Werkraum Laboratorium 2 -Doktor Faustus Lichterloh von Gertrude Stein


Poetry-Slam und Rap

„Ich bin Doktor Faust der alles weiß alles kann…“ Darin unterscheidet sich der gute Mann von Goethes „Faust“, denn der gesteht, nachdem er alle seine Matrikel aufgezählt hat: „Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.“ Doch das ist nicht der einzige Unterschied. Gertrude Stein, die den Fauststoff als Operngeschichte aufbereitete, folgte ihren eigenen Assoziationen und die waren bekanntermaßen überaus frei. So geht es nicht um das große Abstraktum dessen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, sondern um die simple Erfindung der Glühbirne. Auch gibt es bei Frau Stein eine Margarete. Allein, es könnten auch zwei sein, denn sie nennt sich Marguerite Ida und Helena Annabel. Sie wird auch nicht das Opfer der Gelüste des Dr. Faust, sondern eines Vipernbisses, von dem der gelehrte Mann sie immerhin heilen kann. Er tut es, woraufhin ein Mann aus der Fremde („Der Einzige“) um ihre Gunst wirbt. Man weiß nicht recht wer es ist. Das ist auch nicht weiter von Belang, denn es geht um Faust und der hat das Problem, nicht in die Hölle fahren zu können. Zwischendurch reflektiert er noch die Konsequenzen seines Handelns: Mit dem elektrischen Licht verblasst unweigerlich der Mond, der Hund bellt ihn nicht mehr an und er macht die Menschen nicht mehr verrückt. Gibt es Erlösung für Faust? Er soll den Hund und das Kind töten, dann wird er in die Hölle fahren. Gesagt, getan. Die Viper ist das tödliche Werkzeug. Mephisto verjüngt Faust. Schließlich begibt sich dieser zu Marguerite Ida und Helena Annabel, um sie zu überreden, gemeinsam mit ihm in die Hölle zu fahren. Sie lehnt ab, denn sie erkennt ihn nicht mehr als Faust und sinkt ohnmächtig nieder. Schluss.

So chaotisch wie diese Geschichte anmutet, so unterhaltsam ist sie, denn die Sprache Gertrude Steins folgt einer ureigenen Logik. Sie versteigt sich, umwölkt sich, lässt kristallklare Blitze hernieder sausen und gefällt sich in schrägen Absurditäten und kunstvollen Kalauern. Bei Gertrude Stein scheint die Sprache ein Eigenleben zu führen, sich ungebärdig zu tollen wie spielwütige Hunde. Auch wenn manches Mysterium bleibt, schön anzuhören ist es allemal. Die extreme Rhythmisierung ist Hinweis darauf, dass der Stoff eine Oper werden sollte. Und sie liebte die Oper, insbesondere „Faust“ von Charles Gounod. Im Deutschen trug die Oper übrigens den Titel „Marguerite“. Ein weiterer wichtiger Einfluss für Steins poetische Auffassungen war die Malerei. Maler wie Pablo Picasso, Henri Matisse, Georges Braque und Juan Gris gaben sich im Salon der Geschwister Stein in der Pariser Rue de Fleurus 27 die Klinke in die Hand. Die Steins kauften eine Vielzahl von Bildern der Avantgarde. So ist die Vermutung, Gertrude Steins Texte seinen unter anderem Wort-gewordener Kubismus, keineswegs aus der Luft gegriffen.

Caitlin van der Maas, Regieassistentin an den Münchner Kammerspielen, erhielt im Rahmen des Projektes „Laboratorium nun die Chance, diesen wunderbar verrückten Text in Szene zu setzen. Bettina Pommer richtete ihr dafür eine Bühne ein, die sehr düster war. Schwarzes Granulat bedeckte den Boden der Spielfläche und machte jeden Schritt, jede Bewegung laut hörbar. Von der Decke herab hing ein Kabelbaum, der Arbeitsplatz von Mephisto, der sich um die Erfindung der Glühbirne und die Elektrizität kümmerte. Der Bühnenboden war durch ein hölzernes Gitter parzelliert. Darin hatte Faust seine Heimstatt, ein paar Benzinkanister als Mobiliar. Das gleiche Gitter war auch in den Bühnenhimmel gehängt, worauf der Bub (Lukas von der Lühe mit geliehenen Stimmen) saß und woher die Stimmen des Hundes (Walter Hess), der Kinder und des Chores kamen. Alles war in abgegriffenem Schwarz gehalten.

Und schwarz war auch aller Anfang. In dieser Finsternis arbeitete Max Simonischek schwer atmend an der Erfindung des Beleuchtungskörpers. Als der dann schließlich fertig war, schien grelles Licht auf und blendete den Zuschauer schmerzhaft. Überhaupt war die gut einstündige Vorstellung eine Herausforderung für die Sinne, alles war ein wenig zu schrill, zu grell, zu bedrohlich. Man fühlte sich in die Werkstätten von Metropolis versetzt. Aber wo die Schöpfung wütet, da fallen auch schon mal Späne. Tatsächlich waren die szenischen Einfälle von Seiten der Regie weder großartig erhellend (im mentalen Sinn) noch verblüfften sie ob ihres Einfallsreichtums.

Getragen wurde die gesamte Inszenierung von der sprachlichen Gestaltung der Darsteller, vom betörenden Elfentanz Brigitte Hobmeiers (Marguerite Ida und Helena Annabel) einmal abgesehen. Marc Benjamins markerweichende Stimme war allemal geeignet einen Mann wie Mephisto zu widersprechen. Der hatte es naturgemäß gar nicht nötig, sich mit dem menschlichen Faust anzulegen. Mephisto is Mephisto is Mephisto…! Max Simonischek gab den Ignoranten, wenn es denn nicht wichtig genug war. Der Running Gag des Abends war die tiefdunkle Stimme von Walter Hess, der sich als Hund immer wieder bedankte: Thank you! Ein starker und sehr erfrischender Kontrast zur Düsternis des Geschehens waren die Stimmen der Kinder (Jakob Seeberger, Caspar und Annick Lesjack). Sie bewältigten ihre Texte mit bemerkenswertem Ausdruck.

Es mangelte der Inszenierung an szenischer Klarheit, die die Texte eingängiger gemacht hätte. In dem Raum, der an die finstere Höhlenschmiede des Hephaistos erinnerte, war zu viel aufgehäuft, das kaum oder wenig bespielt wurde und das den Blick auf die nicht unkomplizierten Vorgänge verstellte. Die eigentliche Qualität lag nicht im Gesehenen, sondern im Gehörten. Weniger und klarer hätte auch vor technischen Pannen geschützt. Es ist denkbar, dass diese Inszenierung als Hörfassung mehr transportiert. Da allerdings das Werk von Gertrude Stein hinlänglich transportiert wurde, man einen tiefen Eindruck von der künstlerischen Qualität ihrer Texte bekommt, gebührt der Unternehmung Lob. Den drei Darstellern gelang es, die Poesie und den zwingenden Rhythmus freizusetzten und in manchen Augenblicken wähnte man sich in einem hervorragenden Poetry-Slam oder einer guten Rap-Veranstaltung.

Wolf Banitzki

 


Laboratorium 2 -Doktor Faustus Lichterloh

von Gertrude Stein

Marc Benjamin, Brigitte Hobmeier, Max Simonischek, Lukas von der Lühe

Regie: Caitlin van der Maas

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