Theater ... und so fort  Und wir scheitern immer schöner von Dirk Bernemann


 

 

Alles Show

Das Leben ist schwer, geht viel zu schnell vorbei und wir bekommen in all der Hektik nichts mehr davon mit. Wir sind die einsamen Opfer der modernen Erlebnisgesellschaft. So vermittelt es das Stück ,,Und wir SCHEITERN immer schöner" von Dirk Bernemann das diesen Freitag im „theater... und so fort" seine Uraufführung feierte.
 
In der Fortsetzung des erfolgreichen Erstlings ,,Ich hab die Unschuld kotzen sehen" werden die verschiedenen Lebensentwurfe diverser gebrochener Existenzen seziert und in ihrer Verzweiflung zelebriert. Die Schicksale der Gescheiterten sind alle auf irgendeine Art miteinander verbunden und doch taumeln sie jeder für sich allein durchs Leben auf der Suche nach einem Sinn. Da gibt es unter anderem den resignierten Fickmenschen, die bitterböse, dauerbesoffene Arzthelferin, den sterbenden Alten und die frustrierte Telefonsexnutte. Es geht um die Maske, die wir alle tragen, um unsere ehrlichsten und finstersten Gedanken vor der Gesellschaft und unseren Mitmenschen zu verbergen. Es geht um Schönheit, Hass, Lebensüberdruss und natürlich um Liebe.
 
All dies wird von Regisseur Heiko Dietz und dem Ensemble der Unschuldigen wie sie sich nennen, als varieteartige Nummernrevue inklusive Zauberkunst und Gesangseinlagen inszeniert. Denn auch das Leben scheint nichts anderes zu sein als eine große, oberflächliche Show. Die Buhne ist daher als solche immer erkennbar. Auf ihr nur ein Mikro und eine Gitarre, daneben ein Klavier.
 
Die Darsteller sind dementsprechend herausgeputzt mit Frack und Cocktailkleid. Die Figuren, die Sarah Dorsel, Heiko Dietz, Wolfgang Haas, Johannes Haag und Noȅlle Cartier van Dissel darstellen, sind Zerrbilder, Karikaturen behaftet mit allen nur denkbaren Klischees. Passend dazu gibt es immer wieder Brüche zwischen Schauspieler- und Figurenebene, wenn die Darstellenden zwischen und in den Szenen leise über diese diskutieren und auch mal offenkundig ihren Unwillen über die Rolle äußern. Das entlarvt die gezeigten Karikaturen als eben solche und stellt ihre Plakativität als gewollte Ironie dar. Bräuche, Feste, Kapitalismus, Religion, Werte, alles, was das Fundament unserer Gesellschaft ausmacht, wird ausgeleuchtet und enttarnt. Gekleidet ist das alles in messerscharfe, herrlich böse Wortspielereien. Schade nur, dass diese Klarsicht zu keinem
 
Zeitpunkt der Inszenierung wirklich neu wirkt. Die Gedanken der Verachtenden und Verachteten wecken Assoziation zu schon hundertmal Gehörtem und fügen diesem leider nichts Neues hinzu. Der Mann, der unter dem Zwang leidet eine Familie gründen zu müssen, inklusive Apfelbaum, das ist schon etwas abgedroschen. Dass einem der wieder einmal aufgekochte Menschenhass nicht irgendwann gehörig auf den Geist geht, liegt an dem durchgehend bezaubernden Ensemble. Sie führzen das Publikum mit so viel Charme und Situationskomik durch den Abend, dass man am Ende sehr gerne in den begeisterten Applaus einfiel.




Lene Gaiser

 

 


Und wir scheitern immer schöner

von Dirk Bernemann

Noelle Cartier van Dissel, Sarah Dorsel, Heiko Dietz, Johannes Haag, Wolfgang Haas

Regie/Raum: Heiko Dietz
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