i-camp Zeitmaschine von Holger Dreissig


 

 

Alles Erkennbare unterliegt der Interpretation

 

Die Zeit ist ein Phänomen, an welchem sich viele Wissenschaftler lebenslang den Kopf zerbrechen. Sie meinen, man kann sich an einem nicht real existierenden Gegenstand nicht den Kopf zerbrechen. Doch, denn die Erklärungen werden immer wieder neu formuliert und gerade an den Paradoxien zerfallen die gemeinschaftlich aufgestellten Vorstellungen, die verwaltbaren Lebensdefinitionen immer wieder aufs Neue. „Die Zeit ist eine Illusion.“, schrieb Albert Einstein. Und, zur Koordination dieser gemeinsamen Illusion unternahm man bereits Jahrhunderte zuvor den Versuch, die Dimension zu strukturierten. Die Uhr wurde erfunden, das Messgerät für Zeit, jene Maschine, welche Zeit ordnet, bisweilen sogar das Gefühl entstehen lässt, dass es diese erzeugt. Die Uhr macht Zeit verwaltbar, schafft ein verbindliches Maß für die Abfolge von Geschehnissen. Zeit wird über die Uhr amtlich, ermöglicht bürokratische Perfomance.

 

Ein Netz über die Bühne gespannt, fing die Aufmerksamkeit der Zuschauer, veranschaulichte die Lücken durch die es zu entschlüpfen gilt. Drei Männer in orangefarbenen Raumanzügen und riesigen Helmen betraten die Bühne. Sie nahmen in ihren Stühlen Platz und die Reise begann. 1912 trafen sie in Belfast auf den zurückhaltenden Tom O’Malley - H.G. Wells. Bezug nehmend auf den 1895 erschienen Roman von H.G. Wells, in welchem die ersten Reisen in der Zeit vermittels einer Maschine beschrieben wurden, war der Rahmen der Aufführung gestaltet. Die erste Reise des Romanprotagonisten führte in eine, in zwei Klassen geteilte Gesellschaft, zu den glücklichen leichten Eloi und den geschäftig hungrigen Morlocks. Das Dunkel frisst das Licht, ernährt sich von diesem um seine Welt zu betreiben. Ein Blick in den Spiegel des Universums. Der Kongress begann, ein erster Erfahrungsaustausch wurde angestoßen. Vom scherzhaften Spiel mit dem Wort „Zeit“ und seinen Bezügen, bis zu „Ich würde gerne zu meiner Geburt zurückreisen und mich selbst auf den Arm nehmen.“, wohl um Geborgenheit zu finden – stellten sie zahlreiche Anregungen in den Äther, ebenso wie Fußballfans pauschal meinungsmäßig gemeinschaftlich vom Zeitreisen ausgeschlossen wurden. Die menschlichen Äußerungen umfassten unterschiedlichste Dimensionen, auch solche um die Möglichkeiten der Erkundung und Nutzung von Erfahrung aus Vergangenheit und Zukunft. Es gibt immer nur den Augenblick Jetzt - Im Hintergrund bastelte Ben hochkonzentriert (Videoprojektion) den Luxusliner Titanic als Modell. Das 1912 auf der Jungfernfahrt gesunkene Schiff, das größte in seiner Zeit, bildet einen Schwerpunkt im Leben von Ben Stangl. Er arbeitete sichtbar an der Maschine, kennt alle Daten, Bilder, Geschichten und er setzte das auf der Bühne vorgeführte Modell zusammen. Maßstabgetreu.

 

Die in Belfast gebaute Titanic, die bis heute immer wieder das Interesse auf sich zieht und die durchaus als Vergleich für das Schiff „Erde“ stehen kann, auf dem Menschen wissentlich der Kollision mit sich selbst und dem eigenen verantwortungslosen Tun entgegensteuern, stand im Focus. Der Eisberg, die Rückstände der Überindustrialisierung, wächst täglich, und doch, trotz der Kassandrarufe von Wissenschaft und aktiven Menschen, steuern Reeder und Kapitäne direkt auf diesen zu. Es gab nur eine Fahrt für die Titanic, es gibt nur eine Fahrt der Erde durchs All.

 

Die Insel Irland, Belfast und der Nordirland-Konflikt standen stellvertretend für die Bemühungen von Anerkennung und Unabhängigkeit, für Gesinnungsfreiheit in einer Gemeinschaft. Nur allzu oft mündet Intoleranz in Gewalt, in schwellenden Konflikt. Das demonstrative Schwenken der Fahnen durch den verbindlich vermittelnden Deman Benifer, der den einzelnen Regionen Irlands durch diesen Akt Aufmerksamkeit und stimmlose Stimme verlieh, kann nationalstaatlichem Denken, Grenzziehung gleichgesetzt werden. Der vereinende „Union Jack“, lag als Patient auf der Massageliege, ihm wurde Maß genommen mit der Bayerischen Norm, einer Weißwurst-Kette. Kann der Konflikt doch auch zur Diskrepanz zwischen Bayerischem und Deutschem in Bezug gesetzt werden. Eine Union erfordert andere Denk- und Handlungsansätze. Da müsste der Kleine Mensch schon ein wenig über seinen Schädelrand hinaus wachsen, doch auch in der Zone der uneingeschränkten Bewegungsfreiheit ziehen, regen sich die Geister ähnlichen Denkens an, bilden Gruppen. Unmittelbar.

 
  Zeitmaschine  
 

Holger Dreissig, Oli Bigalke, Deman Benifer

© Edward Beierle

 

Den Mittelpunkt des Kongresses der Zeitreisenden in Belfast bildete im Jahr 2012, ebenso wie 1912 ein Schaltjahr und mit einem zusätzlichen Fenster in die Zeit versehen, das Filmseminar zum Thema: Zeitreisen. Der Dozent, Oli Bigalke, glänzte leutselig kompetent durch die Zusammenstellung aller sehenswerten und einiger weniger sehenswerter Filme. Geschichte, Schauspieler und Erscheinungsjahr waren ihm, dem Prototyp des allgegenwärtigen Dozenten, geläufig. Das Genre bietet eine bequeme Reisemöglichkeit, um in anderen Abenteuern und Dimensionen Erkenntnisse zu sammeln, gleich dem gedruckten Wort und diesem doch über vorgestellte Bilder überlegen. Weil es heute nicht mehr anders sein kann, wurden den außergewöhnlichsten Filmen wiederum Preise zugesprochen - in dieser ausgepreisten Welt. „Durch welche Brille ich sehe ...“  und weil ein bisschen Party auch zur Gegenwart gehört, tanzten die Zeitreisenden, natürlich mit „dicker Brille“ und jeder in seiner Welt, parallel.  

 

Muriel Aichberger verkörperte als androgyne Erscheinung - erst im Tanz als Kultfigur, dann in klassischem Kostüm mit Hut und Schirm und leuchtend blauem spitzem Herrenschuh – den propagierten ungeschlechtlichen Typus, der die „Welt erklärt“, statt sie zu leben.  Betrachtete die Figur doch H.30 und seine Werke analytisch, dokumentarisch. Er stand zwischen den Denkmälern der Vergangenheit, die auf Sockeln präsentiert, Sinnbilder für epochale Werke und Erscheinungen vorführten. Ein Saurier, die Telefonzelle des Dr. Who, der DeLorean, ein Plastikkopf mit Fahrradhelm, die weiche Uhr von Salvador Dalí.

 

Das Bewusstsein ist die einzige Zeitmaschine mit der es sich frei in Vergangenheit und Zukunft bewegen lässt. Die Wunden und Fehler der Vergangenheit zu erkennen, zu heilen und mit klarem Auge einen unverstellten Blick auf die Gegenwart werfen zu können, ist für viele heute Zeichen für aussichtsreiche Zukunft. Ihre Bilder, ihre Worte bilden die Nahrung für die im Dunkel Verharrenden, wie etwa das Publikum. Das Schlussbild zeigte unmissverständlich ein Wesen in sich, seiner Seele, seiner Welt; wobei durchaus auch die gesamte Menschheit als ein Wesen in der Atmosphäre begriffen werden darf. Ein Eloi erschien auf der Bühne (wie fast alle Nahrung heute, plastikverpackt).

 

Es waren die feinen Anspielungen mit denen Holger Dreissig Akzente, Hinweise auf die Gegenwart, setzte. Nie aufdringlich, dringen sie doch ins Bewusstsein, bleiben haften. Es gibt noch Künstler, Künstler, die Botschaften vermitteln, die Weltsicht und Anliegen subtil vielschichtig darzustellen in der Lage sind. Sie sind rar, waren es immer schon und doch, oder gerade deshalb überdauert ihr Schaffen den Augenblick. Ihre Kunst ist immer eine Zeitmaschine, sie trägt in eine andere Welt, ist Blick aus einer Vergangenheit in eine Zukunft. Möge die Performance auf dem begeisterten anhaltenden Applaus weiter durch die Zeit reisen!



 
 
C.M.Meier

 

Weitere Vorstellungen 17.-20. + 23.-27.Jan.

 


Zeitmaschine

von Holger Dreissig

Muriel Aichberger, Deman Benifer, Oli Bigalke, Holger Dreissig, Tom O’Malley und Ben Stangl

Regie/Bühne/Kostüm: Holger Dreissig

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