Neues Haus Sicherheitskonferenz von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll)


 
 
Dokumentation vs. Theater

Es fällt schwer, sich als Theaterkritiker zu „Sicherheitskonferenz“ von Stefan Kaegi zu verhalten. Nicht, dass das Gesehene nicht interessant gewesen wäre; nicht, dass das Gesehene nicht den Horizont um einige Details erweitert hätte; nicht, dass das Gesehene nicht notwendigerweise an die Öffentlichkeit gebracht werden muss; doch, was hat das Gesehene mit Theater zu tun? Meine Nachbarin meinte, es wäre doch gut, mal neue Wege zu gehen. Neu sind diese Wege gewiss nicht. Seit Erwin Piscator und dem proletarischen Agitproptheater, spätestens aber seit dem „Gesang vom Lusitanischen Popanz “ (ein farbiges Agitprop-Musical) von Peter Weiß sind derartige Experimente keine neuen Wege mehr. Was allerdings neu ist, das ist der weitreichende Verzicht auf eine Theaterästhetik, die bereits in der Sprache beginnt.

Stefan Kaegi brachte in „Sicherheitskonferenz“ Menschen auf die Bühne, die mehr oder weniger mit dem Thema konfrontiert waren. Am deutlichsten wurde das bei Wolfgang Ohlert, der über ein Viertel Jahrhundert Chefkoordinator der Münchner Sicherheitskonferenz war. Ohne Frage war es sehr interessant, einem Mann wie Wolfgang Ohlert, der direkt eingetaucht war in die Dunstkreise der Macht, zuzuhören, wenn er aus dem Nähkästchen plauderte. Nicht weniger interessant waren die Auslassung von Heide Mößlang, die seit den 70er Jahren als Konferenzdolmetscherin tätig war. Sie wurde von der Schauspielerin Annette Paulmann vertreten. Ebenfalls ständig präsent auf der Veranstaltung, deren Ziel Sicherheit und Frieden war und sein soll, war Herr Andreas Meier (Name aus verständlichen aber nicht nachvollziehbaren Gründen geändert), Mitglied der Geschäftsführung eines Rüstungskonzerns mit Firmensitz in Bayern. Der Figur von Herrn Meier lieh Schauspieler Jochen Noch sein Gesicht. Die ständige Anwesenheit eines Waffenherstellers und -händlers war nicht zuletzt ein Indiz für die Absurdität dieser ganzen Veranstaltung.

Diesen Eindruck zu erwecken, muss auch Anliegen der Macher gewesen sein. Immerhin sollte eine konsequent jährlich veranstaltete „Sicherheitskonferenz“ zu mehr Frieden und Sicherheit führen. Dass das Gegenteil der Fall war und ist, belegte der Politologe Konstantinos Tsetsos, der zum Thema „asymmetrische Kriegsführung“ forscht und der sich mit „konferenz- oder computerbasierte, strategische Planspiele und Simulationen zu sicherheitspolitischen Themen“ beschäftigt.

Nebenher wurden Einzelschicksale eingeflochten, wie das von Amran Abdilahi Ahmed, die mit 16 Jahren aus Somalia vor dem Bürgerkrieg floh und z.Z. in München eine Ausbildung als Damenschneiderin absolviert. Anthony Lamothe ist freischaffender Kameramann, der sich nach einigen Kriegseinsätzen für die Familie entschied und nach dem 11. September 2001 von mehreren Sicherheitskonferenzen Bilder lieferte. Schauspielerin Caroline Ebner erzählte in der ersten Person die Geschichte der eher unpolitischen Soldatin Christiane Enst-Zettl, die, nachdem sie Zweifel an der Richtigkeit der Organisation des Afghanistaneinsatzes angemeldet hatte, gemaßregelt und nach Deutschland zurückversetzt wurde. Erst über gerichtliche Schritte gelang es ihr, den Vorwurf der Dienstverweigerung abzuwehren. Sie ist zur Zeit in ihrem 2. Afghanistaneinsatz. Sidigullah Fadai, aktiver Widerstandskämpfer gegen die sowjetische Besatzung, floh aus Afghanistan und organisierte 2001 in München-Freimann eine Afghanistan-Konferenz, bei der sämtliche afghanische Konfliktparteien anwesend waren. Und last but not least vermittelte der Programmierer Klaus Wintermayr einen Eindruck von der technischen Entwicklung und ließ dabei ahnen, welche Konsequenzen daraus für die moderne Kriegsführung resultieren.

Eva-Maria Bauer hatte den Spielraum des Neuen Hauses in den Konferenzraum des Bayerischen Hofes verwandelt. Ein großer ovaler Konferenztisch mit Galerien für die Beobachter und Berater vermittelte einen authentische Eindruck. Die obligatorische Flasche Wasser nebst Glas und die Kopfhörer ließen eine Ahnung aufkommen, wie es sein könnte, direkt dabei zu sein.
 

Amran Abdilahi, Caroline Ebner, Sidigullah Fadai, Anthony Lamothe, Jochen Noch, Wolfgang Ohlert, Annette Paulmann, Konstantinos Tsetsos

© Arno Declair

 

Im scheinbar zusammenhanglosen Wechsel berichteten die Protagonisten, multimedial aufwendig unterstützt, über Leben, Krieg und Politik im Konkreten und im Allgemeinen. Dabei sprachen sie vornehmlich von und über sich. Die Auskünfte hatten durchweg dokumentarischen Charakter, wobei die sprachliche Gestaltung unartifiziell war und vom Vermögen der Beherrschung der deutschen Sprache der ausländischen Mitbürger abhing. Von Gestaltung konnte, mit Ausnahme der drei Schauspieler, die sich allerdings zu Gunsten des dokumentarischen Grundkonzeptes deutlich zurücknahmen, nicht gesprochen werden. Technische Spielereien wie Kampfmaschinen, ferngesteuerte Aufklärer, nicht größer als eine Zigarettenschachtel oder das Model einer Drohne, die bedrohlich durch den Raum surrte, suggerierten zwar auf bedrückend faszinierende Weise, dass die zukünftigen Kriege durch Technik entschieden werden, lenkten aber ein wenig davon ab, dass die Opfer in jedem Fall leibhaftige Menschen sein werden, und zwar weniger Soldaten als vielmehr unschuldige Zivilisten.

 

Die breit angelegte Dokumentation, es sträubt sich in mir, ihr das Attribut theatralische zuzuordnen, hatte Aufklärung zum Ziel. Wirkliche Aufklärung konnte allerdings nur erfahren, wer politisch desinteressiert ist und nicht über eine kritische Weltanschauung verfügt. Das Wesentliche war bekannt, nur einige Details überraschten. Die Veranstaltung ist einmal mehr ein bedingt tauglicher Versuch, aufzurütteln. Fragt sich nur wofür? Das Ergebnis aus dieser Art des Aufrüttelns sind Lichterketten, Betroffenheitsbekundungen, Mahnwachen. Nicht, dass die Menschen, die auf die Straße gehen, darum gering geschätzt werden sollen, ganz im Gegenteil. Aber Kunst, und die hat leider nicht stattgefunden, könnte, wenn sie sich vom platten Realismus und dessen Reflexion einmal lösen würde, zu eigenen „Planspielen“ kommen, die zum Ziel haben könnten, den Begriff Sicherheit neu zu definieren. Dabei sollte man mit der Frage beginnen: Wer fällt die Entscheidungen, Krieg zu führen? Antwort: Die Politiker. Zweite Frage: Könnte es sein, dass Politiker schon lange nicht mehr den Regeln menschlicher Vernunft folgen? Dritte Frage: Politiker sind keine von Gott gegebene Kaste, braucht die Welt überhaupt Politiker?
Kunst sollte der Realität nicht hinterher laufen. Sie hat deutlich mehr Potenzen. Und nicht vergessen, Radikalität in der Kunst ist zumindest in Deutschland NOCH straffrei. Erst wenn Kunst zum „Sicherheitsrisiko“ wird, werden wir Sicherheit erlangen, Sicherheit vor denen, die uns Sicherheit versprechen.

 

Wolf Banitzki

 

 


Sicherheitskonferenz

von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll)

Amran Abdilahi, Caroline Ebner, Sidigullah Fadai, Anthony Lamothe, Jochen Noch, Wolfgang Ohlert, Annette Paulmann, Klaus Wintermayr

Regie: Stefan Kaegi (Rimini Protokoll)
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