Kammerspiele Spielhalle Hellen Lawrence von Stan Douglas


 

 

Moderne Laterna Magica in der Spielhalle

Stan Douglas aktuelle Ausstellung im Münchner Haus der Kunst ist mit „Mise en Scène“ überschrieben. Mit dieser Bezeichnung wird gleichsam eine Arbeitsmethode definiert, nämlich ein künstlich „in Szene setzen“. Mit der cineastischen Theaterproduktion „Helen Lawrence“ geht er noch einen Schritt weiter, in dem er Theaterspiel in die von ihm nachempfundenen und virtuell reproduzierten Bilder montierte. Das geschah durch Computeranimation. Die Darsteller agierten in einer „Blue Box“ und wurden zeitgleich in Schwarz-Weiß in die auf einen durchsichtigen Bühnenvorhang projizierten Räume montiert. (Bühne: Kevin McAllister) So entstand eine perfekte Filmillusion, die einen Hauch „Film Noir“ atmete. Schlüsselwerke dieser künstlerischen Richtung sind „Die Spur des Falken“ (1941), „Frau ohne Gewissen“ (1944), „Laura“ (1944) und „Murder, My Sweet“ (1944). In dieser „dunkleren“ Spielart des Kriminalfilms lag das Hauptaugenmerk mehr auf der Charakterisierung der Figuren als auf der Handlung. Faszinierend dabei war, dass die Bilder von Douglas mittels einer „immersive art app, re-creating two communities that no longer exist“, also in einem iTunes Format, entstanden sind.  

Der simulierte Ort war Vancouver etwa im Jahr 1948, insbesondere „Hogan’s Alley“ und das „Old Vancouver Hotel“, Orte und Gebäude, die in der Form nicht mehr existieren. Es ist ein Ort, in dem ein korrupter Polizeichef das Sagen hat, in dem Verbrechen und Prostitution eine Hochzeit feiern. Das „Old Vancouver Hotel“ ist Anlaufort für Kriegsheimkehrer. Allerdings ist es längst beschlossene Sache, dass das Hotel abgerissen wird und so ist der riesige Bau nur noch von ein paar herumirrenden Seelen bewohnt. Glücklich kann sich schätzen, wer ein verschließbares Zimmer mit warmem Wasser hat. Eines Tages steht eine Dame an der Rezeption, die sich Helen Lawrence nennt und auf der Suche nach einem gewissen Percy Walker, Buchmacher seines Zeichens, ist. Sie weiß nicht, dass auch er im Hotel residiert und offiziell eine Taxizentrale betreibt. Percy hat Helens Ehemann getötet und ihr den Mord in die Schuhe geschoben. Sie war dafür neun Monate in einer psychiatrischen Einrichtung verbracht worden. Nun ist sie gekommen, um mit dem einstigen Geliebten abzurechnen. Ihr Erscheinen erzeugt einen gewaltigen Druck, denn beinahe alle Personen sind geschäftlich, und hier handelt es sich vornehmlich um kriminelle Geschäfte, miteinander verbandelt oder befinden sich in unsäglichen Abhängigkeiten. Wie in einer antiken Tragödie nehmen die Dinge ihren Lauf und bald schon fließt Blut.

Die von Stan Douglas und Chris Haddock gestrickte Geschichte um den authentischen Fall eines kriminellen Polizeichefs und einer ominösen, im authentischen Prozess weitestgehend anonym geblieben Frau ist sehr komplex und bindet Menschen unterschiedlichster Couleur mit ihren z.T. dramatischen Lebensläufen ein. Da war das farbige Geschwisterpaar Buddy Black, wuchtig von Allen Louis in Szene gesetzt, und Henry Williams. Sterling Jarvis gibt einen verzweifelten jüngeren Bruder, der nach seiner Rückkehr aus dem Krieg mit ansehen musste, wie sich sein Bruder sämtliche Geschäfte unter den Nagel gerissen hatte. Dass Buddy ihn nicht teilhaben lassen wollte, lag auch und vor allem am Police Chief  James Muldoon, selbstgefällig und gefährlich, weil sehr kontrolliert, von Ryan Mollyman gespielt. Der hatte die Oberhoheit über die kriminellen Machenschaften in seinem Distrikt, und „ein Neger“ war, wie er meinte, schon mehr als genug. Sein Vollstreckungsgehilfe Sargeant Perkins brachte diese Selbstdisziplin nicht auf. Er war nicht nur in kriminelle Machenschaften verwickelt, Greg Ellwand lebte in der Rolle des stupiden und versoffenen Adlaten den Rausch der moralischen Verwahrlosung hemmungslos aus.

Randfiguren und doch ab einem bestimmten Punkt an der Geschichte beteiligt waren das junge Ehepaar Banks. Ava Jane Markus kämpfte als Ehefrau Eva verzweifelt gegen den Zerfall ihrer Ehe an. Adam Kenneth Wilson gab den bis über beide Ohren verschuldeten, spielsüchtigen Edward, der, wie Buddy Black meinte, nicht sehen wollte, was alle längst realisiert hatten. Die Spielsucht hatte ihn bereits überwältigt und seine Ausreden waren angesichts der Situation einfach nur noch lächerlich. Crystal Balints Mary Jackson wartete bereits seit vier Jahren auf ein Lebenszeichen von ihrem Mann, der bei der Air Force im Krieg Dienst tat. Sie hatte die Hoffnung nie aufgegeben, nicht wissend, dass ihr Bruder Buddy Black die Nachricht vom Tod seit vier Jahren mit sich herumtrug. Er brachte es nicht übers Herz, ihr das ihre zu brechen. Hrothgar Mathews gab den schmierigen Hotelmanger Harry Mitchel mit Toupet und schleimigen Opportunismus. Sein Versuch, die auf ihn zukommende Arbeitslosigkeit zu umgehen und sich vermittels einer Erpressung ins (Buchmacher-) Geschäft zu manövrieren, erwies sich als fatale Sackgasse.

Der Buchmacher, den Harry unter Druck setzen wollte, hatte mit seinen Geschäften längst abgeschlossen. Percy Walker wusste inzwischen, dass Helen Lawrence ihm bereits bedenklich nahe war. Nicholas Lea spielte den skrupellosen Bösewicht mit enormer physischer Präsenz, aber auch mit sichtbarer Sensibilität. Lisa Ryder gab ihrerseits eine entschlossene blonde Kühle, die mit allem abgeschlossen zu haben schien. Einzig die offene Rechnung mit Percy war noch zu begleichen. So zielstrebig, wie sie dabei zu Werke ging, ließ keinen Zweifel am Erfolg ihrer Mission, der sich dann sehr abrupt und überraschend einstellte. In der ganzen düsteren, existenziell anmutenden Gesellschaft, die durch die perfekten 40er Jahre Kostüme von Nancy Bryant so stimmig wirkte, gab es auch eine komische Rolle, deren Sinn durchaus auch darin lag, das artifizielle der Geschichte glaubhafter zu machen. Haley McGee gab die/den auf dem Travestietrip befindlichen Hotelpagen Julie Winters, die sich Joe nennen ließ. Jung, agil, neugierig und die Gefahr gelegentlich aus den Augen verlierend, war sie Helen Lawrence behilflich, ihre Mission zu erfüllen.

Es war ein Abend der Magie. Gezeigt wurde sowohl Theater wie auch Film. Es war beides gleichzeitig und es ging perfekt zusammen. Heraus kam eine virtuelle Vergangenheit, die für eine und eine halbe Stunde auf kunstvolle Art wieder Gestalt annahm. Durch eine (künstlich geschaffene) Authentizität, wurden die Zuschauer zu Zeitreisenden. Ob nun die Sprache mehr Klischee als authentisch war, werden wir nicht herausfinden, denn sie war der in den Filmen aus der „schwarzen Serie“ zu ähnlich. Wenn wir uns aber dazu durchringen könnten, es nicht zu glauben, wäre die Illusion vollkommen. Mit faszinierender Perfektion zeigten großartige Schauspieler, die gleichsam als Kamerafrauen und -männer agierten, was moderne Technik leisten kann. Der Brückenschlag zwischen bildender und darstellender Kunst war gelungen. Schön war der Schein nicht immer, aber unbedingt erregend und fesselnd. Stan Douglas Visionen sind überaus potent und machen neugierig auf kommende Projekte, vor allem aber auf seine großformatigen Fotos, die im Haus der Kunst zu sehen sind.

Wolf Banitzki

 


Helen Lawrence

A cinematic stage production von Stan Douglas

Crystal Balint, Greg Ellwand, Ryan Hollyman, Sterling Jarvis, Nicholas Lea, Allan Louis, Ava Jane Markus, Hrothgar Mathews, Haley McGee, Mayko Nguyen, Lisa Ryder, Adam Kenneth Wilson

Konzept und Regie: Stan Douglas

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