Volkstheater  Hedda Gabler von Henrik Ibsen


 

Frei von Tiefenpsychologie und doch tiefgründig

Vor genau 55 Jahren begann Friedrich Luft seine Kritik zur Aufführung von „Hedda Gabler“ am Berliner Renaissance-Theater (Regie: Ullrich Haupt) mit folgenden Worten: „Ibsens Halt- und Spielbarkeit neu zu untersuchen, ist an der Zeit. In schweigender Übereinkunft schienen unsere Theater gesonnen, ihn vorerst auf dem toten Gleis der Halbklassiker, deren Verwendbarkeit gelitten hat, vorsichtig abzustellen. Seine Größe ist unbestritten, genutzt wird sie wenig.“ Die Inszenierung wertete Luft als einen Erfolg, nicht zuletzt, weil sie sich einer Neuübersetzung von Hans Egon Gerlach bediente. Regisseurin Lucia Bihler wählte für ihre Inszenierung am Münchner Volkstheater die Übersetzung von Peter Zadek und Gottfried Greiffenhagen, die fünfzehn Jahre nach der von Luft besprochenen Vorlage entstanden war, jedoch in eine gänzlich andere Theaterepoche fiel. Seither ist ein weiteres halbes Jahrhundert ins Land gegangen und tatsächlich fühlt man sich in vielen Inszenierungen der Werke Ibsens wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ohne Frage konnte man in den letzten Jahrzenten ambitionierte Inszenierung erleben, doch wirklich überrascht durch Originalität und herausragender Lesart hat kaum eine.

Der gebürtigen Münchnerin Lucia Bihler gelang dieser Coup. Es hat sich stets als probates Mittel erwiesen, Stücke, die, wie „Hedda Gabler“, annähernd 130 Jahre auf dem Buckel haben, szenisch in die Neuzeit zu transponieren und sie mit Neologismen und Zeitbezügen aufzupeppen. Das reicht normalerweise aus, wenn die Substanz des Stückes zeitlos und menschlich/allzumenschlich ist. Letzteres trifft auf das Stück ohne Frage zu. In „Hedda Gabler“ wird die Geschichte der Generalstochter Hedda erzählt, die ihren sozialen Status und ihre Sicherheit über die Liebe stellt und den zwar mittelmäßig begabten, aber ambitionierten Historiker Jörgen Tesmann heiratet. Der hat auf die Aussicht auf eine Professur hin kräftig Schulden gemacht, um Hedda den angemessenen bürgerlichen Rahmen zu bieten. Nach der Rückkehr aus den Flitterwochen, taucht in der betulichen Kleinstadt der ehemalige Verehrer Heddas und wissenschaftlicher Konkurrent Tesmans Eilat Lövborg auf. Das Unheil kündet sich durch eine ehemalige Schulkameradin Heddas, Thea Elvstedt an, die die letzten Jahre an der Seite Lövborgs als liebende Freundin und Mitarbeiterin fungiert hat. Hedda sieht ihre bürgerliche Existenz gefährdet und muss zugleich erkennen, dass sie in ihrer Mutlosigkeit freiwillig in ein goldenes Gefängnis gezogen war. Sie treibt Lövborg zurück in dessen überwundenen Alkoholismus, stachelt ihn zum Suizid „in Schönheit“ an und vernichtet sein Werk, um sich am Ende selbst das Leben zu nehmen.

Lucia Bihler hat die Geschichte nicht ins Hier und Jetzt geholt; sie tat das Gegenteil und verschob die Geschichte in eine noch fernere Vergangenheit, ins Rokoko. Das Ergebnis war überraschend und erstaunlich zugleich, letzteres, weil es fantastisch funktionierte. Spätestens seit Choderlos de Laclos und seinem Roman „Gefährliche Liebschaften“ wissen wir, dass es keine denkbare Kabale gibt, die nicht auch im Rokoko angesiedelt sein könnte. Gerade im Barock und im Rokoko waren Mesalliancen und sinnentleerte Beziehungen an der Tagesordnung, Standesdünkel schützte vor Selbstentfaltung und der Tod war allgegenwärtig, darum auch die ausschweifende Lebensweise. Obgleich Lucia Bihler in einem Interview im Programmheft zur Inszenierung die Stadt München und das Rokoko über Luxus, Materialismus und Tradition in Verbindung brachte, waren es nicht vornehmlich inhaltliche Ansätze, die diese Inszenierung so sehenswert macht, sondern die Ästhetik.

  Hedda Gabler VT  
 

Jorid Lukaczik, Jakob Immervoll, Anne Stein, Timocin Ziegler,Jakob Geßner, Paulina Alpen, Nathalie Schörken

© Arno Declair

 

Lucia Bihler, die nicht nur Regie, sondern auch Choreografie studiert hat, schuf eine Inszenierung, in der jeder Schritt, jede Pose, jeder Wimpernschlag choreografiert war. Über den Manierismus, der dem Rokoko eigen war, schuf sie Stereotypen, die ganz direkt und unverblümt Protagonisten des Konflikts waren. Der Konflikt, in zeitgenössischen Inszenierungen allzu gern mit Psychologismen ausgeschmückt, um realitätsnäher zu sein, Georg Hensel nannte Ibsens Werk „Die Tragödie auf dem Plüschsofa“, wurde ebenso prototypisch und offenbarte mit äußerster Brutalität, dass das gesellschaftliche Leben mit seinen Konventionen immer auch ein Schlachtfeld ist. "Einmal in meinem Leben will ich Macht besitzen über das Schicksal eines anderen Menschen." Dieser Satz von Hedda Gabler könnte in jeder Tragödie vorkommen.

Den Darstellern war ihre Spiellust deutlich anzusehen, immerhin hielt diese Ästhetik und auch die Bühne von Jana Wassong viel Raum für Komik vor. Heddas goldener Käfig war ein sich stetig drehendes Rondell, überdacht von bauschigen Wattewolken, die auch schon mal geputzt wurden. Auf der Bühne verlieh ein Serviertischchen mit Etagere und quitschbuntem Gebäck Heimeligkeit. Anstelle eines Plüschsofas (Siehe oben.) gab es noch eine Chaiselongue nebst Fußhocker. Die Rokokokostüme von Laura Kirst waren aus bonbonfarbenem Kunststoff genäht und trefflich anzuschauen. Die Rolle der Berte, Heddas Dienstmädchen, war von Lucia Bihler mit Jorid Lukaczik und Nathalie Schörken doppelt besetzt. Beide gaben stumme Dienerinnen, deren Bewegungsabläufe vollkommen mechanisch waren. Sie gehörten der Gesellschaft nicht an, waren aber die Kräfte die das Weltgetriebe oder auch nur die banalen Lebensfunktionen am Laufen hielten.

Hedda Gabler, von der zierlichen Anne Stein gespielt, war ein wahres Monster an Gefühlskälte, selbst der eigene Suizid geschah leidenschaftslos, und Bösartigkeit, was der Rolle im Ibsenschen Drama durchaus entspricht, was man aber selten auf der Bühne zu sehen bekommt. Jakob Immervolls Jörgen Tesman war eine gespreizte Quasselstrippe, der im Satz von einer auf die andere Bigotterie umschalten konnte. Sein Gegenspieler Eilat Lövborg wurde von Jakob Geßner gegeben. Er war zuerst eitler und selbstverliebter Gockel und nach dem Crash mit Hedda nur noch ein in sich zusammengefallener Alkoholiker. Es war nichts an der Figur, das Mitleid erregen konnte. Er war im Grunde nur lächerlich, so lächerlich, wie sein Ende: Ein zufällig ausgelöster Schuss in den Unterleib im städtischen Bordell. Thea Elvstedt, die ohne ihn nicht leben konnte, konnte dann doch leben, nun an der Seite von Tesmann, mit dem sie das verloren gegangen Werk Lövborgs rekonstruierte. Paulina Alpen war die einzige, die gelegentlich ein echtes Gefühl, wenigsten wenn es um sie selbst ging, auf die Bühne brachte. Und last but not least gab es noch den Amtsgerichtsrat Brack, in dessen Abhängigkeit Hedda zuletzt noch geraten war und der keinen Zweifel daran ließ, was er an Hedda begehrte. Timocin Ziegler spielte ihn als aufgeblasenen alten Mann, der mehr vom eigenen Wunsch als von seinem körperlichen Vermögen immer wieder an Heddas Seite gespült wurde. Er was die komischste Figur im Spiel.

Die Inszenierung leistete viel und bereitete Dank der ausgefallenen, aber sinnvollen Ästhetik einen kurzweiligen Theaterabend. Einmal mehr zeigten die jungen Darsteller des Volkstheaters, was in ihnen steckt, wenn sie denn einmal losgelassen und dabei doch glänzend geführt werden. Nämlich Theater vom Feinsten. Diese Inszenierung, die weitestgehend frei von Tiefenpsychologie aber dennoch tiefgründig ist, sei auf das Wärmste empfohlen, zeigt sie doch auch, wie weit Theater den Betrachter in die wunderbarsten Gefilde der Fantasie davontragen kann. Und das mit einer Tragödie von Ibsen. Chapeau!

Wolf Banitzki

 


Hedda Gabler

von Henrik Ibsen

Mit: Anne Stein, Jakob Immervoll, Jakob Geßner, Paulina Alpen, Timocin Ziegler, Jorid Lukaczik, Nathalie Schörken

Regie: Lucia Bihler
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