Mixed Munich Arts  Carmen - Chronik eines angekündigten Mordes von George Bizet


 

Fernab von Hochglanz

Seit nunmehr 12 Jahren begeistert „Opera Incognita“ mit ungewöhnlichen Aufführungen vergessener oder vernachlässigter Opern an besonderen Plätzen. Es ist ein ambitioniertes Unterfangen, jenseits von den ganz großen Subventionstöpfen für Stadt- oder Staatstheater, getragen vom Idealismus der Beteiligten und einem Freundeskreis (www.Opera-Incognita.de), der gegebenenfalls einspringt, wenn es nottut. Nun kann man „Carmen“ schwerlich als eine vergessene und schon gar nicht als eine vernachlässigte Oper bezeichnen. Allerdings, und das ist eine der wichtigen Einsichten nach der Rezeption des Werkes im Mixed Munich Arts, einem ehemaligen Heizkraftwerk in der Katarina von Bora Straße, ist es ein nicht selten fehlinterpretiertes oder zugunsten des schlechten Geschmacks missbrauchtes Werk. Die Schuld dafür, wenn man von einer solchen sprechen darf, liegt zuallererst bei George Bizet selbst, dessen Werk mit Melodien, Arien und Duetten gespickt ist, die allesamt das Zeug zu größter Popularität haben. Wenn „Potpourris beliebter Opern- oder Operettenmelodien“ aufgerufen werden, finden sich darin immer auch ein Stück aus „Carmen“. Dabei urteilte ein Großteil der „feinen Operngesellschaft“ 1875 bei der Uraufführung des Werkes sehr ablehnend. Die „agressiv-realistische Musik“ lehrte das Publikum das Fürchten und so fiel das Werk bei der Uraufführung mehr oder weniger durch. Im Tagebuch des Librettisten Ludovic Halévy kann man nachlesen: „Zwiespältiger Eindruck der Premiere, nicht schlecht und nicht gut. Das Publikum war betroffen von der Musik und vom Realismus des Sujets. Bizet war nicht verzweifel, aber traurig, weil ihm eine Hoffnung fehlgeschlagen war.“ George Bizet war es nicht vergönnt, den Siegeszug seines Werkes mitzuerleben. Er verstarb kurz nach der Uraufführung.

Das Werk gilt heute immerhin als die Emanzipation der französischen Oper vom romantischen Einfluss Wagners, was unbedingt als Verdienst angesehen werden sollte. Nietzsches Lob des Werks von Bizet im Kontext seiner Auseinandersetzung mit Wagner kann dabei kaum überbewertet werden. Erschüttert meldete Nietzsche seiner Schwester nach einem Besuch der „Carmen“ 1881 in Neapel: „So stark, so leidenschaftlich, so anmutig und so gründlich.“ Erstaunlich erscheint heute immerhin der Vorwurf des Auftraggebers Du Locle, einer der Direktoren der Pariser Opéra comique, dass die Partitur keine „sangbaren Melodien, die jedem sofort so ins Ohr gehen und die auf allen Straßen gesungen werden“, aufwiesen. Bizet war indigniert, komponierte aber schnurstracks das Torerolied und den Marsch, der heute beinahe von jedermann mitgesungen werden kann.

Tatsache ist, dass die Geschichte in einer prekären sozialen Schicht angesiedelt ist, was den Unterhaltungswert für die gutbürgerlichen Pariser Operngänger erst einmal in Frage stellte. Und so waren die Tendenzen, aus der Carmen eine Salon-Carmen zu machen, in der gesamten Inszenierungsgeschichte allgegenwärtig. Andreas Wiedermann, der mit der „Dame so seine Probleme hat“, ging in seiner Inszenierung sehr radikal zu Werke. Die Probleme des Regisseurs erklären sich bei der Lektüre des wunderbaren Essays „Der Fluch der Freiheit oder Warum es mutiger wäre, nicht Carmen, sondern Micaëla zu lieben“ von Maria Goeth. Darin wird erläutert, dass Carmen eine zutiefst zerstörerische und egoistische Person ist, deren Liebe für den, der sich darauf einlässt, desaströs endet. Prosper Mérimée hat die Carmen in seinen Vorwort-Erläuterungen mit jener Katzenart verglichen, die „nicht kommen, wenn man sie ruft, und die kommen, wenn man es nicht tut“. Bizet stellte der Figur der Carmen die der Micaëla gegenüber, deren Liebe zu Don José rein und wahrhaftig ist, eine dramaturgische Alternative, die natürlich nicht angenommen werden kann. Der Mensch ist nun mal ein triebhaftes Wesen und darum wandelt er stets am Abgrund. Wenn Don José Carmen am Ende niedersticht, tut er das zwangsläufig. Es gibt kein Entkommen.

  Carmen MMA  
 

Julia Bachmannund Anton Klotzner

© Misha Jackl

 

Und weil beinahe jeder Opernfreund und Bildungsbürger die Geschichte kennt, erzählte Wiedermann sie nicht chronologisch, sondern als Chronik eines angekündigten Mordes. Sie begann mit der Zurückweisung Don Josés durch Carmen, deren Liebe (Berechtigte Zweifel sind angebracht!) erloschen war. Sie beharrte auf die absolute Freiheit ihrer Entscheidung und demütigte den Mann, dessen Leben von ihr endgültig und irreversibel in den Staub getreten worden war. In den folgenden Szenen bewegte sich die Erzählung zielstrebig auf den Punkt zu, an dem Don José ihr in die Falle ging, um sie dann im letzten Bild zu töten. Damit wurde der Zustand der Unschuld, in dem sich Don José vor der ersten Begegnung befand, der Unausweichlichkeit des Mordes direkt gegenüber gestellt. Mehr Dramatik ist kaum möglich.

In dem Betonbau des ehemaligen Heizkraftwerkes mit denkbar schlechter Akustik wurde sehr lebendig und personell aufwendig über drei Etagen gesungen, getanzt und gespielt. In der mittleren Etage war eine Textilfabrik angesiedelt, in denen der Chor der Opera Incognita als Heer der namenlosen Näherinnen malochte. Das suggerierte Bilder aus der dritten Welt, wo Frauen unter widrigsten Bedingungen und für Hungerlöhne die Textilien fertigen, die den Unternehmen der ersten Welt schwindelerregende Profite bescheren. Die Frauen wurden wie Sklaven gehalten, denen man die Kinder (Flüchtlingskinderchor „Viel Harmonie“) weggenommen hatte, um sie gefügig zu machen. Die Schmuggler in Bizets Oper wurden ersetzt durch eine Bande von Drogendealern, und die Soldaten waren willfährige Helfer bei der Aufrechterhaltung dieser sozialen und ökonomischen Ordnung. Don José war Schlüsselgewaltiger in der Fabrik und Escamillo, der Torero, fungierte als Drogenbaron, selbst ständig auf Koks. Das lief den Vorgaben der Originalpartitur keineswegs zuwider. Auf nüchternste Weise wurde eine Welt geschaffen, der es ebenso wenig an Realismus mangelte wie der Welt Prosper Mérimées und die ganz ohne „folkloristischen Bühnenzauber“, einfache Kostüme (Bianca Hedwig-Schmid) und wenig Requisiten, allerdings bei aufwendigem Licht (Technik/Licht: Jan-Robert Sutter), dennoch in den Bann schlug.

Dem stark reduzierten Orchester unter der musikalischen Leitung von Ernst Bartmann gelang es problemlos, den Raum zu erobern. Dabei hatte Bartmann sowohl auf witzige wie auch auf sinnstiftende Weise in die Partitur eingegriffen. Es wurden arabische Musik, Liebes- und Klagelieder, ein Kaddish (jüdisches Gebet für die Verstorbenen) und sogar Rapp-Passagen implantiert und es funktionierte vorzüglich. Im Ensemble befanden sich zahlreiche Emigranten, die allerdings nicht als solche ausgestellt wurden, sondern als Darsteller agierten wie ihre deutschen Kollegen. Somit wurde es keine „Flüchtlingsveranstaltung“ für unser gutes Gewissen, sondern eine multinationale Opernaufführung mit ungewöhnlichen Facetten und Beiträgen.

Es war ein spannender Abend, an dem Authentizität Perfektion und Lebendigkeit künstlerische Hochkultur ersetzte. Damit kam das kongeniale Duo Ernst Bartmann und Andreas Wiedermann den Intentionen Bizets und seinen Librettisten vermutlich näher als so manche aufwendige Hochglanzinszenierung. Dem Ensemble und den Solisten darf ungeachtet mancher Widrigkeiten eine wunderbare Leistung bescheinigt werden, denn es war unterhaltsam, berührte und, das ist unbestritten, es war originell. Gerade Bizet-Fans sei diese Inszenierung empfohlen.

 

Wolf Banitzki


Carmen – Chronik eines angekündigten Mordes
von George Bizet
Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
nach der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée

Solisten: Cornelia Lanz, Judith Beifuß, Tom Amir, Anton Klotzner, Anne Elizabeth Sorbara, Yoèd Sorek, Julia Bachmann, Wisam Kanaieh, Ahmad Shakib Pouya, Torsten Petsch, Walaa Kanaieh

Orchester: Violine I: Anna Biggin, Violine II: Joseph Querleux, Viola: Jean McGowan, Cello: Julia Klaushofer, Kontrabass: Alexander Weiskopf, Flöte: Vera Klug, Oboe: Emmanuelle Lalancette/Hanami Sakurai, Klarinette: Gabi Oder, Fagott: Luka Mitev, Horn: Michael Reifer, Schlagwerk: Tobias Gasser

Chor Opera Incognit: Anna Babl, Hedi Bäcker, Carolin Becker, Veronika Berner, Lisa Breiteneicher, Julia Dreisbach, Cordula Gielen, Anna Greimel, Ann-Christin Gritto, Gudrun Kulessa, Ingrid Rottler, Juliane van Scherpenberg, Stefanie Schorb, Johanna Schumertl, Nina Skalitzky, Verena Skalitzky, Anette Zaboli, Theodor Bauer, Helmut Bayerer, Andreas Greimel, Thomas Greimel, Stephan Hintzen, Martin Holzner, Hans-Ekkehard Kaiser, Martin Kümmel, Simon Riegel, Martin Sellmayr

Flüchtlingskinderchor „Viel Harmonie“ : Ayesha, Faheza, Faith, Fatima, Giti, Iman, Marwa, Mashid, Salman, Sameerah, Sara, Setayash, Sheyllah, Somaya, Suhajb, Chorleitung Kinderchor: Beatrix Jakubicka-Frühwald

Musikalische Leitung: Ernst Bartmann
Inszenierung: Andreas Wiedermann

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