Volkstheater Kleines Haus  Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz


 

In der Finsternis gedeiht der Wahnsinn

Die Geschichte beginnt auf der Themse, wo die seetüchtige Jolle „Nelly“ und ihre Besetzung auf die Flut warten, um auslaufen zu können. Genug Zeit, um noch eine Geschichte zum Besten zu geben, wie Kapitän Marlowe meint, und er erzählt von einer Begebenheit am Wasserlauf des Kongos, die als „Das Herz der Finsternis“ in die Literaturgeschichte einging. Darin wurde Marlowe ausgeschickt, einen Agenten einer europäischen Handelsvertretung für Elfenbein namens Kurtz heimzuholen, der ganz offensichtlich den Verstand verloren und ein barbarisches Regime errichtet hatte. Diese Geschichte erschien Francis Ford Coppola so reizvoll, dass er sie adaptierte und den vielleicht bedeutendsten Anti-Kriegsfilm der bisherigen Filmgeschichte schuf. Darin wird Hauptmann Willard mit einem brisanten Auftrag in das kambodschanische Grenzgebiet geschickt, wohin sich der US amerikanische Oberst Kurtz aus dem Vietnamkrieg zurückgezogen und eine eigene Armee gebildet hat, mit der er seinen eigenen Krieg führt. Willard soll Kurtz töten, was er auch tut, und zwar zu den Klängen von „The End“ von den Doors.

Wolfram Lotz hat sich nun beider Geschichten, der von Joseph Conrad und der von Coppola, angenommen und einen Hörspieltext geschaffen der „nach Francis Ford Conrads "Herz der Apokalypse‘“ heißt. Die Geschichte beginnt am Landgericht Hamburg, wo der somalische Pirat Ultimo Michael Pussi der Piraterie angeklagt ist. Diesen Beruf hatte er an der Universität Mogadishu erlernt. Doch leider ging der erste Versuch bereits schief und er verlor seinen Freund und Partner Tofdau, was für ihn die eigentliche Katastrophe war. Doch diese Geschichte bildet nur einen vagen Rahmen, klärt indes auf recht ungewöhnliche Weise über Afrika und der Kultur des Kontinents auf. Die Protagonisten der eigentlichen Geschichte sind Hauptfeldwebel Oliver Pellner und Unteroffizier Stefan Dorsch. Sie „fahren mit einem Boot durch die Regenwälder Afghanistans“, um einen gewissen Oberstleutnant Deutinger aufzuspüren, der die Kameraden seiner Spezialeinheit getötet hat, um, wie sich herausstellt, die Zahl der getöteten Soldaten im Krieg zu begrenzen. Pellner soll die Koordinaten des Aufenthaltsortes von Deutinger durchgeben, damit die Bundeswehr ihn mittels eines gezielten Luftschlages töten kann, denn er hat ja ganz offensichtlich den Verstand verloren.

  Die lcherliche Finsternis  
 

Pascal Fligg, Agens Decker, Pola Jane O`Mara, Jakob Immervoll

© Gabriela Neeb

 

Wolfram Lotz ist Jahrgang 1981 und so ist fraglich, ob die Codes, die jemand mit DDR-Vergangenheit und NVA-Dienstpflicht herausliest, auch tatsächlich beabsichtigt waren. So ist es schon mal verwunderlich, dass ein Hauptfeldwebel mit einer derartig komplexen Mission beauftragt wird. Es ist ein Unteroffiziersdienstgrad, selbständiges Denken gehört nicht zu den vornehmlichen Eigenschaften eines solchen Ranges. Pola Jane O´Mara spielte diese Figur in der Volkstheater-Inszenierung von Lukian Guttenbrunner mit der Beherrschtheit eines, das Wort ist bereits gefallen, Hauptfeldwebels. Sei es drum, denn Klischees müssen ja erst einmal vorgeführt werden, um sie als solche zu entlarven. Die Tatsache, dass Unteroffizier Stefan Dorsch aus Bernburg an der Saale (Sachsen-Anhalt) stammt, löst bei Kennern der Stadt zwei Assoziationen aus. Zum einen wird der geistige Zustand der Stadt unter der Hand damit begründet, dass bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts psychische Erkrankungen in der Stadt behandelt wurden. (Man möge mir verzeihen, ich zitiere nur einen Einwohner der Stadt.) Die Patienten waren Freigänger und haben möglicherweise genetische Spuren hinterlassen. Und in den Jahren zwischen 1940 und 1941 wurden in Bernburg 15.000 Kranke, Behinderte und KZ-Häftlinge von den Nazis im Rahmen des Euthanasieprogramms getötet. Das hingegen sind harte Fakten. Unteroffizier Stefan Dorsch ist einer, der zur Bundeswehr ging, weil es immer noch besser ist, als arbeitslos zu sein. Jakob Immervoll spielte die Figur mit einem gehörigen Maß an Naivität, aber auch mit zutiefst menschlicher Liebenswürdigkeit.

Auf ihrer Odyssee durch den Kundus begegneten sie unterschiedlichsten Menschen, zum Beispiel Verlierern des Krieges wie den Händler Stojković (Agnes Decker), dessen Familie bei einem Luftschlag umkam, und der sich selbst dafür verantwortlich machte, weil er unbedingt eine Markise am Haus haben wollte, die letztlich den Brand und somit den Tod von Frau und Kind möglich machte. Sie kamen zu einer christlichen Mission, die von einem Reverend Carter geleitet wurde. Pascal Fligg, der in jeder seiner drei Rollen brillierte, entlarvte den Mann als einen ausschließlich von seiner eigenen Sexualität motivierten Geistlichen, der in der Befreiung der Frau vom muslimischen Joch vornehmlich ihre Entkleidung verstand. Fliggs Reverend war eigentlich komplett irre, doch entbehrte die Figur nicht eines starken Realitätsbezugs in Fragen Sexualität und Missbrauch. Sie war ebenso irre wie die Figur des Oberstleutnant Deutinger, die Pascal Fligg auf ein absurdes Rechenexempel reduzierte. Und als sich endlich alles in ein plötzliches Nichts auflöste und die Figuren einfach zurückließ, tauchte Tofdau auf, der verschollene Freund des Piraten Ultimo Michael Pussi, der in Hamburg vor Gericht stand. Tofdau, Agnes Decker, war bei der versuchten Kaperung des Schiffes vor Somalia ins Meer gefallen, auf den Grund gesunken und von dort bis nach Afghanistan und auf die Bühne des Volkstheaters gewandert.

Die Bühne des Kleinen Hauses, gestaltet von Jenny Schleif (Bühne & Kostüme) mit weißen Rückwänden und drei dreidimensionalen weißen Möbeln, aus denen die Darsteller gelegentlich auftraten, war Kriegsschauplatz und zuletzt vollkommen zerstört. Hannes Dufek hat die Zerstörung mit seiner Musik sogar hörbar gemacht. So geht es nun mal zu im Krieg. Man kann halt nicht Duschen, ohne nass zu werden. Doch diese Äußerlichkeiten blieben marginal, denn eigentlich ging es um den Wahnsinn, der hinter allem steht und der genetisch im Menschen verankert zu sein scheint. Oder wird er vielleicht nur künstlich erzeugt? Existiert diese Finsternis möglicherweise gar nicht und ist nur ein Konstrukt, um diesen, für die Kriegstreiber und – gewinnler dieser Welt notwendigen Wahnsinn zu erzeugen? Wie sollte man einen Krieg entfachen, wenn nicht alle, oder zumindest eine Mehrzahl, diesem Wahn verfallen sind? Mit den richtigen Argumenten, und Wolfram Lotz hat sie in seinem Stück in hoher Zahl geliefert, erscheint die Finsternis in der Tat einfach nur lächerlich. Lotz hat mal das Licht angemacht.

Wenn „Apocalypse Now“ eine Aufsehen erregende Adaption der 1902 entstandenen Erzählung „Das Herz der Finsternis“ war, dann ist „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz eine Lachen erzeugende Persiflage auf beide Werke. Die Inszenierung am Volkstheater von Lukian Guttenbrunner war zudem eine gelungene, die, obgleich über weite Strecken sehr lustig und komödiantisch, nie aus dem Auge verlor, worum es eigentlich geht: um Krieg und dessen Absurdität. Dieses Stück ist eigentlich ein gelungener therapeutischer Ansatz für all diejenigen, die stirnrunzelnd und mit flatternden Nüstern Gefahren wittern und meinen, ganz im Sinne von „Si vis pacem para bellum“ („Wenn du (den) Frieden willst, bereite (den) Krieg vor.“): “Siehe, die Finsternis!“ Also, besser erst mal aufrüsten, dann sieht man schon. Was kann man schon sehen? Die Welt in Schutt und Asche, und zwar garantiert! Hat bisher immer funktioniert.

Wolf Banitzki

 


Die lächerliche Finsternis

von Wolfram Lotz

Mit: Agnes Decker, Pascal Fligg, Jakob Immervoll, Pola Jane O´Mara

Regie: Lukian Guttenbrunner
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