Neues Haus Chatroom von Enda Walsh


 

 

 
Cyber und Welt

Enda Walsh, in Dublin geborener und in London lebender, Autor, Schauspieler, Regisseur ist an den Münchner Kammerspielen und anderen deutschen Bühnen kein Unbekannter. Erst im vergangenen Oktober hatte seine Auftragsarbeit "The New Electric Ballroom" in den Kammerspielen Premiere. Davor fand die Deutschsprachige Erstaufführung seines Stückes "Bedbound" am Hause statt. Das neueste Werk, "Chatroom" , schrieb er für das "Shell Connections Festival" des National Theatres London, in dessen Rahmen es im vergangenen März uraufgeführt wurde. Bei der Deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks, das mit seiner Authentizität bereits an eine Reality-Doku erinnert, führte er selbst Regie.

 

Leopold Geßele, Moritz Herle, Rosanna Graf, Enda Walsh, Elisa Leroy, Moritz Geiser, Laura Ettel

© Andreas Pohlmann

 

Chatroom - ein einfacher glatter Holzkasten in dem die Fäden zusammenlaufen. Es ist ein Holzkasten, den Bühnenbildner David Hohmann als Raum für die virtuelle Welt vorgesehen hatte, der durch Flügeltüren zu betreten und zu verlassen ist, beliebig, keine Sperrstunde. Sechs Jugendliche treffen sich hier zur Abrechung mit den Erwachsenen, mit Joanne Rowling und Harry Potter, mit Britney Spears und ihren Titten oder zum Austausch von Befindlichkeiten. Was als Smalltalk beginnt, entwickelt sich rasch zu einem mörderischen Spiel. Jim, sensibel und sinnsuchend, der im Forum der "Selbstmörder" von Laura keine Antwort auf seine unausgesprochenen Fragen erhält, wechselt daraufhin in das Forum der "Verdammten Besserwisser". Und hier findet er schließlich Rat, den Rat, der ihm endgültig aus seinem persönlichen Dilemma helfen kann. Denn William, seines Zeichens bekennender Zyniker, sieht seine Chance gekommen, ein Zeichen zu setzen. Gemeinsam mit Eva, deren erfüllendes Lebenszeichen aus einer Stunde Demonstration für den Frieden besteht, treibt er Jim vorwärts, ein Zeichen zu setzten - durch öffentlichen Selbstmord. Und Jim wird aktiv, auf seine Art.
Zeichen der Revolution wollen sie setzen, wie vor ihnen die Kommunisten, die 68er oder die letzten Zeichensetzer, die Punks der 70er. Doch es gibt heute keine Zeichen mehr zu setzen und so ist es eine Revolution ins Establishment, in die Anpassung. Das jugendliche Aufbegehren, der Ansatz zu Bewegung und Welterneuerung, mündet heute in die Virtualität, die ein anonymes Ausspielen der eigenen Veranlagungen gestattet und schließlich in die Einfügung - Einfügung pur, in das bestehende reale System. Enda Walsh hat diese Tragik einer Generation berührend formuliert. Was als witzige Darstellung der zeitlos gültigen Befindlichkeiten von Pubertierenden beginnt, reflektiert einfühlsam ihre Probleme in der heutigen Welt, trifft exakt ihre Sprache. Es entlarvt aber auch das Internet nicht nur als Hort vielfältiger virtueller Gewalt in dem durch Anonymität alles möglich erscheint, sondern auch als Treffpunkt kontaktarmer Einzelgänger.
 
Es ist eine klare Inszenierung ohne Schnickschnack, angepasst an die Möglichkeiten der Akteure, die den überaus begeisterten Beifall für ihre darstellerischen Leistungen wohl verdient haben.
Es sind Mitglieder aus dem Jugendclub M8 MIT! der Münchner Kammerspiele. Mit dieser Initiative setzt Intendant Frank Baumbauer auf seine Weise Zeichen, sucht er die Jugend vor, auf und hinter der Bühne zu begeistern und die Welt des Theaters den kommenden Generationen zu erschließen.

Zeichen, Zeichen, Zeichen, daraus besteht die Cyberwelt, das Paralleluniversum zur Realität. Hier findet die Bewegung, hier findet der emotionale und mentale Kontakt statt.
Ob es Enda Walsh gelungen ist, mit diesem Stück ein Zeichen zu setzen, ein reales Zeichen für die Gesellschaft und eine Generation? Ob eine stille Revolution zur Überbrückung der parallelen Systeme möglich ist? Oder, ob es bei einem anrührend unterhaltenden Abend bleibt, wird erst die Zeit zeigen …

 
C.M.Meier

 

 

 


Chatroom

von Enda Walsh

Leopold Geßele, Moritz Herle, Rosanna Graf, Elisa Leroy, Moritz Geiser, Laura Ettel

Regie: Enda Walsh
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