Neues Haus ÜBERMORGEN IST ZWEIFELHAFT // 2012


 

 

 
Upgrade yourself

– Chris Kondek sucht den Mensch von morgen


Chris Kondek weiß, was er tut. Nicht ohne Grund arbeiten Tanz- und Theatergrößen wie Jossi Wieler, Stefan Pucher oder Meg Stuart immer wieder mit dem amerikanischen Videokünstler zusammen. Seit 2000 entstehen auch eigene Projekte, gleich die erste Produktion „Dead Cat Bounce“ erhielt mehrere Preise.
Jetzt realisierte er gemeinsam mit seiner Partnerin und Dramaturgin Christiane Kühl das Projekt „Übermorgen ist zweifelhaft // 2012“. Dass Kondek ein besonderes Gespür für den Einsatz bewegter Bilder auf der Theaterbühne hat, ist offensichtlich. Von Anfang an sind sie präsent, eröffnen neue Räume und Bedeutungsebenen. Die Angst, dass die Schauspieler angesichts der permanenten Bilderflut ins Hintertreffen geraten könnten, bleibt jedoch unbegründet. Dafür sorgt auch das von Sonja Füsti klug angelegte Bühnenbild, dessen multifunktionale Elemente René Dumont, Walter Hess und Lena Lauzemis eine ideale Spielwiese bieten. Sogar ein Greenscreen ist vorhanden, der die live abgefilmten Schauspieler in vorproduzierte Einspieler einfügt. Über Videomischer, Mikrofone, einen Plattenspieler und mehrere Kameras haben sie auch die Möglichkeit, die Bild- und Tonkulisse zu beeinflussen. Der Charakter des „Gemachten“, des künstlich Hergestellten wird dabei bewusst offengelegt. Auch (oder gerade deswegen?) wenn das Publikum die Zusammenfügung einzelner Bildsequenzen genau verfolgen kann, behalten diese ihren Zauber. Wenn Lena Lauzemis in bester Godzilla-Manier (die 1945er Version!) ein filmisches Weltuntergangsszenario inszeniert, bei dem winzige Papierhäuser zerquetscht und Spielzeugautos in klaffenden Pappmaché-Felsspalten versenkt werden, ist das eine Freude. Ebenso die OP am „offenen“ Gehirn  – mehr als Marmelade auf dem richtigen Fleck des Kameradisplays braucht es hierfür nicht. In Momenten wie diesen, wenn das Bild vom Bild und die (gespielte) Wirklichkeit kongenial verschmelzen, ist „Übermorgen ist zweifelhaft“ am stärksten. Durch die Konstruktion von Bildern, der in der Regel eine umgehende Entlarvung der dabei verwendeten Mittel und Effekte folgt, gelingt es dem Regisseur, Videobildern und Schauspielern eine gleichwertige Bedeutung innerhalb der Stückstruktur zu geben. Das funktioniert auch, weil der Wechsel der Bedeutungs- und Erzählebenen einem genau austarierten Rhythmus folgt.

 
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René Dumont, Walter Hess

© Arno Declair

 

Wissen macht Ah!
Inhaltlich schicken Kondek und Kühl Schauspieler und Publikum auf eine fundiert recherchierte Tour de Force durch die (Un)Tiefen von Robotik, Chaostheorie, Neurologie und Ingenieurswissenschaft. Auch die Transhumanisten, Erich von Däniken und der Unabomber, dessen Waldhütte in einem nur per Kamera einsehbaren Raum rekonstruiert wurde, kommen zu Wort. Ausgangspunkte des Projekts sind der am 21. Dezember 2012 endende Mayakalender und die damit verbundenen Weltuntergangsbefürchtungen. Sie münden in einer Reflexion über die Unzulänglichkeit der menschlichen „Hardware“ angesichts einer zunehmend technisierten Welt und immer avancierterer Maschinen. Lena Lauzemis bleibt dabei trotz Fargo-Mütze und aufgemaltem Schnurrbart leider etwas blass. Die Herren, zugegebener Maßen mit dankbareren Rollenfiguren versorgt, überzeugen dagegen voll und ganz. René Dumont ist mal smarter Conferencier, mal Galileo-Moderator und ab und an auch ein aufmüpfiger Humanoid, der sich von seinem Schöpfer emanzipiert. Der schwarze Anzug steht ihm gut. Wesentlich wichtiger sind jedoch die technischen Gadgets, mittels derer er seine mangelhafte „Hardware“ aufwerten kann. Zumindest beim Publikum sorgt sein mit einem „extra ear“ ausgestatteter linker Arm (Stelarc lässt grüßen) eindeutig für Wettbewerbsvorteile. Aber auch Walter Hess findet als Prototyp des charismatischen Fernseh-Predigers, der seine Jünger durch den Technik- und Theoriedschungel führt, schnell Fans. Nie wurde die Funktionsweise des CERN schöner simuliert und wo bekommt man im Theater sonst noch schwarze Löcher gereicht? Eine Weile leisten echte Roboter den Schauspielern Gesellschaft, erreichen aber nicht die gleichen Sympathiewerte wie der per Film zugeschaltete „Eddie“, der es immerhin auf sechs verschiedene Emotionen bringt. Netter als HAL, Kubricks maliziösen Supercomputer, an den man angesichts der schlauchförmigen Konstruktion aus Holzlatten und Neonröhren auf der Bühne automatisch denken muss, wirkt er allemal.

Bild- wie textlich weben Kondek und Kühl ein dichtes Netz aus Verweisen und Bezügen, lassen den Zuschauern jedoch stets genug Luft zum Atmen. Mit bestechender Leichtigkeit werden mehrere Forschungsjahrzehnte abgehandelt und dem Publikum ein Panoptikum technologiebezogener Ideologien, Philosophien und Meinungen vorgestellt. Vieles davon klingt abenteuerlich, entspricht aber dem aktuellen Forschungsstand. Unter Einbeziehung von Textfragmenten Isaac Asimovs, Mary Shelleys oder Ray Kurzweils begibt sich Chris Kondek also auf die augenzwinkernde Suche nach den Zukunftsoptionen der Menschheit . Hört man auf die Fachleute, die ihre Meinung wiederholt in Videobotschaften äußern, so ist Optimierung die einzig wahre Lösung. Dem Schluss hätte etwas weniger Pathos gut getan, der gute Gesamteindruck leidet allerdings nicht darunter. Darum folgende Empfehlung: Handtuch über die Schulter und ab ins Theater. Auch wenn die Antwort auf alle Fragen 42 bleibt ...



Tina Meß

 

 


ÜBERMORGEN IST ZWEIFELHAFT // 2012

Ein Projekt von Chris Kondek und Christiane Kühl

Lena Lauzemis, René Dumont, Walter Hess

Regie und Video: Chris Kondek
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