Lichtbühne Quartett von Heiner Müller


 

 

Virtuelle Verbindung

Ein weißer Raum, auf dem Boden einige Gläser halbvoll mit Rotwein. Sie erinnerten an Blut, das Sinnbild für Leben darstellt, das dem Akt eines Genusses gleichzusetzen war und das in einem kanibalistischen Akt getrunken wurde. Die Heranführung erfolgte durch einen Text über Krankheit, einen Zustand in der Gesellschaft, der doch ein durch und durch naturgemäßer ist. Der Kontrast zwischen Natur und steriler Laboranordnung offenbarte sich.

„Es ist meine Haut die sich erinnert, sie zittert ...“ Marquise Merteuil und Vicomte Valmont verbindet eine Liaison in der jede Gefühlsregung Schwäche und damit Verwundbarkeit bedeutet. In einem sportlichen Akt der Selbstbehauptung kreuzen sie, einander durchaus ebenbürtig, die verbalen Klingen - Brillanz, Intelligenz, Gewandtheit und verletzende Schärfe. Doris Gruner, als Isabelle Merteuil, stellte eine überaus beherrschte Figur in den Raum. Kaum Gesten, wenig Mimik, gespannter Tonfall, und dieser gelegentlich gebrochen im Timbre – süffisant, stolz, mitleidig.  Sebastien de Valmont, emotionslos gesprochen von Guido Verstegen, war dem „Schauer der Jagd“ erlegen. Naturgemäß einem Instinkt folgend, diesen nonchalant verbergend, beobachtend und in kurzen Momenten erkennend. „Spielen wir?“ Es kam eine sehr zeitgemäße Darstellung des, von Heiner Müller adaptierten, Briefromans „Gefährliche Liebschaften“  von Pierre Ambroise Francois Choderlos de Laclos auf die Bühne, zudem in sich subtil umgesetzt.

Wenn die Handelnden bei Choderlos de Laclos noch der tierischen Veranlagung folgen, so sind es nach Heiner Müller schon die Maschinen, welche äußerlich reglos die Palette von Gefühlen abspielen. Doch seit der Uraufführung seines Stückes „Quartett“ sind bereits mehr als 30 Jahre vergangen. In der Inszenierung der Lichtbühne waren es nur die Nuancen in der Stimme, in einer winzigen Geste, welche den Restmensch verrieten. Kunst der Darstellung! Es war Freude an der Sprache, wenn der Text zu Leben erwachte und doch wie eine Durchsage im Raum verhallte. „.... Langeweile der Bestialität unserer Konversation ...“ Womit festgestellt wurde, dass die Bestialität ebenso wie die Scheinheiligkeit letztlich zu Einfalt in der Einfallslosigkeit führt und damit in einem Zustand des Dahinsiechens endet.

  lichtbuehne quartett 2014  
 

Doris Gruner, Guido Verstegen

© Lichtbühne

 
 

„Das Leben braucht den täglichen Tod.“, so Heiner Müller. Und war es der Tod durch die natürliche Auslese, so sei es heute u.a. der tägliche Tod von Gedanken und traditioneller Haltung durch den alles erstickenden Konsum von übermäßigen Medienauswürfen, anstelle des naturgemäßen Wandels. Die Menge und die Form unterdrücken das Gefühl und damit den Versuch der angemessenen Emanzipation, der fehlschlägt, und das Gift der unterdrückten Gefühle, führt zu Selbstvergiftung als Körperreaktion. Die Frau per se liegt schon lange unter den unterschiedlichsten Äußerungen und manipulierenden Definitionen der MannInnen und der Medien begraben. Und aus den naturgemäßen Männern wird derzeit auch Mediengut gemacht, getrimmt, gestylt, gecoolt im usen von Brettern vor dem Kopf. Hier setzte die Regie von Maximilian Sachsse an, der es geschickt verstand, den ursprünglich im 18. Jahrhundert entstandenen, im 20. Jahrhundert überdachten und neu formulierten Inhalt in die Gegenwart zu transferieren. Ein Post-Dialog um das ewige Spiel: Mann war (ist) so viel wie die Frau, die ihm gegenüberstand. Spieglein, Spieglein ... wer ist der Schönste, Größte, Potenteste im Land? Der Urtrieb des Lebens und der Natur findet in jeder Form seine Bestätigung und Verbreitung. Einer braucht den täglichen Tod um überleben zu können, anderen bleibt, mangels begehrlicher Beachtung, nur die gelegentliche Erfahrung an sich. Die Parallelen zum tierischen Verhalten, des „Fell an Fell reiben“, sind unübersehbar. Allein die Kultur und die von in ihr geschaffenen Masken überdeckten die allgegenwärtigen ursprünglichen Lebensbewegungen. Doch was, wenn die Kultur einer Form von gemeinhin banalem Klatsch und Tratsch zum Opfer fällt? Ein Rückfall in tierische Zeiten oder gar das Ende einer Zeit?

Revolution. Nein, Maschinen begehren nicht auf. Denn längst sind lebendige artifizielle Ausdrucksformen Programmen, also einer stereotypen perfektionierten Aktionsweise gewichen. Die virtuelle Revolution fraß längst ihre Kinder. Wo die Massenerhebung im Heute ausbleibt, ein Schauspiel im ausdruckstarken letzten Bild gipfelte, wurde äquivalent nur applaudiert und dabei wären einige Bravorufe am Ende ebenso angebracht gewesen, wie leichte Fußbetätigung. Bewegung also ...

 
 
C.M.Meier
 
 
 
 

 


Quartett

von Heiner Müller

Doris Gruner, Guido Verstegen

Regie: Maximilian Sachsse

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