Volkstheater Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben von Kurt Wilhelm /  Franz v. Kobell




Franz von Kobell würde es mögen

Für einen "Preußen", der bayerischen Mundart nicht mächtig, mit einem gespaltenen Verhältnis zu (volks-)tümelndem Theater a là Millowitsch oder Ohnsorg, konnte der Brandner Kaspar nur eine Herausforderung sein. Und da man als Kritiker möglichst objektiv sein möchte, schien es geraten, sich die kurze Novelle des Professors für Mineralogie Franz von Kobell anzuschauen. Ausgangs des 19. Jahrhundert verfasst, bündelt es Kobells ganzes Themenspektrum, bestehend aus Natur, Jagd, Liebe und alkoholischen Getränken. Die Geschichte ist einfach erzählt.

Der Brandner Kaspar wird im zweiundsiebzigsten Lebensjahr vom Boandlkramer heimgesucht, der ihn abberufen will. Ein Preuße braucht da schon seine Zeit, um herauszufinden, dass es sich um einen Gebeinhändler, also um den personifizierten Tod handelt. Der Brandner, noch voller Saft und Kraft, verführt den grausigen Gesellen zu einem Trinkgelage und spielt mit gezinkten Karten um weitere 18 Lebensjahre. Doch bald schon muss er einsehen, dass der Handel nicht den versprochenen Gewinn bringt. Er sieht seine Nächsten nach und nach abtreten und bleibt allein zurück. Im Himmel wird die Geschichte ruchbar und der Boandlkramer erhält den Auftrag, den Brandner augenblicklich heimzuholen. Er beschwatzt den Brandner, doch einmal einen Blick ins Paradies zu werfen. Gesagt und getan entscheidet sich der Brandner stehenden Fußes für den Einzug in dasselbe. Der Tod hat seinen Schrecken verloren und das ist auch die ganze Botschaft der Geschichte.


Maximilian Brückner, Alexander Duda

© Arno Declair


Intendant und Regisseur Christian Stückl gab denn auch vorab eine Einführung, in der er mehr von sich als vom Brandner sprach. Er ließ das begierigen Publikum wissen, wie er zu diesem Stück kam und konnte eigentlich keine rechte Antwort darauf geben. Es klang wie die Geschichte von der Jungfrau und vom Kind und so unwahr schien es nicht zu sein, denn kein bayerischer Volkstheaterintendant kommt an diesem Stück auf Dauer vorbei. Schon gar nicht, wenn das Haus in München steht, wo die Menschen unter einem Volkstheater gleichsam ein Mundarttheater verstehen. (Laut Statistik sollen es 80 Prozent sein.) 26 Jahre lief es bis vor kurzem im Residenztheater, zumeist ausverkauft. Alles das ist nicht sehr ermutigend für einen Kritiker, der aus "Preußen" stammt. So hieß es, sich vorbehaltlos und unvoreingenommen hinein zu begeben in das Abenteuer. Das Ergebnis war mehr als überraschend. Stückl hat die dramatische Vorlage von Kurt Wilhelm entschlackt und zeitgemäß aufgepeppt, ohne die Volksseele zu enttäuschen. Die daraus resultierende Dramaturgie kann als Gewinn für das Stück verbucht werden. Er nahm sogar einen Preußen in das Spiel auf und schuf damit die Möglichkeit zu aktuellen politischen Spitzen. Das ist echtes Volkstheater, siehe Shakespeare. Drei Stunden und zehn Minuten schlugen die Darsteller alle in den Bann, die Augen und Ohren hatten, denn Regisseur Stückl inszenierte nicht nur Schauspiel, sondern über weite Strecken hinweg schmissige Volksoper. Die Jungen Riederinger Musikanten, beim Kritiker seit der Inszenierung von "Geierwally" aktenkundig, ließen bayerisches Nationalgefühl hörbar werden. Derb ging es zu beim Saufen, Lieben, Tanzen und Sterben.

Die drei atmosphärischen Bühnenbilder von Alu Walter ließen dabei nichts vermissen. Im dunklen Wald gerann die Jagd zur Farce, in der niedrigen Stube die Lebensfreude zum Fest und im Himmel bedarf es zur Glückseligkeit, wie sollte es anders sein, der Weißwurst und der Brezn. Auch Belzebub darf nicht fehlen, wider den tierischen Ernst. Alexander Dudas Brandner strotzt an der Schwelle zum Tod vor Lebensgier. Seine Wandlung zum gebrochenen Mann überzeugt ebenso wie das geradezu kindlich-freudige Erwachen im Elysium. Den Preußen Kai-Uwe von Ziethen gab Tobias von Dieken schmissig bis zum Schwachsinn doch keineswegs denunzierend. Man schaut halt nicht auf die anderen deutschen Volksstämme herab. Sein Auftritt vor dem Heiligen Portner, im Hochdeutschen nennt man ihn vorzugsweise Petrus, brachte ihn auch schon mal um die nötige Atemluft, was den Preußen glaubhaft machte, die Textverständlichkeit allerdings beeinträchtigte. Peter Mitterruntzer hingegen demonstrierte einen Habitus, der jedem Papst gut anstehen würde. Aus dem durchgehend gut bis sehr gut agierenden Ensemble, immerhin waren auch Laiendarsteller dabei, hob sich jedoch eine Leistung heraus, die des Boandlkramers. Zweifellos ist der Darsteller schon durch diese Rolle bevorzugt. Sie ist in ihrer Charakteristik vergleichbar mit der des Jagos oder des Mephistos. Doch sie will gefüllt sein. Wann immer in München der Name Brandner Kaspar fällt, wird ein zweiter sofort nachgereicht: Toni Berger. Maximilian Brückner hatte also gegen einen übermächtigen Geist anzuspielen, der noch immer umgeht in den Köpfen. Bei der Einführung durch den Intendanten kam beispielsweise heraus, dass mehr als neunzig Prozent der Anwesenden die Residenztheaterinszenierung kannten. Der sechsundzwanzigjährige Brückner hat diese Herausforderung mit Bravour gemeistert. Mit großem mimischem aber auch körperlichem Aufwand bis hin zum Slapstick machte er aus der jenseitigen Gestalt eine sehr menschliche Figur. Regisseur Stückl führte ihn mit kompetenter Hand durch alle Klippen, die dieser Rolle eigen sind. In keiner Szene uferte die Geschichte zur Klamotte aus und so war auch ein kritischer Preuße, der vom überreichen Wortwitz nicht alles verstand, am Ende absolut überzeugt von der Unternehmung, die ohne Zweifel etwas Identitätsstiftendes hat. Fast ist er ein wenig neidisch auf die Bayern, die er nach dieser Inszenierung wesentlich besser versteht.

Und noch etwas, da wir vom Tod sprechen. Auch Toni Berger, Gott hab ihn selig, ist ersetzbar. Ich bin mir sicher, er sitzt da Droben und stimmt mir zu, wenn ich behaupte, diese Inszenierung könnte in Bayern Kultstatus erlangen.


Wolf Banitzki

 

 


Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben

von Kurt Wilhelm / Franz v. Kobell

Alexander Duda, Maximilian Brückner, Kathrin von Steinburg, Stefan Murr, Markus Brandl, Wilfried Labmeier, Ursula Burkhart, Tobias van Dieken, Peter Mitterrutzner, Hubert Schmid, Agnes Staber, Josef Staber
Junge Riederinger Musikanten: Dominikus Brückner, Florian Brückner, Andreas Buntscheck, Andreas Engelmann, Franz Maier, Franz Staber, Martin Weyerer

Regie: Christian Stückl
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