Cuvilliéstheater Hoppla, wir leben! von Ernst Toller


 

 

Hoppla!

„Aufstieg und Terror nationaler Populisten, die Grabenkämpfe der Sozialisten und die uneingeschränkte Macht von Finanzwirtschaft und Industrie hatten…“ Nein, keine Angst, es ist kein „modernes“, ästhetisch überdrehtes zeitgenössisches Stück. Es ist „Hoppla, wir leben!“ von Ernst Toller, beinahe neunzig Jahre alt. Erzählt wird die Geschichte des Kriegsteilnehmers, Revolutionärs und Pazifisten Karl Thomas. Eigentlich könnte man auch getrost sagen, dass es die Geschichte von Ernst Toller selbst ist. Der hatte sich freiwillig in den Ersten Weltkrieg gemeldet und litt unsäglich unter dem Schlachten, dieses ersten, als Materialschlacht geführten Krieges, in dem der Mensch nur noch Kanonenfutter war. 1917 wurde Toller wegen Magen- und Herzversagens als kriegsuntauglich entlassen. Er gründete mit Heidelberger Studenten einen Kampfbund mit dem Ziel, Völkerfrieden zu schaffen und die Armut in der Welt zu bekämpfen. Die Oberste Heeresleitung verbot die Organisation; Toller wurde Sozialist. Er wurde in München als Streikführer verhaftet, ins Militärgefängnis gesteckt und psychiatrischen Untersuchungen unterzogen. Am 16. Juli 1919 verurteilte ihn ein Sondergericht zu fünf Jahren Festungshaft. Toller: „Ich hätte das Verbrechen des Hochverrats begangen, aber aus ehrenhaften Motiven.“

Am 1. September brachte Erwin Piscator, der Großmeister des proletarischen Agitationstheaters, Tollers Fünfakter mit Vorspiel unter Verwendung von ausgefeilten technischen, filmischen und akustischen Effekten auf eine Etagenbühne. Im Vorspiel planen politische Gefangene die Flucht aus dem Zuchthaus, um ihrer Hinrichtung zu entgehen. Doch dann werden sie überraschend begnadigt. Karl Thomas befällt ein Wahnsinn, der ihn für Jahre in einer Irrenanstalt fesselt. Er kommt, endlich gesundet, frei und muss begreifen, dass sich die einstigen Kampfgefährten entweder korrumpieren ließen oder zu Salonrevolutionären verkommen waren. Die einstigen Peiniger hatten indes Karriere gemacht. Der einstige Mitgefangene Wilhelm Kilman hat es sogar bis zum Minister gebracht. Einzig Eva Berg ist ihren Idealen treu geblieben und kämpft ihren aussichtslosen Kampf in der Gewerkschaft. Für sie ist der Kampf immerhin so wichtig, dass sie sich einem gemeinsamen Leben mit Karl verweigert. Karl findet Arbeit als Kellner in einem noblen Hotel und muss mit ansehen, wie die politischen und wirtschaftlichen Eliten miteinander kungeln und das Land und die untere Klasse ausplündern. Er entschließt sich wutentbrannt, den einstigen Mitstreiter und jetzt korrupten Minister Kilman zu töten. Ein rechtsnationaler Student kommt ihm zuvor und erschießt den „bolschewistischen“ Minister. Der Verdacht fällt auf Karl und die Mühlen der Justiz beginnen zu mahlen. Am Ende finden sich alle ehemaligen Kampfgefährten im Gefängnis wieder. Karl erhängt sich, wie 12 Jahre später Ernst Toller in seinem US amerikanische Exil. Karl: „Es gibt nur eins: sich aufhängen oder die Welt verändern.“ Tollers Abschied: „Kein Schlaf, kein Schlaf (…) Die Tat vergeblich, das große Umsonst, immer wieder – und niemals Schlaf (…) endlich erzwingt man ihn.“

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oben René Dumont (Professor Lüdin), Mitte v.l. Thomas Lettow, Valerie Pachner, Gerhard Peilstein, Bijan Zamani, Ulrike Willenbache, Arthur Klemt, unten Franz Pätzold (Karl Thomas)

© Thomas Dashuber

 

Regisseurin Anne Lenk ließ sich von Judith Oswald eine pyramidenförmige, zum Zuschauerraum hin verglaste Etagenbühne entwerfen, wie sie Toller selbst empfohlen hatte. Diese Bühne versinnbildlichte eine (nicht nur zu Tollers Zeiten) ungerecht strukturierte Gesellschaft. Im Rokoko des  Cuvilliéstheater wirkte diese Pyramide wie ein brachialer Einbruch, wie ein Gefängnis aus einem Science Fiction-Film. Die Logen des gläsernen Gebildes ließen nur wenig mehr als Deklamationstheater zu. Doch das reichte, denn Anne Lenk überzeichnete, je höher die Position in der Pyramide war, die Figuren bis ins Groteske.

Die unterste Ebene mit nur halber Standhöhe war Gefängnis. Die Inhaftierten, in hoffnungslosem Grau gewandet, mussten kriechen, waren erbarmungslos zu Boden gedrückt. Das Proletariat, agierte es auf der ersten Ebene, stieg nur selten höher, es sei denn, deren Dienste wurden auf höherer Ebene benötigt. Auf dieser ersten Ebene agierten auch die willfährigen, dumpfen Geister des Kapitals, der Justiz oder der Politik, zum Beispiel Gerhard Peilstein als lederbemantelter Aufseher der Festung. Dorthin verlor sich auch der Landwirt Pickel. Oliver Nägele spielte diesen schlichten, aufrichtig gläubigen Mann anrührend verloren. Auch er geriet ins Getriebe der „großen“ Welt, die letztendlich nicht mehr war als der kleine Zirkelschlag der Macht und des Geldes. Pickel konnte sich nur mit Müh und Not in seine kleine Welt zurückflüchten, tief enttäuscht von der Doppelzüngigkeit der Politik. Auf dieser Ebene kollidierten auch die Konflikte zwischen „Unten“ und „Oben“. Hier kämpfte Valerie Pachner als Eva Berg um die Basisrechte der Werktätigen; hier tönten aber auch die Salonrevoluzzer (Bijan Zamani und Thomas Lettow) in Stammtischmanier rechthaberisch.

Den eigentlichen Konflikt, der in diesem Drama verhandelt wurde, trugen Franz Petzold als Karl Thomas, in seiner jugendlichen Erscheinung mehr Schwärmer als kämpfender, festungserfahrener Revolutionär, und Arthur Klemt als opportunistischer Ex-Revoluzzer und Minister Wilhelm Kilman. Petzold irrlichterte sensibel durch die Welt. Das Entsetzen angesichts der Zustände und ihrer scheinbaren Unveränderlichkeit in ihm wuchs beständig. Die Wahnsinnstat war, auch wenn sie nicht durch seine Hand verübt wurde, der logische Schluss. Klemts Wilhelm Kilman indes wurde immer statuarischer in seiner Selbstbehauptung, je weiter er sich vom Boden der Realität oder seines Amtes entfernte. Phrasen ersetzten Argumentation und eine geistige wie physische Dekadenz waren unabwendbar. Diese Dekadenz illustrierte René Dumont als seine stylische Ehefrau. Dumont gab zudem süffisant gelangweilt auch den Psychiater, einen gänzlich frei von Emphase handelnden Mann, einen so genannter Tui, wie Bert Brecht diese Figur nennen würde, einen Weißwäscher der gesellschaftlichen Unterwäsche.

Es war eine beklemmende Konfrontation mit einer Welt, die gottlob vergangen ist. Kriege? Fahlanzeige, nicht mit den Deutschen. Heute haben wir Demokratie. Die Bürger nehmen begeistert und zuversichtlich ihr Recht auf Wahl und Kritik in Anspruch. Man bildet sich, geht ins Theater. Populisten gibt es schon lange nicht mehr, weil die Vernunft ihnen längst jeden Nährboden entzogen hat, und Politiker kann man getrost beim Wort nehmen. Es sind durchweg charakterstarke Persönlichkeiten, die Standpunkte haben, vertreten und dafür kämpfen. Opportunisten sind sämtlich ausgestorben, ebenso die Eigennützigen unter den Volksvertretern, die absolut unabhängig und nur dem Wohl ihrer Wähler verpflichtet sind. Die Wirtschaft nimmt keinerlei Einfluss auf die Politik. Sie ist solidarisch, verteilt freizügig nach „Unten“ (Wenn es ein „Unten“ noch geben würde!) und das Kapital, resp. ihre Institute sind Freunde und Helfer, gänzlich uneigennützig. Banker sind Philanthropen…

Wie? Was? Widerspruch? Also, ein bisschen entgegen kommen muss der Bürger dem Staat schon. Von wegen: Hoppla, wir leben! Es könnte sein, dass sich der Staat, Hoppla, ein anderes Volk wählt! Hat es alles schon gegeben.

 

Wolf Banitzki

 


Hoppla, wir leben!

von Ernst Toller

Franz Pätzold, Oliver Nägele, Valerie Pachner, Arthur Klemt, Bijan Zamani, Ulrike Willenbacher, René Dumont, Gerhard Peilstein, Thomas Lettow

Regie: Anne Lenk

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