Zentraltheater  Fuck you, mon amour von Martin Becker


 

Liebe per se

Über körperliche Liebesspiele wird ebenso öffentlich diskursiert, wie über die psychischen Folgen der Liebe in Beziehungen. Es ist das Thema, wie viele andere, zum Stoff für Industrie und Medien funktionalisiert worden. Akteure und wissenschaftliche Beobachter arbeiten sich daran ab, füllen ihre Tage beschäftigungstherapeutisch mit dem Stoff der Träume, der Alpträume. Und, der Schriftsteller Martin Becker fasste es in seinem Werk „Fuck you, mon amour“ zusammen, brachte es genial auf den Punkt. Die Ausgangslage ist so alt und bekannt wie die Menschheit, allein die äußeren Umstände wurden deutlich verändert.

Im Flugzeug treffen ein junger Mann und eine junge Frau aufeinander, während die Stewardess mit den Worten „Alles nur für Sie …“ die Einleitung in die Anleitungen der Sicherheitsvorrichtungen kundtut. Sicherheitsgurt, Sauerstoffmaske, Schwimmweste stehen zur Verfügung für den Notfall und für Notfälle der Liebe steht die versierte Professorin Dr. Fuchs als Vortragende im Seminar für „Das gebrochene Herz Syndrom oder Chronischer Liebeskummer“ vor dem zuschauenden Seminarpublikum. Szenenwechsel. Im Hotelzimmer stellt die junge Frau hilflos die Frage: „Wann hört es auf? … wir sind kein Paar mehr …“ während er, zwischen Verzweiflung und Entschlusskraft schwankend, auf der Bettkante ausharrt, einen Ausweg aus dem Dilemma des Schmerzes sucht. Wieder tritt die Professorin hervor, beendet über das Anheben der Leinwand die Szene und erklärt den Ablauf des Seminars. Allen und Florence führen beispielhaft einzelne Situationen in Beziehungen vor, um die Problematik zu veranschaulichen. Werdegang und Umstände werden präsentiert, ebenso wie wissenschaftliche Argumente. Ein Fall von vielen Fällen. Und was bedeutet Liebe?

Der Regisseur Thomas M. Meinhardt und die Dramaturgin Judith Toth gestalteten das ursprünglich als Hörspiel konzipierte Stück in Bühnenform. Es gelang ihnen mit geringem materiellem Aufwand ein Optimum an Bildsprache zu erzeugen. Die Figuren waren klar charakterisiert und ihre Problematik präzise umgesetzt. Fast als gälte es den heute geforderten Selbstoptimierungscodex oder Perfektionswahn zu erfüllen. Abgehoben wirkten deren Ansprüche und naiv einfach die Illusionen und Träume, die Möglichkeiten. Wie weit sich die Standpunkte voneinander entfernt haben, ließ sich mehr als erahnen. Ist das der sogenannte Freiraum, der gewünscht, ja geradezu gefordert wird, oder ist es einfach nur freier Raum. Die Folge der Lehre einer aufkommenden Leere in der auseinander driftenden Gemeinschaft.

Die, aus dem Fernsehen bekannten Schauspieler und der Regisseur, ebenso eine bekannte Größe der Münchner Theaterszene, brachten ihre entwickelten Fähigkeiten ins Spiel ein, was zweifelsohne Anstrengungen bedeutete. Gemeinsam wurde durch höchst professionelle Zusammenarbeit, über Auslotung und Gestaltung des künstlerischen Spielraums ein wirksames Erkenntniserlebnis geschaffen. Das ist Theater, modernes Theater. Und dennoch, die Quintessenz des Abends könnte lauten: Statt ein spannendes Leben gemeinsam zu gestalten, lebt man derzeit - der Enfachheit halber - am besten im schöngeredeten Wohlfühlmodus aneinander vorbei

  Fuck you. mon amour 4  
 

Sebastian Gerold

© Manuel Nawrot

 

Das Leben will gelebt werden. Es entstand in einem polarisierenden Spannungsfeld, aus dem es kein Entrinnen gibt … bislang. Eine Fülle von Eigenschaften, Eigenheiten bieten ein Spektrum der Handlungsmöglichkeiten in einem Spielraum, Planet Erde, der durch zunehmendes Wissen und entwickelte Technik ins scheinbar Unendliche geöffnet wurde. Wie werden sich die Spezies anpassen in die neuen Gegebenheiten, wie werden sie Freude und Zufriedenheit finden können? Eine Erweiterung der Möglichkeiten bedeutet keinesfalls zwangsläufig ein Mehr an Freude oder Liebe. Vielmehr stellen sich Unsicherheit und Ziellosigkeit ein, in einem Versuchsmodell. Wie damit umgehen?

Eine Lösung bleiben die Coaches in den Seminaren oft schuldig, denn: „Ein warmes Bad und eine Tasse Tee …“ sind ebenso wenig tragfähige Krücken für eine -n Verlorene -n wie „… noch ein Gin Tonic“. Das Leben will gelebt werden, in Anerkennung der natürlichen Gegebenheiten und mit viel Fantasie, Einfühlungsvermögen und Achtsamkeit, sowie mit Improvisationstalent gestaltet. Kein leichtes Unterfangen in einer theoretisierenden Psychogesellschaft, die mit zahllosen Statistiken und Fallbeispielen das Aufgeben der Aufgabe, eines persönlich gelungenen Lebens, geradezu herbei rechnen. Die einen leben, versuchen, die anderen analysieren sie um Theorien zu erstellen, zu verbreiten, zu verkaufen und es sind beide voneinander abhängig, irritiert, wie im Spiegel der Gesellschaft überall zu erkennen ist.

Der Mensch ist ein Widerspruch in sich, er will Alles und muss sich doch für Weniges entscheiden. So kommt er kaum mit sich selbst zurecht, und versucht er sich, mit einem Gegenüber zurechtkommen zu wollen, so ist dies genauso schwierig. AlleinSein oder ZuZweitSein das ist im Grunde keine Frage …

Und eben diese Antwort machte die Inszenierung humorvoll erkennbar … für Singles ebenso wie für Paare sehenswert bot sie eine Menge Denk- beziehungsweise Gesprächsstoff.

C.M.Meier


Vostellungen: 14., 16., + 17. Mai


Fuck you, mon amour

von Martin Becker

Ursula Berlinghof, Friederike Sipp, Sebastian Gerold, Sandro Kirtzel, Rilana Nitsch, Daniel Wittmann

Regie: Thomas M. Meinhardt

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