Kammerspiele Land ohne Worte / Berliner Geschichte von Dea Loher


 

 

Im Zeichen der Zeit

Zwei Werke, zwei Inszenierungen und doch ein Abend. Gemeinsam ist den beiden Werken die Form des Monologs, die Länge von fünfundvierzig Minuten, und die distanzierte Abhandlung des jeweiligen Themas. Gemeinsam ist den beiden Inszenierungen die Form der Bühne, die Farbe und die expressionistische Umsetzung des Textes durch eine Darstellerin.

Die Autorin Dea Loher ist nach eigener Aussage eine Reisende zwischen Berlin und der Welt. "Aber ich glaube, es kommt nicht so sehr auf das "Reisen" an als auf das "Fremdsein". Fremdsein empfinde ich als große Erleichterung. Erst mal nichts verstehen müssen. Super. Und sich dann ins Unbekannte hineinforschen zu dürfen, das ist wie Sauerstoffzufuhr." So geht sie wohl auch an die Eroberung ihrer Stoffe heran. "Land ohne Worte" ist ihr jüngstes Werk und erzählt von einer Malerin und deren Versuchen die Eindrücke des Lebens in einem Krisengebiet künstlerisch zu verarbeiten. So sucht sie Kunst zu atmen. Dazu verfügt sie über eine höchst artifizielle Sprache, mit der sie dem Text Kraft und den Bildern Gestalt gibt, und über klare Struktur mit der sie den Bogen spannt. Im Fremdsein liegt der Ursprung zum Monolog und betrachtende Distanz, formal wiederzufinden in der teilweise theoretisierenden Betrachtung über Malerei (Land ohne Worte) und in der Verwendung der 3. Person im Monolog des Berliners.
 
   
 

Wiebke Puls

© Andrea Huber

 

Der Regisseur und Bühnenbildner Andreas Kriegenburg setzte auf Guckkasten, die Focusierung. Er tat dies in zwei verschiedenen Formen. In "Land ohne Worte" war es der Glaskasten für die moderne Schnecke, die ihre Fühler ausstreckt und doch ihr Haus nicht verlässt. In "Berliner Geschichten" war es eine frei schwebende Kiste, die Erdgeschosswohnung, in der Mann dahin fristet. Und Kriegenburg setzte auf Schwarz/Weiß, die Vermeidung von Farbe wodurch deutlich wurde: Sowohl in Schwarz als auch in Weiß sind alle Farben enthalten, genau wie in dem zu Papier gebrachten Text die vielfarbigen Betrachtungen eingefangen sind. Schwarz und Weiß sind die Filme des Expressionismus, in dessen unverkennbarem Stil die Stücke ihre Umsetzung auf der Bühne fanden.


Die Darstellerin Wiebke Puls verkörperte einmal die suchende, um künstlerischen Ausdruck ringende Malerin und anschließend den "wirklich kafkaesken" Berliner. Im langen grauen Kleid, war ihre Bewegung elegisch angehaucht, fließend weich und ins Gesicht stand Verzweiflung geschrieben. In schwarzen Anzug und weißes Hemd gewandet, bleichgesichtig, fielen ihr die Schultern vorn über, Richtung Bauchansatz, und in Mimik und Gestik stand sie mindestens ebenbürtig in der Reihe der Slapstik-Größen. Wiebke Puls stellte wieder einmal ihre Ausdruckstärke und Wandlungsfähigkeit unter Beweis und brillierte mit jedem der Monologe, überzeugte mit jeder Geste, keine Sekunde verschenkend.

Zwei Schauplätze, zwei Künstler und eine Schauspielerin. Gemeinsam schufen sie einen eindrucksvollen Kosmos, eine sehenswerte Theatervorstellung, die zu besuchen ein lohnendes Erlebnis ist.


Land ohne Worte
Salvador Dali stürzte sich, bevor er an die Staffelei ging, einige Male die Treppe hinab, um über den Schmerz zu Bildern zu gelangen. Dea Lohers Malerin bewegt sich im Leben der von Krieg Zerstörung und dem vergeblichem Versuch eines Aufbaus gebeutelten Stadt. Doch wohin mit dem Schmerz, wenn keine Bilder entstehen. Sie sucht nach Bildern, sucht die Eindrücke in Bilder zu fassen, erkennt Grenzen und fragt nach den Möglichkeiten der Kunst. Die Farben beleben können wie der Maler R., die Linien befreien wie der Maler M., da beginnt für sie Kunst. Der Text spricht von Farbe, doch das entstehende Bild bleibt schwarz. Wer im Glashaus sitzt, schöpft keine Bilder.

Berliner Geschichte
Typisch. Er hört harte Rhythmen, dass die Ohren wegfliegen und doch ist der Mann hilflos dem Lärm der Baustellen ausgeliefert. Sein Revier ist abgesteckt. Hier fühlt er sich einigermaßen sicher. Doch zugleich steht er ohnmächtig seiner Vermieterin und den Nachbarn gegenüber. Es bleiben nur Selbstbefriedigung, Rückzug und messianische Worte. Worte. Inszenierung und Darstellung verleihen diesen Flügel.


C.M.Meier

 

 


Land ohne Worte / Berliner Geschichte

von Dea Loher

Wiebke Puls

Regie/Bühne: Andreas Kriegenburg
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