i-camp Identità. Pellegrinaggio all’ amore – Identität. Wallfahrt für die Liebe von Yvonne Pouget


 

 

Die Kunst, ein magisches Ritual


„In den Traditionen des Mittelmeers liegt die Wiege europäischer Identität. Tarantella-Rituale erwecken wie die Dionysien ursprüngliche Kräfte. Die Seele befreien im Erinnern auf der Bühne, dem Spiegel. Vom Zauber Süditaliens eingefangen, berauscht werden. Den Reichtum seiner Musik Kunst Tradition erfahren. Damit den eigenen Raum bereichern.“ … das sind einige der Gedankenfetzen die sich mir aufdrängten, als ich die Ankündigung und die Besprechungen las.

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Was unterscheidet die Alten, die durch zwei Weltkriege traumatisiert ihrem Ende entgegenharren und die Jungen, die durch die virtuelle Industrialisierung entseelt in flimmernder Oberflächlichkeit erstarren? Die Mechanisierung, Funktion bestimmte und bestimmt ihren Tag. Ein wenig Lebendigkeit, ein wenig mehr Lebendigkeit braucht es diese zu überwinden. „… Was nicht gespiegelt und nicht verstanden wird, wird letztlich abgespalten oder verdrängt. In der Verdrängung können Entbehrungen und Verzicht aber nicht betrauert werden.“ Zitat aus der Abschiedsvorlesung von Michael Ermann LMU. Durch Reden und Analyse lässt sich zwar der Verstand überzeugen, doch die Seele braucht begreifen und sucht die Erfahrung, will fühlen, will tanzen. Sie tut dies in den Bildern ihrer Erbschuld, ihrem Karma, ebenso wie in denen der Hoffnung.

  PinodeV  


Pino De Vittorio

©Anja Wechsler


 

Viva la vita

Die umfassendste Form von Lebensausdruck ist die Kunst. Und, ein Kunstwerk gelang Yvonne Pouget mit dem Musiktanztheater „Identità – Pellegrinaggio all‘ amore“. Wesen und Seele in traditioneller Tanzform sichtbar zu machen und über eindringliche Bilder die „Weitergabe von Kriegstraumata an die nächsten Generationen“ zu veranschaulichen, gibt die Choreographin, Regisseurin und Tänzerin als Anliegen preis. Sie übersetzte es in die allegorische Figur der „Fanciulla“, die für ganze Generationen steht. Für die Generationen der Großeltern und der Eltern, welche durch zwei Weltkriege die Freiheit der Seele und damit einen Teil ihrer selbst verloren.

Im schwarzen Bühnenraum kauerte eine Frau (Yvonne Pouget) in langem Kleid und mit stilisierter Haube auf dem Boden. Allein ihr und ihren zurückhaltend zögerlichen Bewegungen folgte das Licht. Die Augen geschlossen, der Mund schmerzvoll zum unhörbaren Schrei geöffnet, zeigte jede Geste Leid. Bedrohlich metallische Töne überlagerten die leise Musik. Langsam gelang es ihr sich aufzurichten, mit ersten Tanzschritten zu Lebendigkeit zurückzufinden. Zu immer mehr Lebendigkeit, die sie die alten Kleider abstreifen ließ, sich als Frau erkennen und die Gegenwart erreichen.
Ein Mann erschien im Hintergrund, von seinen Lippen kam das „Wiegenlied der Rose“. Mit Poesie rief er die Erinnerung an Leben wach, an Begegnung, ja an Liebe gar. „Ti vuogghiu beni, ti vuogghiu beni“ , wofür ihm mit einem zarten Kuss die Zuneigung erwidert wurde.  Pino De Vittorio pflegt die traditionelle Musik seiner Heimat, trägt sie über die Welt und gehört zu den berühmtesten zeitgenössischen Barockinterpreten. Die Leichtigkeit und Farbigkeit seines Gesanges berührte, versetzte das Sein in Schwingung. Zu seinen Füßen zwei entblößte Körper, natürliche Wesen, die nebeneinander erste Bewegungsversuche vollzogen und mit neugierigen Augen die Umgebung absuchten, sich erkannten.

Seit Jahrhunderten beschäftigt die Seele die Menschen. Von Homer, der die Psyche als Substanz des Körpers beschrieb, über Heraklit, Demokrit und Diogenes spannt sich der Bogen. Platon definierte sie als das einheitsstiftende Merkmal des Menschen und Aristoteles führte diese Betrachtungen fort. In der Neuzeit wurden die Vorstellungen ausgeweitet und auf alles Lebendige übertragen. Descartes brachte darüber hinaus das Bewusstsein ins Spiel, bis der Materialismus alle psychischen Vorgänge auf körperliche Prozesse reduzierte. Doch ist die Seele nun das Bewegende oder das Bewegte?

Wie das Wasser die Materie zu Leben erweckt, so erweckt die Seele den Menschen zu Leben. Drei Aggregatzustände des Wassers werden definiert – gasförmig, flüssig, fest. Die Gemeinschaft der Menschen findet sich in der Weltseele, in der Erdatmosphäre, gasförmig. Der menschliche Körper besteht zu fünfzig bis sechzig Prozent aus Wasser. Es fließt vom Mund über den Scheitel bis zu den Zehen. Es trägt die körpereigenen und die zugeführten Substanzen in alle Zellen, verteilt Endorphine ebenso wie die Säure des Weins und die Kohlehydrate der grünen Erbsen. Es speichert die Stoffe und damit die Empfindungen zur Essenz der Befindlichkeit des Körpers. Im See der Gefühle zu baden, darin aufzugehen, in Harmonie zu schweben, zu schwimmen, Ausgeglichenheit zu fühlen und Geborgenheit zu erfahren. Das sind nur einige der sinnlichen Erfahrungsmomente, welche über die Mischung von Wasserstoff und Sauerstoff im Körper angeregt werden und die mit Wohlgefühl verbunden sind. Wasser im  festen Zustand sehen wir als Eis, die Strukturen der Kristalle prägen sich als Bilder ein - das Eis der Polkappen des Planeten, das Eis des Winters, welches vom Himmel fällt. Und, das Eis in den Menschen, welche einem Schockmoment der umfassenden Existenzangst ausgesetzt, erstarren. Wurde der Fluss des Daseins in einem Körper unterbrochen, so braucht es vor allem menschliche Wärme und die Übertragung von Lebendigkeit, um den Zustand zu überwinden und die Verbindung mit dem Bewusstsein und dem Körper wiederherzustellen.

In der apulischen Region Salento in Italien wird seit Jahrhunderten die Pizzica gepflegt. Diese Tarantella fasst die Lebendigkeit der Region zusammen in eine berauschende Kraft, eine bewegende und somit eine lösende. Die Komposition aus Feuer, beschwingter Atmosphäre und blühender Poesie erregt die Sinne und lässt die Musik als Lebens- und Heilmittel erfahren, unmittelbarer als eine Tasse Kräutertee oder ein Bad im Moorteich. Ihre Nähe zur geistigen Natur greift auf die elementaren Freuden zurück, beseeligt. Nicht umsonst holte man bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Musiker zu Traumatisierten. Heute, in einer Zeit in der Lamettrie (Der Mensch ist nur Körper, Maschine.) und die neurologischen Mechaniker wie Priestley den Tenor bestimmen, kann eine Begegnung mit einer komplexeren Urkraft unvergleichlich wertvoller und bereichernder empfunden werden. Vorausgesetzt natürlich, man ist bereit sich auf die Erfahrung einzulassen. Marcello Vitale spielte die Chitarra Battente, begleitete den Gesang von Pino De Vittorio und trat mit einem Solo ins Licht.

Das Spektrum des Tanzes in der Inszenierung reichte vom rituellen Stampfen in den festgelegten Schritten eines rumänischen Bergtanzes, bis zu modern freiem Stil und traditionellen Ballettelementen. In diesen Bildern fand sich die Entwicklung des Menschen wiedergegeben. Die Eleganz der Bewegung und Haltung im klassischen Stil und die Begegnung zwischen Mann und Frau fanden hier ihren Höhepunkt im Pas de deux. Von spielerisch leicht bis nachdenklich schwebten Mikiko Arai und Damien Liger in dieser Phase über den Brettern die die Welt bedeuten. Der Versuch zu fliegen, der in der Seele des Menschen angelegt ist, fand seinen Ausdruck. Lag am Ende doch die letzte Generation auf dem Boden, geformt und doch nicht mehr zu tanzen bereit, wälzte sich das Einzelwesen über die Fläche. Der Zauber der Bilder wirkte nach, in plastischer Deutlichkeit und strahlender Ausdruckskraft. Lichtdesigner Rainer Ludwig lotete die Tiefen aus, stellte diese hervor. Im Schlußbild erschien Hélène Yousses helle gebeugte Skulptur der Tarantata im Hintergrund, still erinnernd an die Leiden der Vergangenheit.

Yvonne Pouget schuf mit diesem Musiktanztheater, in dem sie fantastische Künstler versammelte, eine Seelenreise par excellence, die man als facettenreich kunstvolle Aufführung betrachten und genießen, oder auf die man sich einlassen und dadurch den eigenen Himmel weiten konnte.

C.M.Meier

 

Identità. Pellegrinaggio all’ amore – Identität. Wallfahrt für die Liebe

Ein Tanztheater von Yvonne Pouget

Gesang/Schauspiel: Pino De Vittorio
Chitarra Battente: Marcello Vitale
Tanz: Mikiko Arai , Damien Liger/David Russo

Idee/Choreographie/Regie/Tanz: Yvonne Pouget
Bühnenbild: Hélène Yousse
Lichtdesign: Rainer Ludwig

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