Volkstheater  Der haarige Affe von Eugene O'Neill


 

O‘Neill oder Vom Glück der Tragödie

Yank ist ein wahrer Kraftprotz, fest davon überzeugt, dass er alle Grenzen überschreiten, alle Ketten brechen kann, denn er zählt sich zu dem Teil der Existenz, der bewegt, der Kraft freisetzt, der die Seele des Stahls ist. Mit 25 Koten schippert er im Bauch des Ozeandampfers zwischen den Kontinenten herum und glaubt, er allein sei es, der den Koloss in Bewegung hält, denn er ist der Heizer. Für seine Kollegen Paddy und Long, die sich über die Lebensumstände, das Essen, die lichtlose und trübselige Existenz, die miese Behandlung beschweren, hat er nur ein Lachen übrig, denn die hält er für zu schwach und zu wehleidig.

Doch dann begegnet er tief unten im rußigen Bauch des Schiffes Mildred Dougles, ihres Zeichens Tochter des Stahlmagnaten und Eigner der Schifffahrtsgesellschaft, bei der Yank angestellt ist. Mildred Dougles betreibt Elendstourismus, und glaubt, in Yank vielmehr einen „haarigen Affen“ als einen Menschen zu sehen. Yank ist zutiefst verletzt, will Rache nehmen für diese Missachtung und lässt sich von Long auf die Fifth Avenue bringen, wo die feine Gesellschaft ihren obligatorischen Kirchgang absolviert. Die Gesellschaft ist unbeeindruckt von Yanks wütendem Auftritt, der lediglich bewirkt, dass er im Gefängnis landet. Freigelassen sucht er Verbündete. Er wendet sich an die Gewerkschaft. Die müssen allerdings schnell einsehen, dass Yank nur auf Rache sinnt und nur ein Ziel hat, das Imperium von Dougles in die Luft zu sprengen. Er wird als Provokateur abgewiesen. Sein letzter Weg führt in den Zoo, wo er den stolzen Gorilla befreit, der sich mit einer tödlichen Umarmung bedankt.

Es ist ein rohes Stück, das sich, wie O’Neill selbst bemerkt, allen „gängigen Ismen“ entzieht, dann immerhin eingesteht, dass es dem Expressionismus am nächsten kommt. O’Neill wusste immerhin, worüber er schrieb, war er doch selbst Goldsucher in Honduras, Tramper durch Argentinien und Matrose auf einer Dreimastbark. Bereits 24-jährig war er lungenkrank, las während des monatelangen Aufenthaltes im Gaylord-Farm-Sanatorium „so ziemlich alle Klassiker“, unter ihnen auch die Dramatiker Ibsen und Strindberg. Letzterer war für ihn der größte Inspirationsquell, wie er in seiner Nobelpreisrede 1936 ausdrücklich betonte. Dabei erinnern seine Stücke vielmehr an die Werke des Expressionisten Georg Kaiser, den er in deutscher Sprache lesen konnte, denn er hatte die Sprache erlernt, um die Werke Friedrich Nietzsches im Original zu lesen.

Regisseur Abdullah Kenan Karaca brachte das Stück dann auch als expressionistisches Werk auf die Bühne des Volkstheaters. Das Bühnenbild von Vincent Mesnaritsch bestand aus einem rußgeschwärzten, fast lichtlosen Kohlenbunker auf der Bühne, mit einem Schacht nach oben, der bis zur ersten Klasse hinaufreichte und einen goldenen Abglanz warf. Auf Requisiten wurde beinahe gänzlich verzichtet und alle Auseinandersetzungen fanden in kraftvollem, rüdem Ton statt. Auch auf psychologische Anklänge wurde weitestgehend verzichtet. Denn im Stück agieren Mildred Dougles, arrogant und ignorant gespielt von Nina Steils, und Tony Lazar, mehr flankierend als einbezogen und mit dem Habitus eines englischen Butlers, gegeben von Mauricio Hölzemann, als Paar mit Reminiszenzen von Eifersucht, Intrige, etc. Die Anstandsdame Katharine Clifton, eine schrill kichernde und sich hysterisch äußernde Luise Deborah Daberkow, vervollkommnete das dekadente Trio. Auf ausgestellten Umgangston und feine Manieren als Abstandshalter zum Proletariat verzichtete Abdullah Kenan Karaca weitestgehend. Das Leben der „feinen Gesellschaft“ blieb marginal.

  Der haarige Affe  
 

Jakob Immervoll, Jonathan Müller, Silas Breiding

© Arno Declair

 

Karaca konzentrierte sich auf die drei Heizer, von denen Paddy der eloquenteste war. Jakob Immervoll zeichnete diese Figur als ein von der Schwerstarbeit und den miserablen Umständen niedergedrücktes menschliches Wrack, der doch immerhin noch genug Fantasie besaß, Schönheit zu beschwören. Belächelt als Wirrkopf wurde er von Long, einem Idealisten, der sich auf die Bibel berief und zum Kampf, keinem gewalttätigen wohlgemerkt, für die Befreiung der gequälten Kreatur aufrief, denn, so sein Argument, bereits in der Bibel ist verbrieft, dass alle Menschen gleich sind und ein Recht auf Freiheit und Menschenwürde haben.

Zu dieser Einsicht gelangte Yank, mit bürgerlichem Namen Robert Smith, nicht mehr. Sein Amoklauf endete, wie er enden musste, unerhört und in den Klauen eines wirklich haarigen Affen. Jonathan Müller überzeugte in dieser Rolle ohne Einschränkungen. Die von O’Neill geforderte wüste Vitalität geschah auf der Bühne des Volkstheaters. Was nicht geschah, war Hoffnung und die gibt es in den Stücken von Eugene O'Neill auch nicht. Für ihn war das Leben zumeist Tragödie und genau der hatte er sich, wie sein Protagonist Yank auch, verschrieben: „Ich finde mehr Glück in einer wirklichen Tragödie als in allen Stücken mit glücklichem Ausgang, die je geschrieben wurden. Es ist nur das heutige Tagesurteil, dass das Tragische ‚Unglück‘ bedeutet. Die Griechen und die Männer aus Shakespeares Zeit wussten das besser. Sie fühlten das gewaltige Leben innerhalb der Tragödie. Sie erhob sie zu einem tiefen Verstehen des Lebens, sie sahen ihr Leben veredelt durch sie. (…) Ich liebe das Leben nicht, weil es angenehm ist – Annehmlichkeit sitzt nur in den Kleidern. Meine Liebe ist tiefer, ich liebe es nackt.“ (Eugene O'Neill)

Als die acht Szenen gespielt waren, die Szenenwechsel fanden wie ein Scannvorgang statt, denn ein greller Leuchtstab glitt über die ganze Fläche der unsichtbaren vierten Wand, ertönte nicht der übliche frenetische Beifall, obgleich Regisseur Abdullah Kenan Karaca und seine Darsteller eine grundsolide und ansprechende Arbeit abgeliefert hatten. Das hatte möglicherweise zwei Gründe. Der erste war die expressionistische Spielweise, die kaum Zwischentöne zuließ und somit ein so extrem düsteres und druckvolles Bild zeichnete, dass man als Zuschauer nur noch flach atmen konnte.

Ein anderer Grund mag sein, dass die jüngeren Menschen, und die bevölkern vorzugsweise das Münchner Volkstheater, mit einem Begriff wie Klassenkampf nichts mehr anfangen können, weil dieser nach dem Fall des Ostblocks gänzlich aus dem Bewusstsein geriet. Die politischen und liberalen Vertreter, die das „Scheitern des sozialistischen Experiments“ ausgelassen feierten, haben alles daran gesetzt, diese Ideen vergessen zu machen. Dennoch gibt es die von O’Neill beschriebenen gesellschaftlichen Missstände in unserem Land natürlich nicht in der Deutlichkeit. Die Uraufführung des Stücks war immerhin vor 100 Jahren. Aber so, wie es den Kapitalisten, er nennt sich lieber Unternehmer, noch gibt, so gibt es auch noch den Proletarier. Karl Max definierte ihn als den „doppelt freien Lohnarbeiter“. Der Proletarier ist frei von Arbeit und frei von Besitz an Produktionsmitteln, also der Lohnarbeit ausgeliefert.

Heute nennt man ihn allerdings nicht Proletarier, sondern HartzIVler. Das Bewusstsein für diese Sicht auf die Gesellschaft ist längst mit allen denkbaren Mitteln weich- oder ausgespült worden. Ein Indiz dafür ist der Niedergang der SPD, die einstmals die erste Klassenkampfpartei unter Ferdinand Lassalle war. „Alle große politische Aktion besteht im Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und bemänteln dessen, was ist.“ (Ferdinand Lassalle, Gründer des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“, Basis für die Entstehung der SPD) Die Aufführung am Münchner Volkstheater ist so eine Aussprache, zumindest suggeriert die Art der Inszenierung das. Einige Irritationen hat sie mit Sicherheit gebracht und nun sollte das Nachdenken beginnen.

Wolf Banitzki

 


Der haarige Affe

von Eugene O'Neill

Mit: Jonathan Müller, Luise Deborah Daberkow, Nina Steils, Jakob Immervoll, Mauricio Hölzemann, Silas Breiding

Regie: Abdullah Kenan Karaca
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