Spielhalle Agatha von Marguerite Duras


 

 

 

Geschwisterliebe oder Leidensweg

1981 verfilmte Marguerite Duras das von ihr selbst verfasste Buch „Agatha et les lectures illimitées“. Darin wird die Geschichte eines liebenden Geschwisterpaares erzählt, die sich nach Jahren im Haus ihrer unbeschwerten Kindheit und Jugend treffen, um endgültig Abschied voneinander zu nehmen. Ihre inzestuöse Beziehung muss ein Ende finden, da die übermächtige Liebe beide nach über zehn Jahren noch immer nicht loslässt. Nach einer ersten gemeinsamen Nacht sprachen sich die beiden nur noch in der dritten Person an. Ein untauglicher Versuch, einander zu entrinnen, wie sich herausstellte. Agatha ging mit einem anderen Mann fort, doch nichts vermochte die Bande zu lösen. Man trifft sich erneut, um den gordischen Knoten der Gefühle aufzulösen.

Regisseurin Julie Van den Berghe erzählte diese Geschichte in den Münchner Kammerspielen/Spielhalle aus einer sehr persönlichen Sicht heraus. Sie gibt sich überzeugt, dass hinter ihrer Lesart eine Maxime des Lebens steht, und meint: „Intensive Zweisamkeit genügt nicht zum Leben. Ich bin davon überzeugt, dass man sich seine Freiheit durch das Umgehen mit den Verantwortlichkeiten, die man um sich herum aufgebaut hat und vor denen man nicht fliehen kann, verdienen soll.“ (Programmheft) Kann es ein Happy End geben? Wohl kaum. Und so ist Agatha gekommen, um sich vom Bruder zu verabschieden, endgültig. Ein schmerzhafter Prozess treibt beide an ihre Grenzen.

Agatha war gleichsam der Name der Villa, die, wie das Bühnenbild von André Joosten unzweifelhaft erkennen ließ, einer gründlichen Sanierung unterworfen war. Baumaterial allenthalben. Ungesicherter Grund, der desolaten Gefühlslage der Protagonisten nicht unähnlich, zwang zum Balancieren. Damit wurde der Inszenierung unweigerlich ein deutlicher Stempel aufgedrückt: Nichts war verlässlich, Abstürze drohten und heimisch konnte an diesem Ort in dieser Situation niemand werden. Der am Meer gelegene Bau war offen. Strandsand türmte sich einer Düne gleich. Die Spiele der Kindheit waren möglich. Löcher wurden gegraben. Er grub, wie es Kinder miteinander tun, sie ein. Beide drückten ihre Hände in den Sand und betrachteten versonnen die Vergänglichkeit früher Tage.


agatha

Katja Bürkle, Stefan Merki

© Thomas Linkel


Viel Material wurde von Katja Bürkle und Stefan Merki bewegt in Julie Van den Berghes Inszenierung. Es ging zunächst behutsam an, als die ankommenden Zuschauer auf die offene Bühne trafen. Stefan Merki werkelte vor sich hin, baute Hocker, eine Sitzfläche für die Schaukel. Doch dann erschien Agatha, sägte sich durch die Wand und tauschte die heutigen Kleider gegen die aus ihrer Jugend. Ein Tonband (Stimmen: Hildegard Schmahl und Walter Hess) kündete von den Gesprächen der Vergangenheit.  Die Musiker Ulrich Wangenheim und Harpo 't Hart erschienen auf der Bühne und kommentierten die Situationen mal mit Klangcollagen, mal mit Blues. Die sonderbare Situation, die beiden Darsteller sprachen anfangs kaum miteinander, geriet in die Schwebe. Schließlich wurde das Spiel mit den Erinnerungen rasanter. Katja Bürkle und Stefan Merki hetzen durch sichtbare und unsichtbare Räume. Die jugendliche Unbefangenheit kippte langsam in die Befangenheit der Liebe. Zärtlichkeiten wurden ausgetauscht. Erotik wuchs sich zur Begierde aus. Doch im entscheidenden Augenblick verweigerte ER sich dem Vollzug. Jetzt war der Augenblick gekommen, den unausweichlichen Schritt zu tun. SIE schlüpfte in die Gegenwart, in ihre eingangs abgelegten Kleider und ging.

Die anfänglichen Längen wurden von den beiden physisch und stimmlich aufwendig agierenden Darstellern nach und nach ausgelöscht. Selbst bei Kenntnis der Vorlage kam Spannung auf, wie weit die Figuren sich einander öffnen würden. So wenig, wie in den Werken von Marguerite Duras eine befriedigende, weil praktikable Lösung angeboten wird, so wenig kann es eine schmerzfreie Auslösung aus einer vitalen Liebe, vor allem aus einer inzestuösen, geben. Und eben genau das ist es, was sich in Marguerite Duras Werken immer wieder findet. Sie selbst ist im Sinne von gesellschaftlichen Konventionen mehr als ein Mal im Leben gescheitert. Wahrhaftige Gefühle werden immer wieder zur leidvollen Prüfung. Damit erhebt sie ihre Stimme gegen die Banalität untauglicher gesellschaftlicher Vorgaben, in denen Liebe als Besitz begriffen und in Übereinkünfte gepresst wird. Jede Liebe, wenn es denn eine solche ist, bleibt ein existenzieller Einzelfall.

Julie Van den Berghes Inszenierung war alles andere als anheimelnd. Das Bühnenbild war eher ein Gegenentwurf zu einem „Bild“, weil fragmentarisch, spröde und zum Teil auch beängstigend, wenn die Darsteller es „bewältigen“ mussten. Die Intensität, mit der das Thema behandelt wurde, findet sich selten in zeitgenössischen Werken und bedurfte einer besonderen Aufmerksamkeit. Es war kein leichter Abend, aber dennoch war er lohnenswert, weil frei von Plattitüden.

 

 
Wolf Banitzki

 

 

 


Agatha

von Marguerite Duras

Deutsch von Simon Werle

Katja Bürkle, Stefan Merki

Regie: Julie Van den Berghe  
Musik: Ulrich Wangenheim, Harpo't Hart
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