Werkraum Ausgegrenzt von Xavier Durringer


 

 

 
Nichts Neues auf hohem künstlerischen Niveau

Xavier Durringer, 1963 in Paris geboren, ist eine feste Größe in der dramatischen Literatur Frankreichs. Er verfasste "Ausgegrenzt" als ein lyrisches Manifest und schuf zugleich einen handfesten dramatischen Entwurf. Es geht um "beurs", nordafrikanische Emigranten, die zum Teil in der x-ten Generation in Europa leben. Ohne Zweifel hat diese Problematik in Frankreich einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland, wo diese Mitbürger wegen der französischen Kolonialpolitik ein Anrecht auf Staatsbürgerschaft hatten. Aber was in Frankreich tauglich ist, Betroffenheit auszulösen, ist allemal gut für deutsche Bühnen. Und da die Kammerspiele seit Frank Baumbauer im Ruf stehen, sich in gesellschaftlich brisante (oder vermeintlich brisante) Vorgänge einzumischen, hier nun ein weiteres Werk zum nützlichen Thema ohne Ende.

Der Vater (André Jung), er kam vor vielen Jahren ins Land, hatte die Ärmel hochgekrempelt und seinen Kindern Haus und Schule errichtet, damit sie eine bessere Zukunft haben sollten. Doch es lief anders als gedacht, wo immer er was auch immer aufbaute, seine Existenz blieb ein Randexistenz. Schlimmer, sein Lebensraum schrumpft unentwegt und droht ihn auszulöschen. Er ist stolz auf das Errungene, zugleich aber zu müde und zu erschöpft, um das Errungene zu verteidigen, auch gegen seine Kinder, die sich längst damit abgefunden haben, nie wirklich Eingang in die Gesellschaft, die "weiße Gesellschaft" zu finden.
"Ich werde heiraten", teilt der Sohn dem Vater mit. "Ich auch," schließt sich die Schwester an. "Wen?" "Was fragst du, sie lebt seit langem in unserem Haus." Der Vater hat die Realitäten längst ausgeblendet. Immer wieder beschwört er die Vergangenheit, zu der er noch einen Bezug hat, da er sie lange genug erlebte, um eine Erinnerung zu besitzen. Den Kindern fehlt diese Vergangenheit. Nichts von dem, was sie als Heranwachsende in der Heimat sahen, existierte fort. Sie sind entwurzelt. Der Vater ist es faktisch auch, nur will er es nicht wahrhaben. So steht der Betrachter einem Scherbenhaufen gegenüber, der tiefe Betroffenheit auslöst.

 

André Jung, Ismail Deniz, Tabea Bettin

© Arno Declair

 

Regisseur Neco Çelik, Jahrgang 1972, setzte diese Geschichte denn auch trefflich in Szene. Die Familie "Ausländer", da sie keinen Namen hatten, muss vom Ausländer an sich ausgegangen werden, trugen schneeweiße Anzüge (Kostüme: Gunna Meyer). Çelik arbeitete mit Symbolik, immerhin. So stand das Weiß für die "Weiße Gesellschaft". (Siehe auch "Weißes Ghetto" im Programm, eine deutsche Selbstdenunziation. - Anmerkung des Kritikers) Der Vater hielt nicht hinterm Berg mit seiner Sicht auf die Dinge: Der Fremde muss sich bemühen, so zu sein wie die Eingeborenen! Doch die Gesichter der Kinder, der Schnitt ihrer Augen, ihrer Lippen, waren verräterisch. Und so stolperten sie ungelenk durch die Realitäten, die sie unentwegt als feindlich empfanden und beschrieben. Wer genau hineinlauschte in das poetische Bemühen, das Unsagbare zu formulieren, der konnte Anspielungen wahrnehmen auf die Gründe für Gewalt, Sozialverweigerung, Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit.

Die Argumente sind so bekannt wie verschroben, Worthülsen zumeist, Politikermündern, entsprungen, die genau wissen, dass sie mit diesem Thema punkten können, und zwar auf beiden Seiten des Grabens. Es sollte doch eigentlich nachdenklich machen, wenn "Freund" und "Feind" gleichermaßen dieselben Argumente benutzen. Wie ist das möglich? Es ist nur möglich, weil die "Migration" eine Chimäre ist, eine Wunschvorstellung ideologisierter Philanthropen oder Schreckgespenst für menschenverachtende Demagogen. Ein Blick in die Geschichte sei empfohlen, um die Vorgänge nüchtern und realistisch betrachten zu können. Was geschieht eigentlich? Ein Teil einer Ethnie wandert in den Lebensraum einer anderen Ethnie ein, der ihnen wirtschaftlich verlockend scheint. Am Ende steht nicht die Zerstörung einer Kultur, sondern ihre Entwicklung. Das ist bei den Ägyptern der Pharaonenzeit nicht anders gewesen als zu Zeiten der Kolonisierung der Ägäis oder der Entfaltung des Hellenismus. Es gab, daran sei erinnert, eine Völkerwanderung (ab 375 n.Ch.). Man stelle sich einmal vor, alle daraus resultierenden Probleme wären thematisiert worden …

Man möchte meinen, das deutsche Volk sei ein Volk von Masochisten. Bei näherer Betrachtung und im Kontext der Weltpolitik, betreibt Deutschland eine geradezu "vorbildliche" Ausländerpolitik. (Soweit das unter diesen gesellschaftlichen Bedingen überhaupt möglich ist.) Aber die Selbstverleugnung (Übung macht den Meister!) ist inzwischen so weit gediehen, dass der Deutsche selbst im Ausland den Einheimischen sogleich als Ausländer ausmacht und sich dementsprechend benimmt. Nämlich absurd!

Dennoch kann man die Inszenierung im Werkraum nicht tadeln. Der Vorwurf, es würde nichts Neues gesagt, dies aber auf hohem, ja, höchstem künstlerischen Niveau, greift nicht, da heutigentags die gute Form beinahe alles rechtfertigt. André Jungs Vater war geradezu eine Augenweide. Im intimen Quartier des Werkraums hatte der Zuschauer fast physischen Kontakt mit dem Darsteller und keine seiner mimischen Regungen, seines Stammelns, seines Flüsterns oder Donnerns ging verloren. Jung dominierte die Szene so übermächtig mit seiner Schauspielkunst, dass die beiden Kinder, dargestellt von Ismail Deniz und Tabea Bettin, kaum mehr als Stichwortgeber sein konnten. Das Bühnenbild von Mascha Mazur, zwei Wände einer Behausung, beweglich wie die Backen einer Zange, war so einfach wie treffend. Darin ein Bett und Ballons, weiße Ballons. Es waren Erinnerungsblasen des Vaters, die verhinderten, dass er zwischen den Wänden des immer kleiner werdenden Lebensraums vorzeitig zerquetscht wurde. Er erstarb langsam unter den rituellen Widerholungen der Erinnerung und der abklingenden Kommunikation mit der Familie, die Außen vor blieb. Am Ende geschah, was geschehen musste. Der Vater verschwand zwischen den aufeinander prallenden Wänden. Zurück blieb das "Weiße" - untaugliche Schminke der Anpassung.

Die Inszenierung unterstrich Birgit Rommelspachers These: "Nicht Fremdheit macht aggressiv, sondern Aggression macht die anderen fremd." Dabei war von Perspektivwechsel die Rede. Welcher Perspektivwechsel sollte das gewesen sein, wenn man die allgemeine Prämisse einfach nur spiegelte? Wie wäre es mit der Draufsicht. Also Heraustreten aus der Problematik. Dann käme man ganz schnell dahinter, dass diese "Gesellschaft" den Konflikt braucht, ihn hegt und pflegt und ständig im Munde führt. Warum begreift der in Deutschland lebende Bürger, ob deutscher Herkunft oder nicht, die Gesellschaft als etwas, was eigenständig neben ihm existiert? Warum begreift er nicht, dass er selbst ebenso die Gesellschaft ist wie sein Nachbar und dass all diese hysterischen Konflikte geschürt werden, um den Bürger durch Ängste beherrschbar zu machen. Die Inszenierung leistet da wenig Aufklärung und was nicht aufklärt, hilft denen, die verschleiern.



Wolf Banitzki

 

 


Ausgegrenzt

von Xavier Durringer

André Jung, Ismail Deniz, Tabea Bettin

Regie: Neco Çelik
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