weitestgehend unbekannt. Noch überraschender ist der Umstand, dass die Invasion der „Ionier“ zeitgleich mit einem Umsturz einherging, in dem die Griechen gleichsam zum Werkzeug gemacht wurden.

Der letzte König der Nanda-Dynastie von Magadha (Nordwestindien) wurde von einem Mann aus dem Volk gestürzt. Sein Name: Candragupta Maurya. Ob es dem Fünfundzwanzigjährigen ohne ideologische Anleitung gelungen wäre, die Macht an sich zu reißen und sie zu halten, sei dahingestellt. Tatsächlich bekam er Schützenhilfe von einem Intelektuellen namens Kautilya (auch Cãnakya oder Vishnugupta). Der aus der Brahmanenkaste stammende Philosoph und Politiktheoretiker hatte ein Lehrbuch geschrieben, in dem er eine rigide Theorie eines technokratischen Staates entwarf. Mit diesem Buch versuchte er sich beim letzten Nandakönig anzudienen, wurde jedoch hochmütig verlacht und abgewiesen. Also erkor der ehrgeizige Mann Candragupta Maurya aus, seine ehrgeizige Staatsphilosophie in die Praxis umzusetzen. Das gelang, auch mit der Hilfe der Griechen.

Der entstandene Staat war tatsächlich effizient genug, ein Großreich zu begründen und zu verwalten. Allein, die Folgen waren verheerend und sind es immer noch, denn im Grunde sind viele Staatswesen noch immer so unmenschlich organisiert. Kautilya gilt mit seinem Werk „Arthashãstra“ („Lehrbuch der öffentlichen Sachen“ oder „des Staats – Ziels“) heute noch als der Machiavelli Indiens. Schon seltsam, diese Formulierung, denn schließlich lebte Niccolò Machiavelli (1469–1527), Autor von „Il Principe“ (Der Fürst) ca. 1800 Jahre später. Aber so egozentrisch sind wir Europäer; wir behaupten schließlich immer noch, Amerika entdeckt zu haben.

  Indika  
 

Magdalena Wiedenhofer

© Arno Declair

 

Regisseur Sankar Venkateswaran ließ über weite Strecken nonverbal agieren. Einfache Bewegungsabläufe erklärten den Zustand der Welt und der Gesellschaft, die anfangs noch sehr natürlich war. Die Darsteller umkreisten mit stark verlangsamten Bewegungen den nach oben und zum Zuschauerraum offenen hölzernen Raum (Palast/Nation/Staatswesen/Gesellschaft) von Ran Chai Bar-zvi, der auch für die in erd- oder sandfarbenen Tönen gehaltenen Kostüme verantwortlich zeichnete. Das Leben hatte einen sehr natürlichen Fluss. Es war schließlich von einer Zeit die Rede, in der Naturalwirtschaft herrschte. Eine einheitliche Geldwährung war eine explizite Forderung Kautilyas als eine der großen Modernisierungen des Staatswesens. Die fatalen Folgen des Geldes, der Geldwirtschaft und des späteren Bankenwesens, das einen durchaus kriminellen Ursprung hatte (und das diese Charaktereigenschaft nicht wirklich überwinden kann), brauchen wohl nicht erwähnt zu werden. Erst mit dem Geld ist großer Reichtum möglich. Und Reichtum gebiert Armut und Ungleichheit im gesellschaftlichen Gefüge. Der Staat kämpft zwar gegen die Folgen, gegen die sozialen Verwerfungen, auch mit disziplinierender Strafe, nicht aber gegen die Ursachen an. Reichtum wird geschützt. Vor allem aber muss die Macht erhalten und gesichert werden. So geriet auch das Reich Candraguptas in die Krise. Am Ende seines Lebens entsagte er allem, bekannte sich zum Jainismus, wanderte in den Süden Indiens und hungerte sich dort, gemäß der Jainasitte zu Tode.

In der Volkstheaterinszenierung wurde alles das über Bewegungsabläufe erzählt und auch sehr gut verständlich erklärt. Venkateswarans inszenierte Körpersprache erwies sich als universal entzifferbar. Unproblematisch war auch der ständige Wechsel von Rollen. Machthaber unterschieden sich durch die Farben übergestreifter Jacken. Begleitet wurde das beinahe Tanztheater von einer exotisch anmutenden, sehr stimmigen Musik aus der Feder der Chinesin Lin Wang. Immer wieder gab es zwischen Szenen, die gesellschaftliche Veränderungen, wie Unterwerfung und Gleichschaltung der Massen, beschrieben, auch sehr intime Moment, die von berückender Schönheit waren. Neben Pascal Fligg, der als unbeirrbarer, seiner eigenen Philosophie sklavisch verbundene Ideologe rücksichtslos auf Umsetzung der Ideen drängte, trat Mehmet Sözer mehrfach in der Rolle des Rebellen und Putschisten Candragupta Maurya in Erscheinung. Sehr beeindruckend war die Szene, als er ins Joch des Staatslenkers stieg, um sein Reich (den inzwischen löchrig gewordenen hölzernen Raum) in eine bessere Zukunft zu schleppen. Magdalena Wiedenhofer hatte in der Inszenierung das letzte Wort. Sie war die ursprüngliche Geliebte Candraguptas, der sie für eine Mesalliance mit den Griechen verraten hatte. Seinem Vorschlag, ihre Liebe noch einmal bei Punkt Null zu beginnen, um alles das umzusetzen, wovon sie einst geträumt hatten, erteilte sie ein sehr bestimmte Absage. Vernunft, dein Name sei Frau!

Es war ein grandioser Theaterabend, der anhand einer einfachen historischen Episode das Dilemma der Menschheit erzählte, ohne dabei didaktisch oder penetrierend zu sein. In einer Zeit, in der „einfache Antworten“ suspekt sind, weil sich ihrer allzu häufig Populisten bedienen, gibt das Theater einfache Antworten, die ungeachtet dessen sehr wahr sind. Eine Wahrheit ist, dass Macht überwiegend destruktiv ist und dass eine menschliche Gesellschaft niemals auf der Basis einer Idee errichtet werden kann, die ohne primäre Menschlichkeit auskommen will. Es wird keine Zukunft ohne Menschlichkeit geben! Alle diese Ideen haben nur eine Richtung, nämlich in den Abgrund. Wir ringen um Eitelkeiten, Egoismen und einer völlig verfehlten Ökonomie und übersehen dabei, dass der Planet zugrunde geht, auf dem wir leben. Welche Botschaft könnte eindringlicher sein?

Wolf Banitzki


Indika

von Sankar Venkateswaran

Silas Breiding, Luise Deborah Daberkow, Pascal Fligg, Jakob Immervoll, Mehmet Sözer, Nina Steils, Magdalena Wiedenhofer

Regie: Sankar Venkateswaran

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