Kammerspiele Werkraum Hundeherz von Michail Bulgakow


 

 

Die Gesellschaft und ihre Bastarde

Michail Bulgakow (1891-1940), studierter Arzt und auf unterschiedlichsten Seiten in selbiger Funktion im Bürgerkrieg involviert, gilt seit seinem Tod als einer der großen Satiriker der russischen Literatur. Sein Roman „Der Meister und Margarita“, im Sterbejahr des Autors entstanden, erschien erstmals in den Jahren 1966 – 1967 als Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift „Moskwa“. Die Stalinära war zwar schon ein Jahrzehnt vorüber, dennoch erfolgte der Abdruck des heute weltweit bekannten Romans nur in gekürzter Fassung. 1930 hatte Bulgakow ein, für ihn und nur für ihn überraschendes Berufsverbot ereilt. Er bat um eine Anstellung am Theater oder um die Genehmigung, zu emigrieren. Stalin selbst kümmerte sich darum, dass Bulgakow einen Job als Regieassistent an einem bedeutenden Moskauer Theater bekam. Tatsächlich grenzt es schon an ein Wunder, dass Bulgakow, der außerhalb der Sowjetunion gänzlich unbekannt war, nicht den Stalinistischen Säuberungsaktionen der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zum Opfer fiel.

In seiner Erzählung „Hundeherz“ von 1925 ging er der Frage nach, was sich unter den Bedingungen des Sozialismus in der Sowjetunion entwickeln würde, wenn man in einem medizinischen Experiment einen Hund, einen „Straßenköter“, mit einem Menschen kreuzen würde. Die Voraussetzungen für diesen Versuch waren allerdings durch zwei wichtige Faktoren beeinträchtigt. Erstens: Die implantierte menschliche Hypophyse stammte von einem üblen Gesellen. Operateur Professor Philipp Filippowitsch Preobrashenski: „Ich brüte über der Geschichte des Mannes, dem wir die Hypophyse entnommen haben. Alkoholiker, Parteilos. Sympathisant. (…) Das also kommt dabei heraus, wenn ein Wissenschaftler ein Problem überstürzt und dann den Vorhang hebt: Da habt ihr Bellow!“ Nun wäre das Ganze nicht so tragisch gewesen, glaubte man doch in der Sowjetunion an die Allmacht der Erziehung. Doch die Geschichte gab dieser Ansicht nicht Recht.

Und zweitens: Man befand sich seinerzeit in der so genannten NÖP, in der „Neuen Ökonomischen Periode“. Die Genossen hatten, um der unerträglichen Mangelwirtschaft entgegenzutreten, ein wenig Kapitalismus zugelassen. Augenblicklich zeigte der Mensch sein wahres Gesicht und Millionäre sprossen aus dem Boden wie Pilze nach einem warmen Regen. Ausschweifende bürgerliche Konsumexzesse bei gleichzeitiger Armut der breiten proletarischen Massen waren an der Tagesordnung. „Straßenkötermensch“ Bellow war in seinem Element. Sein neues Selbstbewusstsein offenbarte sich in dem musikalisch-tänzerischen Statement „Sexy and I know It“.  Er machte nebenher, da er sich auch den Apparatschiks dienstbar zeigte und ihnen nach dem Maul redete, zudem die Klassiker eifrig studierte, Karriere.  

Neben der zeitkritischen, satirischen Betrachtung der sozialistischen, bis in alle Lebensbereiche bürokratisch verwaltenden Verhältnisse unter Stalin behandelte Bulgakow auch eine abseitigere Zukunftsvision, die seit Mary Shelley und ihrem „Frankenstein“ die Runde machen. Selbst Goethe schreckte ja bekanntermaßen nicht davor zurück, in seinem Faust II den „Homunculus“ zu erschaffen. Und nachdem es dem Menschen endlich gelang, ein Wesen zu klonen und die Grundlagen für das Retortenwesen zu schaffen, ist die Schreckensvorstellung vom genetisch optimierten Geschöpf allgegenwärtig und unterwegs.

Regisseur Matthias Günther erarbeitete sich aus der Übersetzung von Thomas Reschke seine eigene Spielfassung unter geschickter Verwendung von Texten von Goethe, Büchner, Kafka, Marx und Engels, Hugo Ball und Mary Shelley. Für seine physisch raumgreifende Inszenierung ließ er sich von Sina Barbra Gentsch eine Bühne entwerfen, die nach hinten durch eine schlichte, mittels einer Tür und einem Garagentor begehbare Häuserfront begrenzt war und die links mit einer Fichtenschonung Natur suggerierte.

Oliver Mallison spielte den Mediziner Phillip Philippowitsch, der keinen ethischen Grundsätzen verpflichtet schien, als diabolischen, hypertrophen und intriganten Wissenschaftler, der unmissverständlich wissen ließ, dass er nicht auf das Land angewiesen sei und jederzeit woanders seiner chirurgischen Kunst nachgehen könne. Assistiert wurde er von einem Zwitterwesen. Çigdem Teke gab für die Öffentlichkeit die Haushälterin des Professors mit Namen Sina, im Verborgenen allerdings den wissenschaftlichen Assistenten des Professors, Dr. Bormental. Auch an diesen, von Çigdem Teke kraftvoll und nicht ohne komische Momente gestalteten Figuren hatte der begnadete, aber fehlgeleitete Wissenschaftler Hand angelegt. Ebenso, wie an „Fräulein“ Fjodor Schwonder. Jonas Grundner-Culemann, ein junger Darsteller von imposanter Größe, hatte eine Travestie zu gestalten, was ihm überzeugend gelang.

Ein ungeschriebenes Theatergesetz, längst nur noch untaugliche, weil kaum beachtete Empfehlung, lautete: Keine Tiere und keine Kinder auf der Bühne! Die stehlen jedem Schauspieler die Show. Merlin Sandmeyer gelang das Tier vortrefflich, mit dem er den anderen „die Show stahl“. Er gestaltete den „Straßenkötermenschen“ Bellow ebenso außerordentlich wie das Tier. Eingangs mit einer Hundenase ausgestattet, entwickelte er tierisches Gehabe, das keine bloße Kopie desselben war, sondern eine überaus gelungene, bezaubernde und sehr kreative Haltung zu der Rolle. Als Polygraf Polygrafowitsch Bellow begegnete dem Zuschauer ein schlitzohriger, mit allen Wassern gewaschener opportunistischer Egoist, die Sorte Mensch, die jeden humanistischen Gedanken, von denen auch die Ideen des Sozialismus ursprünglich beseelt waren, zur Farce werden lassen. Es war gerade diese Sorte Mensch, die das Prinzip Brüderlichkeit und Solidarität verraten und verkauft haben. Bulgakow stellte folgerichtig fest: „Wenn einer spricht, heißt das noch lange nicht, dass er ein Mensch ist.“ Und jede Gesellschaft bringt ihre Bastarde hervor. Sie stellen zu allen Zeiten eine latente Gefahr für das Gemeinwesen dar.

Es war ein gelungener Premierenabend, der mit lebendigen, komischen, aber auch sehr tiefsinnigen Momenten, und mit überzeugend komödiantischen Ansätzen den bitteren Ernst auch unserer heutigen Zeit transportierte. Regisseur Matthias Günther ersparte uns dabei den ideologischen Zeigefinger, obgleich das Stück auch von Ideologien und den Blüten, die diese bisweilen treiben, handelten. Zudem ist das Projekt auch darum wertvoll, weil es einen Autor wieder ins Bewusstsein rückte, der zu den Großen des 20. Jahrhunderts gehörte und heute leider zu sehr in Vergessenheit geraten ist.

 

Wolf Banitzki

 


Hundeherz

von Michail Bulgakow

Jonas Grundner-Culemann, Oliver Mallison, Merlin Sandmeyer, Çigdem Teke

Regie: Matthias Günther

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