Volkstheater  Am Wiesnrand UA von Stefanie Sargnagel


 

Wenn man im eigenen Bäuerchen erwacht

Die Wienerin Stefanie Sargnagel, Autorin und Cartoonistin, preisgekrönt für komische Kunst und Mitglied der Autorengruppe „Wiener Grippe“, ging auf eine nicht für nervenschwache Bürger zu empfehlenden Exkursion auf die Münchner Wiesn. Ihr tagebuchartiger Statusbericht ist erschütternd und es steht zu befürchten, dass er der Wahrheit sehr nahe kommt. Das älteste und größte Volksfest der Welt hat seine Wurzeln in der Eheschließung des Kronprinzen Ludwig und der Prinzessin Therese am 12. Oktober 1810. Am 17. Oktober desselben Jahres fand ein Pferderennen statt, auf das das so genannte Oktoberfest zurück geht. Zu diesem Rennen erschienen auf der Theresienhöhe (ursprünglich Sendlinger Berg) 40.000 Zuschauer. Inzwischen wurde immerhin das 186. Oktoberfest gefeiert.

Zur Wiesn reisen Menschen aus aller Welt an und in den ca. zwei Wochen werden inzwischen über 6 Millionen Besucher gezählt. 2018 generierte das Volksfest inklusive Übernachtungen satte 1,2 Milliarden Euro. Diese nüchternen Fakten erklären erst einmal gar nichts, denn der Institution Wiesn muss ein tieferer mythischer Sinn innewohnen, da nur Cholera-Epidemien und Kriege das Fest seither verhindern konnten. Möglicherweise, denn völlig gesicherte Erkenntnisse kann auch Frau Sargnagel nicht liefern, steht die zwingende Magie dieses Festes mit den Selbsterfahrungen der Besucher in Zusammenhang. Die sind extrem, ähnlich wie eine Besteigung des Mount Everest oder vergleichbare Extremsportunternehmungen. Dabei vermittelt der äußere Eindruck erst einmal vordergründige Idylle. Doch die ist trügerisch, so trügerisch wie die Verkleidungen der Besucher. Nur in den wenigsten Krachledernen oder Dirndln stecken auch tatsächlich bajuwarische Landsleute. Als Bajuwarisch definiert sich, wer in dritter Generation im Land ansässig ist. In einigen Regionen muss man sogar fünf oder sechs Generationen Vorfahren auf dem Friedhof liegen haben, um eingebürgert zu sein.

Stefanie Sargnagel legte Zeugnis ab von den besonderen Qualitäten der Bayern. Die unterscheiden sich auf dem ersten Blick kaum von den Österreichern, allein, der Bayer ist deutlich gesünder und kerniger, wenngleich nicht schöner. Schönheit ist ohnehin keine bayerische Tugend. Während die Österreicher selbstmitleidig und von slawischer Schwermut befallen sind, ist das bayerische Volk eine Vereinigung der „drallsten, deutschsprachigen Stämme, vereint zu einem Pfropfen, der jeden geistigen Fluss luftdicht verschließt und einen vor krankmachender Grübelei bewahrt.“ (Hört! Hört!) Desweiteren werden Rituale beschrieben, wie sie auf der Wiesn ausgestellt werden. Diese Rituale haben ihren Ursprung in der Neigung zum Exzess. Was physiologisch eigentlich nicht möglich ist, wird praktiziert und bewiesen. Zum Beispiel, wie schafft es ein Mensch bei einem einzigen Besuch, einige gehen ja mehrfach auf die Wiesn, mehr als ein Zehntel des eigenen Körpergewichts an totem Fleisch und vergorener Gerste in sich hineinzupressen?

  Am Wiesnrand  
 

Henriette Nagel, Pola Jane O’Mara, Jonathan Müller, Nina Steils, Jan Meeno Jürgens

© Arno Declair

 

Es geht dabei, wie der eine oder andere Leser jetzt schon vermutet, in erster Linie immer um die Befriedigung der vitalen Bedürfnisse. Für die Öffentlichkeit, insbesondere die Mitbürger, die das Fest noch nie aus eigener Anschauung kennengelernt haben, bedeutet die Wiesn „Tradition und Trachtenfasching und bayerische Gemütlichkeit“. Übersetzt in die vulgäre Realität, praktiziert von einem großen Teil der Wiesnbesucher, heißt es aber Fressen, Saufen, Ficken.

Um uns diese Tatsachen erträglicher zu gestalten, fand die Bestandsaufnahme mit dem Titel „Am Wiesenrand“ in einem Theater statt, genauer im Volkstheater, und Christina Tscharyiski wurde hinzugezogen, um es einem willigen Publikum schonend beizubringen. Es bedurfte schon eines gehörigen Aufwands, um die Realität künstlerisch zu brechen und den Anschein zu erwecken, hier handele es sich nur um ein Theaterstück. Zu diesem Zweck schuf Sarah Sassen ein Bühnenbild, dass der gefälligen These, „Das Oktoberfest ist eine Urmutter, die uns alles gibt!“, Vorschub leistete. Es bestand aus einem gewaltigen Frauenkörper mit prallem Bauch und üppigen Brüsten, ausgestreckt über die ganze Breite der Bühne. Und um die Angelegenheit noch weiter zu verklausulieren und der Realität nicht zu nahe zu kommen, hüpften die fünf Darsteller als Flöhe (Kostüme Svenja Gassen) über diesen wunderbar prallen Mutterkörper. Dabei taten sie die Beobachtungen und Erkenntnisse von Stefanie Sargnagel, die das exorbitante Risiko eines mehrtägigen Wiesnbesuches nicht gescheut hat, kund. Die sollen hier im Detail nicht weiter ausgeführt werden, denn sie könnten die Leser über Gebühr verstören. Tatsächlich hat das, was gemeinhin als „Oktoberfest“ bezeichnet wird, etwas Infernalisches.

Nun stellt sich die Frage, dass, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, viele der Handlungsweisen, die im Kontext einer Kulturgesellschaft menschlich kaum zu nennen sind, dokumentiert vorliegen, der Mensch, insbesondere der Wiesnbesucher nicht vor seinem Spiegelbild entsetzt zurück schreckt und sich abwendet? Weil der Mensch - gemeint sind natürlich immer die Anderen - es nicht will und weil sich der Mensch möglicherweise 50 Wochen des Jahres mit übermenschlichen Kräften selbst kontrolliert und diszipliniert, um dann zwei Wochen zu sein, was er tatsächlich ist? Fragen über Fragen, die weit zurückreichen bis an die Schwellen des Primatentums. Immerhin hat der Mensch Wege und Lösungen gefunden, das Gesamtbild zu schönen, zu verklären etc. Über die lustige Verkleidung (Brathändelhüte etc.) hinaus ist die Musik ein probates Mittel. Regisseurin Christina Tscharyiski trat im Volkstheater den Beweis an, in dem sie die Musikanten von EUROTEURO aus Wien auf die Bühne brachte. (Es ist doch erstaunlich, wozu die Österreicher trotzdem – Siehe oben! - doch anhaltend gut sind.) Wann immer die Darsteller mit ihren Tatsachenberichten vom Kotzhügel oder den Toiletten die Zuhörer an die Grenzen brachten, sprang die Band, die sich selbst zwischen Gaga und Dada ansiedelt, in die Bresche und half mit Titeln „Bla bla bla“, „Tagada“ oder „Ins Glück“ durch gezielte Ablenkung den Brechreiz oder das Nervenflattern zu mildern.

Vor diesem Stück und dessen Inszenierung sei gewarnt. Der Text besitzt eine diabolische (österreichische) Intelligenz und die Inszenierung stellt eine echte Indoktrination desselben dar, um den Zuschauer dahingehend zu beeinflussen, von liebgewonnenen Traditionen Abstand zu nehmen. Kann man das Oktoberfest wegdenken? Kaum, schließlich ist das Argument, in zwei Wochen mehr als eine Milliarde Euro zu machen, nicht leicht unter den Tisch zu kehren. Wenn’s ums Geld geht, hört der Spaß naturgemäß auf. Aber vielleicht ist das Oktoberfest auch gut dafür, dass sich die bajuwarische Manneskraft an Brathendl, Ochse, Schweinshaxe und Maß erschöpfend abarbeitet, und sie darum nicht irgendwo bei dem Nachbarn einmarschieren. Fragen über Fragen und eine kann schlaflose Nächte bereiten: Gibt es die Grube für die Opfer tatsächlich, wo die Kadaver derer, die der Prüfung nicht standhielten, mit Kalk bestreut werden, damit die Verwesung nicht zu lästig wird? Glücklich, wer am Ende doch noch in seinem eigenen Bäuerchen aufwacht. – Ignorieren Sie die Kritik und gehen Sie in die Vorstellung, denn es war irrsinnig komisch, absolut kurzweilig und sehr erhellend!

Wolf Banitzki

 


Am Wiesnrand UA

von Stefanie Sargnagel

Mit: Jan Meeno Jürgens, Jonathan Müller, Henriette Nagel, Pola Jane O´Mara, Nina Steils

EUROTEURO: Katharina Seyser-Trenk, Katarzyna Gruszka / Wolfgang Möstl, Florian Seyser-Trenk, Werner Thenmayer

Regie: Christina Tscharyiski

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