Cuvilliéstheater  Die Netzwelt von Jennifer Haley


 

 

Verwirrende neue Welt

Der Zuschauer sieht sich in eine nicht mehr allzu ferne Zukunft versetzt, in dem das Internet seine Vollendung erfahren hat und nun „Netzwelt“ heißt. Der Name ist Programm, denn inzwischen steht der sinnlich wahrnehmbaren Realität ein virtuelles Pendant gegenüber, das keine Wünsche mehr offenlässt. Auch in dieser Welt kann sinnlich wahrgenommen, erfahren und genossen werden. Netzwelt ist eine Welt ohne Grenzen, auch ohne gesetzliche Grenzen, in der alles, aber auch wirklich alles, bis hin zur unvorstellbarsten Perversion ausgelebt werden kann. Juristisch ist hier kein noch so schlimmes Verbrechen relevant, denn es kommt ja niemand wirklich zu Schaden. Moralisch allerdings ist diese Welt höchst fragwürdig. Den Geschäftsmann Sims interessieren moralische Bedenken nicht. Er hat ein Geschäft aufgezogen, das ihn sehr reich gemacht hat. In sein Refugium haben nur absolut vertrauenswürdige Zeitgenossen Zugang. Das Vertrauen wird bestimmt von dem unbedingten Wunsch der Besucher nach absoluter Geheimhaltung. Niemand soll Kenntnis bekommt von den perversen Neigungen und Taten im Refugium, denn die Taten sind so abscheulich, dass sie die Täter in der der realen Welt nachhaltig diskreditieren würden.

Morris ist eine Ermittlerin, für die hinreichender Anfangsverdacht besteht, dass Sims sich krimineller Handlungen schuldig gemacht hat. Sie lädt den Mann vor und verhört ihn. Doch Sims weiß, dass, wenn er den Server, auf dem sich die Domain befindet, nicht preisgibt, Morris keine Handhabe gegen ihn hat. Grundsätzlich beruft er sich auf die Fiktionalität und die dürfe keineswegs verfolgt werden. Ein User wird schließlich als solcher ausgemacht und ebenfalls vorgeladen. Es ist der ehemalige Lehrer Doyle. Doyle ist ein verbitterter alter Mann, denn sein Unterricht wurde gleichsam in die Netzwelt outgesourct. Er hat keinen Kontakt mehr zu den Schülern und seine Funktion hat lediglich Kontrollcharakter. Er nahm Sims‘ virtuelles Angebot dankbar an und tauchte vollkommen ein in dessen Welt. Doch auch Doyle hält sich bedeckt und ist keine Hilfe bei den Ermittlungen. Schließlich loggt sich Morris als Woodnut im Refugium ein und begegnet dort, neben anderen Kindern, die tagtäglich dem Missbrauch ausgesetzt sind, dem neunjährigen Mädchen Iris. Während Morris sich als Woodnut um Iris bemüht, um Informationen über Sims zu erlangen, mit denen sie ihm das Handwerk legen und Iris aus seinen Klauen befreien könnte, macht sie verstörende Erfahrungen über sich selbst und ihre Neigungen. Nichts ist, wie es scheint und alles fühlt sich am Ende anders an als vermutet. Mehr sei nicht verraten, denn ein Thriller bleibt nur dann einer, wenn das Licht der Erkenntnis erst am Ende leuchtet. Entgehen lassen sollte man sich diese Geschichte jedenfalls nicht.

  Die-Netzwelt-Cuvillies  
 

Norman Hacker, Ensemble, Götz Schulte

© Armin Smailovic

 

Regisseurin Amélie Niermeyer, zuletzt begeisterte sie in der vergangenen Spielzeit mit ihrer komödiantisch-poetischen Inszenierung von „Was ihr wollt“ das Publikum des Residenztheaters, besorgte die deutschsprachige Erstaufführung am Cuvilliéstheater. Komödiantisch ging es auf der nüchternen Drehbühne von Alexander Müller-Elmau, beschirmt von einem gewaltigen Videoscreen, nicht zu, poetisch allemal. Das Refugium war viktorianisch designt, zumindest die Kostüme (Stefanie Seitz), und immer wieder zog ein Hase seine Kreise auf der Bühne. Es war jener Hase, der Alice in das Loch lockte, durch das sie in das Wunderland purzelte. Für eingespielte Videoräume (Jan Speckenbach) eignete sich durchaus auch das Cuvilliéstheater, beispielsweise, wenn die Kinder von dem Hasen durch die Gänge zu den Logen begleitet und abgeliefert wurden. Augenblicklich drängte sich eine Frage auf: Wer mochte sich wohl hinter den Türen aufhalten? Und kaum war die Frage gedacht, stellte sich die Antwort ein: Wir, die Zuschauer.

Es war ein gelungenes Zitat, denn Lewis Caroll (eigentlich Charles Lutwidge Dodgson) war Mathematiklehrer, und ein solcher war auch Doyle, schüchtern, verstockt und gequält von Götz Schulte gespielt. Tatsächlich weist Carolls später Roman „Silvie & Bruno“ (erstmals postum 1904 erschienen) unübersehbare Parallelen auf. Darin verwandeln sich sämtliche Figuren in drei Gruppen von Menschen, die a. ausschließlich in der Realität, b. ausschließlich im Traum/Märchen und c. in beiden Welten existieren können. Abgesehen von diesen zwingenden Hinweisen ranken sich einige Mutmaßungen bezüglich der sexuellen Neigungen um die Person des Dichters. Er war geradezu davon besessen, kleine Mädchen zu fotografieren.

In Jennifer Haleys Text steht gleichsam ein kleines Mädchen, das durchaus einer Illustration eines „Alice“-Buches entstiegen sein könnte, im Zentrum der Handlung. Valentina Schüler, Schauspielstudentin am Mozarteums Salzburg, verkörperte die Figur der Iris mit atemberaubender Anmut und geradezu nachtwandlerischer Sicherheit. Sie konterkarierte in ihrer berührenden Unschuld den bis ins Mark verdorbenen Sims, den sie Vater nannte. Norman Hacker verkörperte nicht nur im Spiel seiner ausgeklügelten Perfidie den kalten Geschäftsmann, er schwang sich als Sims/Vater auch zum Apologeten einer moralisch entgrenzten Welt auf. Am Ende ist auch er ein menschliches Wesen, dessen Handlungweisen sich erklären und verstehen ließen. Gegen ihn hatte Morris kaum eine Chance und so wandelte sich der bestimmte, nach Wahrheit drängende Spielgestus Juliane Köhlers, resultierend aus ihrer (vermeintlichen) moralischen Überlegenheit, langsam aber stetig in Verzweiflung und Entsetzen.  

Amélie Niermeyer gelang es, eine höchst verwirrende Geschichte in aller Deutlichkeit spannend und fesselnd auf die Bühne zu bringen. Dabei hielt sie den technischen Aufwand auf das Notwendigste begrenzt und ließ somit Jennifer Haleys Geschichte ausreichend Raum, sich zu entfalten. Diese Geschichte beinhaltet vor allem das Vordenken einer Autorin, die uns damit schon auf das Entsetzen vorbereiten will, das angesichts der Konsequenzen mit dem Nachdenken einsetzen wird, wenn die „Netzwelt“ mit ihren Refugien totale und totalitäre Realität geworden ist. Dann werden uns unsere ach so wunderbaren Moralvorstellungen nicht mehr weiterhelfen.

 

Wolf Banitzki

 


Die Netzwelt

von Jennifer Haley
Deutschsprachige Erstaufführung

Norman Hacker, Juliane Köhler, Götz Schulte, Marcel Heuperman, Valentina Schüler, Lili Epply, Fabian Felix Dott, Florenze Schüssler

Regie: Amélie Niermeyer

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