Cuviliès Theater Die Unbeständigkeit der Liebe von Pierre de Marivaux


 

 

 
Marivaux seiner Sprache beraubt

Der Prinz ist in den besten Jahren und es ist an der Zeit, dass er sich eine Gemahlin sucht. Sie muss aus dem eigenen Land stammen, so will es das Gesetz. Er hat auch schon ein Auge auf eine junge Dame geworfen, die ihn mehr als jedes andere Frauenzimmer in Erregung versetzt. Ihr Name ist Silvia. Zu dumm nur, dass sie einen Liebsten hat, Arlequin. Der Prinz hat Silvia bereits an seinen Hof beordert, doch die bleibt störrisch und verweist auf ihr Versprechen. Der Prinz ist ratlos. Seine Vertraute Flaminia winkt ab. Es kann doch nicht so schwer sein, Gefühle in Frage zu stellen. Man setzt Lisette, eine Schönheit der Gesellschaft, auf den gerade eingetroffenen Arlequin an. Doch der tölpelhafte Dörfler riecht den Braten. Die Vordergründigkeit ihrer Erscheinung ließ den schlicht gestrickten Bauernburschen zu Recht stutzen. Als ihm jedoch Flaminia ihre Sympathien offenbart, gerät sein Vorsatz ins Wanken. Auch Silvia ist inzwischen betört von den Augen eines jungen Offiziers, nicht wissend, dass es sich um den Prinzen handelt.

Das Ergebnis ist ernüchternd, denn Marivaux lässt den Zuschauer wissen, dass Liebe nicht unumstößlich ist. Es ist nur eine Frage des Preises. Schon bei oberflächlicher Betrachtung wird klar, das ist ein höchst brisantes und aktuelles Thema. Es wird aber auch, angesichts der Tatsache, dass das Stück fast 300 Jahre alt ist, deutlich, dass der Mensch wohl keine wirkliche Entwicklung in seiner moralischen Betrachtungsweise der Liebe vollzogen hat. Er mag noch so sehr darum ringen, Gefühle sind nun einmal anarchisch.
 

Peter Albers, Stephanie Leue, Dirk Ossig, Katharina Gebauer

© Thomas Dashuber

 

Marivaux, ganz Dichter seiner Zeit, nämlich der des Spätbarocks und Rokokos, schuf für seine Stücke eine Laborsituation. Die Figuren können die abgesteckten Grenzen nicht durchbrechen und müssen sich einer Analyse ihrer Gefühlswelt unterwerfen. "Ich habe im menschlichen Herzen allen Winkeln nachgespürt, in denen sich die Eigenliebe verbergen kann und jedes meiner Lustspiele hat den Zweck, sie aus einem dieser Winkel herauszuholen." Man könnte meinen, Marivaux war der erste Psychoanalytiker auf dem Theater.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum man seine Dichtung noch heute schätzt. Im Gegensatz zu Moliere, der verbindliche Charaktere wie den Tartuff oder den Misanthropen geschaffen hatte, schuf Marivaux die psychologische Entschlüsselung der Charaktere und damit eine neue komödienhafte Rede, auch "Marivaudage" genannt. Diese Rede war, wie sich denken lässt, von exorbitanter Qualität. Georg Hensel qualifizierte sie mit den Worten: "funkelnde Tiraden, schillernd in allen Farben der Ironie, verspielt, mit sich selbst kokettierend, und der rasche Witz der Repliken". Auch das Überspitzte, Verspielte und Manierierte fasste die Kritik unter "Marivaudage". Aber was soll's, es war die Zeit des Rokoko.

Man konnte natürlich davon ausgehen, dass Dramaturg Georg Holzer mit seiner Übersetzung jeglichen Manierismus tilgen würde. Das tat er, zweifelsohne. Doch sein Text laborierte mit Unausgesprochenem, Gefühlduseligem und banalster Alltagssprache. Das S-Wort fiel häufig und erzeugte billige Lacher. Es war schwer nachvollziehbar, wohin die Vernichtung der Sprache (Theater sollte sich immer einer Kunstsprache befleißigen!) zielte. Holzer selbst meinte dazu: "Man wird den Stücken (von Marivaux) aber nur gerecht, wenn man diese Form nicht als etwas Erfüllendes begreift, sondern als eine Spielanregung, die im besten Fall wieder auf die Stegreifkomödie zurückverweist und dem Schauspieler die größtmögliche Freiheit in der Gestaltung seiner Rolle gibt".

Also, jeder wie er kann und möchte? Manchmal hatte es den Anschein. Regisseur Jan Philipp Gloger setze jedenfalls kaum sichtbare Grenzen. Das gesamte Cuvilliés Theater, inklusive Foyer, wurde bespielt. Videoeinspielungen erzeugten diese Illusion. Auf der von Franziska Bornkamm entworfenen Bühne, bestehend aus einem bunten Blumenfeld, wurden konkrete Räume vermieden. Das Spiel wurde ständig in der Schwebe gehalten, was nicht unlogisch war, ging es doch um psychologische Vorgänge und nicht um äußere Handlungen. Allerdings hatten diese Vorgänge nicht einmal ansatzweise eine wirkliche Sprache. Da wurde mit den Augen gerollt, geschnauft, gestöhnt, hin- und weggeguckt oder lockere Sprüche abgelassen wie: "Nee ne, das is jetzt nicht …"

Regisseur Gloger setzte auf Spiellust, die den Schauspielern durchaus anzusehen war, die jedoch keinen wirklichen Effekt zeitigte. Dirk Ossigs Prinz war "cool", sein junger Offizier artig. Katharina Hauter spielte ihre Silvia sehr aufwendig. Maßlosigkeiten waren wohl von der Regie gewollt, beispielsweise, wenn sie auf Shoppingtour im Garten unterwegs war. Da gab es jedenfalls auch für den letzten Zuschauer keinen Zweifel mehr an ihrer Käuflichkeit. Stephanie Leue präsentierte einen freundlich intriganten Gefühlscoach, bei dem man eigentlich bis zum Schluss nicht erkennen konnte, ob die Gefühle für Arlequin echt oder nur strategischer Natur waren. Katharina Gebauers Lisette als schönes aber gefühlsarmes Geschöpf war schlichtweg plakativ. Tomas Flachs Nóbrega war mit seiner Rolle als etwas stupider, ungeschlachter Dörfler am besten bedient. Er konnte die meisten Szenen ausstehen oder aussitzen. Dabei war er kein Akteur in der Handlung, jedoch stets umworben von den Handelnden und hatte viel Raum, seine Komik pointiert zu setzen. Es war in jedem Fall nicht die Komik des Marivaux! Die überzeugendste Leistung lieferte Peter Albers als Diener Trivelin. Er spielte diszipliniert und maßvoll engagiert, so dass es schien, seine Figur habe diese Inszenierung als einzige schadlos überstanden.

Die Komik war weder schön im Sinne von fein und intelligent, noch psychologisch erhellend. Marivaux war seiner Sprache beraubt worden und was letztlich herauskam, konnte vielleicht mit Vorhabendserien konkurrieren.
 
 
Wolf Banitzki

 

 


Die Unbeständigkeit der Liebe

von Pierre de Marivaux

Deutsch von Georg Holzer

Katharina Gebauer, Katharina Hauter, Stephanie Leue, Peter Albers, Tomas Flachs Nóbrega, Dirk Ossig

Regie Jan Philipp Gloger
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