Neues Haus Solidarität ist Selbstmord von René Pollesch nach Carl Hegemann


 

 

 
Schall und Rauch

Isoliert und verdichtet sich die Aussage "Ich denke, also bin ich" , so entsteht als scheinbar logische Konsequenz ein Gedankenschwerpunkt. Ansammlungen solcher Punkte nennt man Thinktank. Hier werden, zumeist aus dem Gedankengut der Vergangenheit, Vorgaben für die Verstandestätigkeit der Zeitgenossen entwickelt. Als Blick in einen Thinktank kann die in den Kammerspielen im Neuen Haus inszenierte Bühnenschau verstanden werden: Lohnarbeit, Pornografie, Filmindustrie, Gold, Verbrechen, Lüge, Liebe und weiteres aktuelles Schlagwortmaterial fließen in "Solidarität ist Selbstmord" ein. Sechs Darsteller und ein Souffleur bringen die von Carl Hegemann entworfenen Gedanken zu Gehör. Auf der von Janina Audick gestalteten Bühne bewegen sie sich zum einen zwischen Bar, Bett und Livecam und zum anderen auf einer Gartenterrasse vor einem Spiegelschrank.

Mit den Mitteln der Boulevardkomödie brachte Pollesch Humor in die kreative Beliebigkeit dieses Thinktanks. Zweifelsohne wurde das vom Publikum dankbar angenommen und mit Lachern quittiert. Pollesch schaffte es damit, einen Nerv in der Gesellschaft zu treffen, einen Spiegel vorzuhalten. Er zeigte, wie sie sich im Spagat zwischen Weltkleinbürgertum und großsprachiger Analyse vergeblich selbst wahrzunehmen und zu positionieren versuchen, Pendler sind. Am Ende der Aufführung formieren sich die Akteure nach strukturierten Vorlagen, die in Rauch aufgehen.

Pollesch fand Umsetzungen, die den Aussagen Hegemanns zu deutlicher und unterhaltsamer Bildhaftigkeit verhalfen. Es wurde aufgezeigt, keine Lösung oder zumindest Hinweise angeboten. Dabei lag der Schwerpunkt doch vornehmlich darin, einen Diskurs am Laufen zu halten.
 

Anna Böger, Sylvana Krappatsch, Bernd Moss, Lasse Myhr, Mira Partecke, Sebastian Weber

© Arno Declair

 

Das Verstecken der Liebhabers im Schrank gilt als eine bürgerliche Attitüde. Sie dient der Schaffung eines Geheimnisses und dieses wiederum ist unerlässlich, um eine Lüge in die Welt zu setzen. Die Lüge schafft die Lücke im Gesamtbild, eröffnet unter anderem den Raum für Träume. Das Leben erfüllt Träume, ohne sich in der Wahl der Mittel zu beschränken. Nur der Mensch maßt sich an, wählerisch sein zu dürfen und zu beurteilen, will seine Vorstellung realisiert wissen (was in Theater und Film möglich ist). Schwingt in der Erotik noch das Geheimnis mit, so beschränkt sich die heute im Vordergrund stehende Pornografie auf die Darstellung eines mechanischen Vorgangs, ist plakativ und bestenfalls tierisch. Alles wird offen und scheinbar ehrlich. Es zeigt die Realität in ihrer vollen Banalität. Hier sterben Illusionen und Träume, scheitert die Wirklichkeit. Der Mensch, seiner Träume und Geschichte entkleidet, also nackt, ist eine zutiefst verlorene lächerliche Figur. Darüber hilft auch keine abstrakt kon- oder destruktive Intellektualität hinweg.

"Ich performe Gedanken, also entwickle ich." Vorstellungen sind Schall und Rauch, bleiben es auch ... "die nur so tun als ob".

 
 
C.M.Meier

 

 

 


Solidarität ist Selbstmord

von René Pollesch nach Carl Hegemann

Anna Böger, Sylvana Krappatsch, Bernd Moss, Lasse Myhr, Mira Partecke, Sebastian Weber, Viktor Herrlich

Regie: René Pollesch
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