Werkraum Laboratorium 3 - Country Kitchen von Erik de Quero


 

 

Blues ohne Widerhall

Laboratorium 3 – Country Kitchen ist eine Hommage auf zwei Kultkünstler, denn es heißt „für“ und nicht „mit“, die namentlich genannt werden: Jim Jarmusch und Neil Young. Regisseur Erik de Quero nennt seine Unternehmung einen Theatertrip. Diese Bezeichnung suggeriert, dass es sich um keine tradierte Form handelt. Es suggeriert aber auch, dass hier etwas stattfinden soll, was einer Reise gleicht. Die Fahrpläne für diese Reise sind Franz Kafkas „Das Schloss“ und Jarmuschs Film „Dead Man“, die de Quero in einen direkten Zusammenhang bringt: „In Jarmuschs ‚Dead Man‘ hat der Protagonist Blake wie der Landvermesser K. (Das Schloss – Anm. W.B.) seine Heimat verlassen, um in der Fremde eine Stellung anzunehmen. Angekommen wird Blake allerdings mitgeteilt, dass ein Irrtum vorliegen muss, obwohl er einen Brief dabei hat, der seine Anstellung bestätigt. Der Protagonist ist ein Getriebener. Er bleibt immer im Suchen und Träumen stecken, wie sehr viele Figuren Kafkas.“ (Zitat aus Programmheft zur Inszenierung)

Formal kann man derartige Analogien durchaus herstellen, allein, in Bezug auf „Dead Man“ würde das bedeuten, die wirkliche Geschichte zu ignorieren. Die besteht nämlich darin, dass der angeschossene und tödlich verletzte William Blake, sein Sterben zieht sich durch den ganzen Film, von einem Indianer als Reinkarnation des Dichters, Malers und Visionärs William Blake (1757-1827) ausgemacht wird. In der gemeinsamen Reise wandelt sich der Buchhalter Blake in den Dichter, als er die ungeheure Kraft der Worte des Visionärs zu spüren beginnt.

Blake wird heute als verkanntes Genie gehandelt, was durchaus wahr ist. Er hat aber auch Kultstatus, denn sein Leben war verworren, mystisch und zutiefst religiös. Letzteres allerdings war er in einem häretischen Sinn. Er meinte, dass alle Religionen eine einzige seien, die auch nur ein Thema hätten: „Allein der poetische Genius ist der wahre Mensch!“ Die Kirche sah es verbissen, als Blake widersprach, dass nicht der „selig werde, der arm im Geiste ist“, sondern nur der, der auch das künstlerische Potenzial besitzt, die poetischen Bilder des Messias letztgültig zu deuten. Wie viele Päpste und Kardinäle sich dieser Fähigkeiten wohl rühmen konnten?

Doch alles das spielt in dem Theatertrip von Erik de Quero keine Rolle. An die Stelle von Kafkas Protagonisten K. tritt Bill Blake. Er ist auch kein Landvermesser, sondern Toningenieur. Hier wird es autobiografisch, denn Neil Youngs Sohn Zeke war Toningenieur und nahm die Konzerte seines Vaters auf. Young war Besitzer der „Broken Arrow Ranch“. (Im Stück steht sie gleichsam für „Das Schloss“.) Dorthin hatte er die Schauspielerin Carrie Snodgress gelockt und mit ihr den gemeinsamen Sohn Zeke gezeugt. Der fungierte im Stück als Verbindungsperson (Bote Barnabas in „Das Schloss“) zwischen „Ihm“ (also Neil Young) und dem „Country Kitchen“, einer Wirtschaft, in der Bill Blake (ebenso wie der Landvermesser K.) sein Quartier genommen hatte. Das authentische „Country Kitchen“ wurde von einer Ex-Freundin Neil Youngs betrieben: Susan Acevedo. Susan hatte eine fünf- oder sechsjährige Tochter namens Tia. Auch in Kafkas „Das Schloss“ gibt es eine junge Frau, mit der sich K. einlässt: Frieda. Bei de Quero ist es eben jene Tia Thel, die diese Rolle übernimmt.

Sina Barbra Gentschs Bühne bestand aus der metallenen Abstraktion eines Hauses, die auf einer Drehbühne montiert war. Auf dem Dach prangte der beleuchtete Schriftzug „Country Kitchen“. Die Kostüme von Mara Strikker hatten etwas von der schrägen Schrillheit Amerikas. Gewöhnungsbedürftig waren die synthetischen Langhaarperücken, die dem Spiel nicht wirklich förderlich waren und mit denen die Darsteller bisweilen zu kämpfen hatten. Der Theatertrip begann, wie sollte es auch anders sein, mit den Gitarrenklängen Neil Youngs aus „Dead Man“. Dafür griff Christian Löber in die Saiten seiner E-Gitarre. Die harten Akkorde elektrisierten durchaus, hielten dem Vergleich zur Filmmusik und den Filmbildern naturgemäß nicht stand. Löbers Zeke Young war ein linkisches, in der Einöde des Westens aufgewachsenes, hochaufgeschossenes Kind, das, wie sich herausstellte, noch nie aus dem kleinen Kaff herausgekommen war.

Merlin Sandmeyer verkörperte den Toningenieur Bill Blake. Als solcher durchlitt er ein Wechselbad der Gefühle, denn ihm widerfuhr das Schicksal des K. Orientierungslos und außerstande, die Vorgänge zu steuern, war er ein Ausgelieferter, wie die meisten Protagonisten Franz Kafkas. Çigdem Tekes selbstbewusste und dominante Susan Acevedo blieb weitestgehend unverbindlich. Die türkisch gefärbte Sprachmelodie machte sie trotz ihrer schönen weiblichen Körperformen nicht wirklich anziehend. Immerhin verkörperte sie eine Frau die von Neil Young heiß begehrt worden war. Erstaunlich verbindlich war hingegen das Spiel Irina Sulavers als Tia Thel. Ihre komödiantischen Momente wirkten nie aufgesetzt oder gekünstelt und die Brüche im Spiel blieben, im Gegensatz zu ihren Mitstreitern, stets geschmeidig. Anders als Irina Sulaver waren ihre Kollegen gelegentlich unpräzise. Das Einstreuen von Privatismen, und Schauspieler sind nicht selten allzu schnell bereit dazu, mag manchen Zuschauern vielleicht „cool“ erscheinen, der Wahrheitsfindung dient es gewiss nicht. Hier wäre mehr oder andere Regie gefordert gewesen.

Wer seine Arbeit von Kafka inspirieren lässt, holt sich immer auch eine gehörige Portion Absurdität ins Spiel. Die allerdings muss man beherrschen. Erik de Queros Unterfangen war ein gut gemeinter Kniefall vor drei großen Künstlern. Der Ansatz war sehr ambitioniert. Je ambitionierter jedoch etwas ist, umso wahrscheinlicher ist auch ein Scheitern. (Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, der ambitionierte Versuch ist in jedem Fall positiv zu werten.) Bei „Country Kitchen“ war es die intellektuelle und emotionale Verstiegenheit in so unterschiedliche Werke, Denkkonstrukte und Realitäten. Es setzte vom Zuschauer zu viel voraus, wohl auch, weil die Geschichte nicht zu einem Stück, zu einem deutlichen Gefühl amalgierte. Der Bewunderung für die Kunst von Kafka, Jarmusch und Young sollte möglichst nicht Ausdruck verliehen werden,  indem man sie als Kopie auf die Bühne bringt. Erik de Queros gelang es nicht, genügend Abstand zu finden zwischen seinem dramatischen Entwurf und den zitierten und/oder kopierten Vorlagen.

Der Trip riss nicht mit. Der Blues verhallte ohne Wirkung. So mag Franz Kafka das letzte Wort haben, in dem er in „Das Schloss“ seinen Bürgel sagen lässt: „Es gibt Dinge, die an nichts anderem als an sich selbst scheitern.“

 

Wolf Banitzki

 


Laboratorium 3 - Country Kitchen            
Ein Theatertrip für Neil Young und Jim Jarmusch

Christian Löber, Merlin Sandmeyer, Irina Sulaver, Çigdem Teke

Regie: Erik de Quero

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