Werkraum Monsun von Anja Hilling


 

 

 
Kein Wort über Monsun

Die Geschichte der Anja Hilling ist eine Geschichte der Ehrungen und Auszeichnungen. Zu einem "Gottesgeschenk" - der Vergleich mit William Shakespeare wird nicht gescheut - wird die 1975 geborene Autorin in "Theater heute" erklärt. Wann werden derartige Superlative endlich den Realitäten weichen? "Superlative taugen lediglich für Polemik." (Jorge Luis Borges)

Bemerkenswert und aufschlussreich sind die medialen Kommentare zum Werk Anja Hillings: "Es geht um nichts und um alles. Es geht um die Einsicht, nichts zu wissen, es geht um die Freiheit, die immer vor allem Verlust ist. Von Strukturen, von Leben, von Sinn." (Simone Meier in Theater heute Jahrbuch 2005)
Aber auch zu formalen Aspekten des Textes "Monsun" finden sich einige erstaunliche Unverbindlichkeiten wie: "Monsun (sollte) ein ‚klassisches Stück' werden, eins mit fünf Akten und Regieanweisungen und echten Dialogen. Das ist es geworden und auch wieder nicht. … Filmisch ist der Text, aber überhaupt kein Drehbuch." (Marion Hirte in Theater heute Jahrbuch 2006)

Alles klar? Nein? Aber wir müssen doch immerhin zugeben, dass es gut klingt! Innovativ, kreativ und allemal preisverdächtig. Nein, neue Theaterformen werden nicht entwickelt und die Geschichte ist "melodramatisch wie eine Vorabendserie". Da diese Ästhetik denn auch sicherheitshalber zur Methode erklärt wird, avanciert Künstlichkeit zur Kunst.
 

Tanja Schleiff, Anna Böger, Paul Herwig, Caroline Ebner

© Arno Declair

 

Nein, das Ganze ist nur eine weitere Facette des Erosionsprozesses von tradiertem Theater und seinen Formen. Daran ändert auch die Schönrederei der Kritik nichts. Gegen die Zerstörung von Formen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, hat dieser Prozess doch nicht selten neue Formen hervorgebracht. In der heutigen Theaterlandschaft ist diese Zerstörung allerdings kein zielgerichteter Vorgang mit Erkenntnisanspruch, sondern Symptom für einen Sinnverlust. Theater wird heute, weg von einer sinnstiftenden oder zumindest sinnerhellenden Einrichtung, hin zu einem Unterhaltungsmedium mit intellektuellem (auch elitärem) Anspruch entwickelt. Es wirken inzwischen dieselben Mechanismen wie bei einer Soap-Opera, nur auf höherem ästhetischen Niveau. Dabei bedient sich der Autor auf seine Weise, denn er muss seine Geschichten nicht mehr durchleiden und eine Kindstötung hat die gleiche Beiläufigkeit wie ein One-Night-Stand. Das Publikum reagiert seinerseits dankbar, entgeht es doch der Gefahr schmerzhafter Einbezogenheit. Meist ist es dann auch noch lustig. Was will man mehr!

Worüber wird hier eigentlich geredet? - Über eine recht dünnblütige Geschichte, die nicht selten klischeehaft ist und im Fortgang durchaus vorhersehbar. Bruno ist Drehbuchschreiber für eine Soap mit dem beziehungsreichen Namen "Tränenheim". Am Tag, als er mit seiner Assistentin das erste Mal Sex hat, wird sein Sohn Zippo (Ohne Kult geht es nicht!) von Melanie überfahren. Melanie reist verzweifelt nach Vietnam, um sich in Studien zu verlieren. Paula, Zippos Mutter, reist ins Haus von Melanie auf Rügen, um sich zu finden. Paul verliert seinen Job, treibt es weiter mit seiner Assistentin und sucht Erlösung im Schreiben eines "richtigen" Drehbuchs - Thema: Zippos Tod. Und Coco, die (zum neunten Mal) künstlich befruchtete lesbische Geliebte Melanies, avanciert zur Hoffnungsträgerin. Am Ende verliebt sich Paula in Coco, weil in dieser die vermeintliche Reinkarnation Zippos reift. Bevor der Vorhang fällt, freut sich Bruno auf Paula und kann doch nicht zu ihr kommen, denn irgend etwas ist zerstört.

Regisseur Roger Vontobel macht schließlich das Beste aus dem dramaturgischen Konstrukt, angefüllt mit Stimmungsbildern, hinter denen die angelernten Produktionsmechanismen des "szenischen Schreibens" allzu sichtbar werden. Seine Lösungen sind im Gegensatz zur Vorlage selten vorhersehbar und er nutzt von Videoprojektionen bis ausgefeilter Lichtregie so ziemlich alles, was Theaterzauber entfachen kann. Dennoch bleibt die Magie aus, da die Geschichte nicht wirklich greift. In einer Welt zwischen Medienbusiness und Pumuckel-Kinderland werden Leben gelebt, die fadenscheinig sind, da sie plakativ bleiben und im gefühlschwangeren Ton einer Mediensprache kommentiert werden.

So bleiben am Ende auch die Potenzen der exzellenten Schauspieler unausgeschöpft. Die Künstlichkeit des Textes überträgt sich nicht selten auf das Spiel der Darsteller. Anna Böger als Sybille bleibt über weite Strecken farblos und ohne stärkeren Einfluss auf das Geschehen. Caroline Ebner profitiert von ihrer eigenen, sehr berückenden Erscheinung, was das Leid der Mutter Paula glaubhaft macht. Die Geschichte hinter ihrer Darstellung könnte aber auch durchaus eine andere sein. Es ist der elementare Habitus Caroline Ebners der hier trägt. Auch Tanja Schleiff muss unter ihren Möglichkeiten bleiben, da ihre Rolle als Coco nur sehr wenig emotionale Doppelbödigkeit bereithält. Nicht selten erweckt diese eher filmisch angelegte Rolle den Anschein der Quotenfunktion. Paul Herwigs Bruno ist nervig, überbordend und die Zwischentöne klingen nicht selten so bemüht wie sein Text.

Die Inszenierung wird jenen Zuschauer erreichen, der Ansprüche ans Theater hat, jedoch nicht bereit ist zu einer Katharsis, - der unterhalten werden möchte, ohne auf einen intellektuellen (künstlerisch-darstellerischen) Anspruch zu verzichten, - der sich nicht schwer damit tut, Konflikte zu erleben, die letztlich keiner Lösung zugeführt werden.

Auch dieses Stück ist ein weiteres Indiz für die Sinnkrise der Gesellschaft, die in der Kunst nicht überwunden wird. Es ist übrigens in allen sinnkrisenhaften Zeiten zu beobachten, dass anstelle von künstlerischen Ereignissen die Lobpreisungen von Künstlern treten.Die täglichen Preisverleihungen sollen suggerieren, dass wir eine gute Kunst haben. Und der Künstler? Er kann sich immerhin damit trösten: Ich bin preisgekrönt, also bin ich.

 

Wolf Banitzki

 

 

 

 

Monsun

von Anja Hilling

Caroline Ebner, Paul Herwig, Anna Böger, Tanja Schleiff

Regie: Roger Vontobel
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