Junges Schauspiel Ensemble München Antigone von Sophokles


 

 

Den alten Ordnungshütern

und den Hütern einer alten Ordnung, die 2400 Jahre nach Sophokles noch immer nicht begriffen haben, dass Ordnung um ihrer selbst Willen Schicksal, Schicksale anhäuft, ihnen sei der Besuch des Schauspiels im Kleinen Theater Haar dringend angeraten.
Der Grieche Sophokles, ganz dem Staat verbunden, beschrieb wohl mehr zur belehrenden Abschreckung die Folgen von Ungehorsam. Aufstehen gegen Willkür der Regierenden wird mit dem Tod geahndet. Die ausgerufenen Ordnungen und der Wille diese Ordnungen um jeden Preis durchzusetzen, ziehen sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte, durch alle Kulturen, alle Systeme. Sie merken schon, die Welt als Wille und Vorstellung, wie der miesepetrige Arthur Schopenhauer diese Vorgangsweise benannte. Doch Schopenhauer ist schon 150 Jahre tot und die Welt hat längst Michael Schmidt-Salomon eine Stimme verliehen, ist vorangeschritten. Aber offensichtlich hängen noch viele im vorvorvorgestern fest und zwar mit ganzem Willen und vorsätzlich. Ein Trauma, Schock? Oder haben diese Entwicklung verpasst, keine eigene innere Haltung entwickelt und klammern sich aus Schwäche an überholte eherne Vorstellungen? Fest, ehern, fest.

Bei der Auseinandersetzung um die Nachfolge von Ödipus kam es zwischen den Söhnen zu kriegerischen Handlungen. Der Streit endet mit dem Tod der Beiden. Eteokles wird als Verteidiger der staatlichen Ordnung ehrenhaft bestattet, obwohl er es war, der die Anordnung des Vaters zu wechselnder Regentschaft zwischen den Brüdern missachtete. Polyneikes Leiche wird von dem neuen Herrscher Kreon, als abschreckendes Exempel benutzt, zu öffentlicher Verwesung verdammt. Antigone widersetzt sich der Willkür Kreons und versucht den Leichnam ihres Bruders mit Erde zu bedecken. Der Konflikt zwischen den Göttern (natürlichem Menschenrecht) und Regelung durch Staatsgesetz bricht auf. Wie aktuell das Thema nach wie vor ist, wird aus der Übertragung des Stoffes in aktuelles Kriegsgeschehen offensichtlich. Eine Truppe in Afghanistan, ein Amokläufer, gefallene Kameraden und ein Exempel. Der Oberst schlüpft in die Rolle des Kreon.  

Es spukte in Kreons Kopf. Eine Stimme beschwor Antigone, beschwor Ismene. Nebel zog über die Bühne, verschleierte. Kreon litt, verkroch sich in eine Ecke der massiven Festung. Was war mit Kreon? Hohe Wände bildeten einen Raum, welcher umgeben von zahllosen Containern, das Zentrum vorstellte - ein Feldbett, ein Stuhl und ein Bild neben der Eingangstüre. Dennoch kaum Platz. Ein Viel an Material, die Gewichtung des Materiellen vom Geld bis zum Produkt suggerierte das Bühnenbild. Es vermittelte wie verstellt die Welt bereits ist, welcher Mühe es bedarf den Blick auf Wesentliches frei zu bekommen, zu konzentrieren. Dazwischen agierten die Darsteller. Antigone eröffnete, dass sie den Bruder begraben werde, gegen den Willen Kreons. Joachim Aßfalg trug Kampfanzug und Gewehr, als er dies emphatisch kundtat. Ismene, Robert Ludewig, reagierte klar und kraftvoll, mahnend verständig dem Befehl ergeben. Frankziska Ball und Ruben Hagspiel verkörperten als Presse mit Kamera und Mikrophon den zeitgenössisch dokumentierenden Chor. Eine unsichtbare Last legte Regisseur Michael Stacheder auf die Figuren. Sie wurde durch den Habitus der Schauspieler sichtbar und jeder vermochte diese auf seine Weise auszudrücken. Joachim Birzele oblag als Kreon die Vorstellung von Staatsgewalt. Zwischen Schwäche und Starre changierend kämpfte er für sein Weltbild, bis auch er dem Schicksal erlag. Das Junge Schauspiel Ensemble München bot gut differenziertes ausgewogenes Spiel und einen hervorzuheben, bedeutete andere zurückzusetzen. Die Neuübersetzung des Textes aus dem Griechischen durch Udo Segerer ging sprachlich und inhaltlich auf das Heute ein, straffte das Thema sinnfällig. Zwischen blutbefleckter Wäsche und  die gemeinsame Dosenmahlzeit fanden eine Reihe weiterer gestaltender Ideen ihre Umsetzung. Miteinander hieß wohl das Zauberwort für die Inszenierung.
 
     
 

Franziska Ball, Joachim Aßfalg, Robert Ludewig, Joachim Birzele

© JSEM

 
 
Wenn Kreon Haimon belehrt: „Man stellt sich immer hinter väterlichen Rat.“, so wird mit diesem Satz wohl eines der grundlegenden Probleme angesprochen, die Schicksal heraufbeschwören und in den alten Mustern gefangen halten. Denn die Väter sind weder allwissend, noch vollkommen, auch wenn mancher sich dies einbildet. Die Entwicklung in der Menschheit schreitet unaufhaltsam voran, es sei denn, man bombt sich in die Vergangenheit zurück. Der Krieg in Afghanistan ist bekanntermaßen sinnlos, denn jede echte dauerhafte Veränderung kann nur aus den Afghanen selbst kommen und Gewalt hat noch nie ein Problem gelöst. Im Gegenteil sie schafft Probleme, wie am Leid der verletzten Einwohner und der traumatisierten Soldaten überdeutlich sichtbar wird. Ist es möglich Kriegstraumata zu überwinden? Sicherlich nicht mit einer aufgezwungen Ordnung und auch nicht mit gnadenlosem Aufbaustreben. Hat Deutschland je das Trauma des 2. Weltkrieges überwunden, oder wiederholen sich etwa alte Vorstellungen getragen von eisernem Willen?

Wenn Ordnung über humanes Miteinander, die in den Grundrechten benannten Werte, dominiert, so wird Leid zur beherrschenden Grundstimmung. Das Leid macht vor keinem Halt, und sei sein Anzug auch aus feinstem Stoff und grauer als die grauen.
Ist es legitim, um einer willkürlichen eingebildeten Ordnung willen, junge Menschen durch  Leistungsdruck  und  Erfahrungszwang zu verheizen? Scharen von Gymnasiasten, denen die Wochenendfreizeit fehlt, die lernen müssen um dabei bleiben zu können und Praktikanten, die, um Erfahrung zu sammeln ohne, oder ohne angemessenen Lohn schuften, sie wissen ein Lied davon zu singen. Das heißt, das Singen ist diesen jungen Menschen schon längst vergangen, nimmt man ihnen doch einen unverzichtbaren Teil ihres Daseins, die freie Entwicklungszeit. Aber der Wille der alten erstarrten Militaristen und der modernen bürokratischen UnteroffizierInnen, in ihren grauen Business-Uniformen, kennt nur die eine Vorstellung von Lebenssinn. Ihr ist alles zu unterwerfen. Wer aufbegehrt wird „hingerichtet“: an den Pranger gestellt, in die Höhle verbannt, ausgegrenzt. Nur ein Weg steht dann offen ...

Die Inszenierung des Jungen Schauspiel Ensemble München in Zusammenarbeit mit den SchülerInnen des P-Seminar Griechisch am Ignaz-Günther-Gymnasium Rosenheim und der Unterstützung durch Hildegard Hamm-Brücher wirkte tiefgehend und aufklärend. Sie ist das heldenhafte Unterfangen gegen die gnadenlose Bespaßung anzutreten, die zur Ablenkung von grundlegenden Problemen propagiert und verbreitet wird. Hierin spiegelte sich das Schicksal Antigones und Haimons auf einer anderen Ebene. Am Ende des Stückes beherrschte minutenlang beredtes Schweigen den Theaterraum, bis die Zuschauer zum wohlverdienten anhaltenden enthusiastischen Applaus anhoben.



C.M.Meier
 
 

 

 


Antigone

von Sophokles

 Deutsch von Udo Segerer

Joachim Aßfalg, Joachim Birzele, Robert Ludewig, Franziska Ball, Ruben Hagspiel

Regie: Michael Stacheder

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