Kammerspiele Werkraum  Unheimliches Tal von UA von Rimini Protokoll & Thomas Melle


 

Sein Sie gegrüßt, Herr Melle 2.0 …

Thomas Melle hat ein Problem. Seine Lesungen laufen immer nach demselben Muster ab und spätestens bei der dritten Lesung mangelt es ihm selbst an Wahrhaftigkeit. Zudem ärgert ihn seine unzuverlässige Gesundheit. Seine psychische Erkrankung, manische Schübe seiner Depression kommen unangekündigt, werfen sein Leben immer wieder durcheinander und er muss die Enthusiasten, die sich auf seine Auftritte und Lesungen freuen, bisweilen enttäuschen. Wie wäre es also mit einem Doppelgänger, einem Roboter, der ihm zum Verwechseln ähnelt und dem diese Aufgabe keinen Verdruss bereiten kann, denn er arbeitet letztlich völlig emotionslos immer nur dasselbe Programm ab.

Die Idee ist sowohl verlockend, wie auch entsetzlich, denn zuallererst wirft sie Fragen auf. Ist das Delegieren unliebsamer Aufgaben tatsächlich ein Mehr an Freiheit? Definieren wir uns nicht über die Gesamtheit unserer Tätigkeiten, auch die Unliebsamen? Was bleibt von uns, wenn wir so viele unliebsame Aufgaben wie möglich abgeben. Frevlerisch behauptet, bliebe von manchen Zeitgenossen gar nichts mehr übrig. Aber ernsthaft, was bedeutet es letztlich, wenn wir die Kontrolle an einen Roboter abgeben, der keinerlei Abweichungen vom Programm, vom Code zulässt. Die Wissenschaft nennt diesen Zustand das „Unheimliche Tal“.

Das Bild, das Melle für den Vorgang wählt, ist in seiner Artikulation erhellend. Seine literarische Arbeit nennt er „Auslagerung“. Teile seines Geistes sind in seine Bücher ausgelagert. Diese Sichtweise ist verblüffend aber logisch. Jetzt gedenkt er Teile seiner Physis auszulagern, in einen Roboter, der dann für ihn herumreist, um die unliebsamen Dinge, weil er über diese nicht permanent die volle Kontrolle hat, zu erledigen. Befremdlich wird es, wenn der Roboter, also das Double des originalen Menschen, auf dieselbe Idee kommt… Also sind Stefan Kaegi und Thoma Melle daran gegangen, eine „Lesung“ zu schreiben und zu inszenieren, die dem Doppelgänger implantiert wurde.

  Unheimliches Tal  
 

 © Gabriela Neeb

 

Wesentliche Inhalte dieser „Lesung“ war die Beschreibung des Produktionsprozesses der animatronischen Kopie. Der Roboter berichtete aber auch davon, dass er sich mit der Arbeit des Informatikers Alan Turing, einer der Väter unseres heutigen Computers, beschäftigt hat. Turing war homosexuell und wurde deswegen zwangstherapiert und zwangsmedikamentiert. Die Hormongaben haben ihn völlig verändert. Seine genialischen Gedanken, die er zur Informatik entwickelte, wurden nur noch durch seine Entdeckungen in der Biologie übertroffen. Diesem Gebiet wandte er sich in seiner zweiten wissenschaftlichen Karriere zu. Dort entdeckte er die Unordnung, die der Materie immanent ist und vor allem deren Schönheit. Zuletzt nahm sich Turing mit einem mit Cyanid vergifteten Apfel das Leben. Inspiriert wurde er dazu von dem Disney-Film Schneewittchen.

Im schwarzen Bühnenraum wurde der Zuschauer von einem leblosen humanoiden Roboter empfangen, der das identische Aussehen des Schriftstellers Thomas Melle hatte. Er saß mit übergeschlagenem Bein auf einem Sessel, gleichsam Teil seines Körpers, der viel Technik enthielt. Neben sich in Reichweite ein Tischchen mit PC. Daneben eine weiße Projektionsfläche. Der Hinterkopf des Roboters war offen, so dass erst gar nicht die Illusion aufkommen konnte, es handle sich um einen von einem Menschen gespielten Roboter. Der Anblick war befremdlich, denn die Ausarbeitung der Gesichtszüge, der Hände und die Konsistenz der Haut und der Haare waren nahezu perfekt. Das Licht ging aus und der Roboter öffnete langsam und kaum merklich die Augen. Dann bewegten sich der Kopf und die Hände und er räusperte sich einige Male mit der Stimme von Thomas Melle, ehe er seinen Vortrag, begleitet von Videoeinspielungen und Bildern auf dem Projektionsschirm, begann.

Eine Performance dieser Art hat immer auch das Ziel, den Betrachter zu verleiten, sich selbst zu beobachten und seine eigenen Empfindungen zu kontrollieren und zu analysieren. Nun ist das Thema humanoide Robotik so groß, dass eine einstündige Vorstellung kaum mehr als eine Ahnung erwecken kann, wie umwälzend eine Realisation sein wird. Wir haben uns dank der Science Fiction Literatur schon lange mit diesen leblosen Wesen umgeben, doch eine reale Begegnung mit einer derartigen Maschine fühlt sich dann doch ganz besonders an. Und das ist es, was diese Arbeit geleistet hat. Eine Ahnung, ein echtes Gefühl war möglich.

Und als die Stunde vorüber war, stellte sich plötzlich die Frage, wem kann ich jetzt applaudieren? Einer Maschine, die abgeschaltet ist? Das wäre ziemlich lächerlich. Auch daran hatten Melle und Kaegi gedacht, denn der Roboter erklärte dem Publikum, dass, wenn sie jetzt applaudieren, es füreinander tun, für das Publikum, das sich hier gemeinsam zu dieser Veranstaltung zusammengefunden hat.

Einmal ketzerisch weitergedacht: Was ist, wenn die Zuschauer im Publikum animatronische Kopien wären, die stellvertretend für Menschen da sind, die sich zwar den Anstrich der Kulturbeflissenheit geben, aber doch lieber am häuslichen TV Gerät der Life-Übertragung eines Fußballspiels folgen?

Wolf Banitzki

 


Unheimliches Tal

von Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) & Thomas Melle

Stimme Thomas Melle

Inszenierung Stefan Kaegi

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