Werkraum Wilde - Der Mann mit den traurigen Augen von Händl Klaus


 

 
Chronik des Verschwindens

Gunter aus Bleibach ist, ohne es zu wissen, auf seiner letzten Reise nach Bleibach zum Grab der Eltern – nach Hause. In Neumünster an der Lau endet diese Reise. Es gibt scheinbar kein Weiterkommen und so ergibt er sich in die Vereinnahmung durch die Familie Flick. Sie sind die letzten Menschen in der Stadt und dämmern in der alles niederdrückenden sommerlichen Hitze dahin. Gunter, „Arzt ohne Grenzen“, ist in seinem Einsatz in Moldawien gescheitert. Er hat zu oft „daneben gegriffen“ und schließlich alles fahren lassen. Neumünster ist die die letzte Station vor dem Verschwinden und so geht auch er diesen Weg, widerwillig anfangs, doch dann einsichtig. Klaus Händls preisgekröntes Stück ist eine Chronik des Verschwindens. Wohin? Er selbst gibt die Antwort im Programmheft: in die Identitätslosigkeit. Dafür findet er gelungene Metaphern. Zum Beispiel beginnt dieser Vorgang mit Pigmentstörungen, weißen Flecken auf der Haut der Beteiligten. Kunstvoll, wenngleich sehr unambitioniert, ist die Sprache, die unter den Bemühungen der Darsteller immer mehr zerbricht, in Musik umschlägt, in kakophonischen Chorgesang, der mehrere Zungen braucht um einfache Aussagen zu ermöglichen. Alles, Menschen und Stadt, ist in Auflösung, - aber zu welchem Ende? Diese Frage muss sich der Betrachter verkneifen, denn bei Händl Klaus wird er keine Antwort bekommen. Der Autor geht mit dieser Aussage auf hohem ästhetischem Niveau mit dem Zeitgeist einher. Wir sind erschrocken über die Zustände, vermögen aber nicht zu sagen, warum wir in ihnen leben und schon gar nicht, wie wir ihnen entkommen können. Innere Leere, und die erzeugt auch dieses Stück, sollte nicht der Sinn von Kunst sein. Dafür sind die Eintrittskarten zu teuer. Wie ließe sich dieser Vorgang nun rechtfertigen? Vielleicht als eine weitere Bestandsaufnahme auf dem Weg hin zu neuen helfenden Einsichten. Dafür ist ein Raum wie der Werkraum bestens geeignet. Bühnenbildnerin Katja Schröder wusste die Gegebenheiten zu nutzen. Sie versuchte gar nicht erst, das Provisorium zu überwinden. Ihre prägnanteste Aussage ist ein Bahngleis, das aus dem Nichts in den Raum ragt und endet.
 
   
 

Martin Butzke, Matthias Bundschuh

© T

 

 

Regisseur Boris von Poser inszenierte bewegenden Realismus in einer surrealen Welt, womit der Laborcharakter einen tieferen Sinn erhielt. Martin Butzke und Matthias Bundschuh spielten das Brüderpaar Emil und Hanno als wären sie siamesische Zwillinge. Ihre emotionalen und mentalen Haltungen waren adäquat, denn sie brauchten einander und einer konnte sich ohne das Zutun des Bruders nicht artikulieren. Auffällig im Spiel der der Bühnenbrüder war die Präzision Martin Butzkes, der sinn- und treffsicher zwischen Ekstase und Understatement wechselte. Bemerkenswert war auch, wie maßvoll Regisseur von Poser Brutalität, die im Stück hinreichend vorhanden ist, inszenierte. Er verzichtete hier weitestgehend auf deren realistische körperliche Umsetzung, ohne dem Schrecken einen Abbruch zu bereiten. Während die Familie Flick sehr gleichmütig ihrer Auslöschung entgegen ging, führte Jochen Noch einen gequälten und gehetzten  Gunter vor, dessen indifferenter Lebenswille erst sehr spät brach. Nochs körperliche Überzeugungskraft transportierte deutlich das innere Erlöschen. Sein letztes Aufbegehren fand im Liebesakt mit Hedy statt, der mit der Punktiernadel in Hedys Lunge vollzogen wurde, in einem Blutbad endete und dennoch so etwas wie Erlösung brachte. Anna Böger gestaltete die Hedy fast somnambul. Die Figur blieb immer ein wenig geheimnisvoll (pathologisch) und erzeugte eine durchgängig starke Spannung. Dies galt gleichsam auch für den von Walter Hess gespielten Vater Flick, der seine Macht durch konsequentes Schweigen entfaltete. Ohne Mimik und ohne ein Wort war seine, tiefes Unbehagen erzeugende, Präsenz das ganze Stück unübersehbar.
 
Als der (nichtvorhandene) Vorhang fiel, blieben sicherlich einige Frage offen. Die nach dem Titel bleibt unbedingt.
Und wenn am Ende alles ein Laborversuch war, Theater im Reagenzglas quasi, so reichte es doch immerhin zu der einen wichtigen Einsicht: So kann es nicht weitergehen.
 
 
Wolf Banitzki

 


Wilde - Der Mann mit den traurigen Augen

von Händl Klaus

Jochen Noch, Martin Butzke, Matthias Bundschuh, Anna Böger, Walter Hess

Regie: Boris von Poser
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