Werkraum Draußen tobt die Dunkelziffer von Kathrin Röggla


 

 

 
Dunkelzifferer hört die Signale ...

Der Wald, eine raumgreifende Großbild-Metapher, steht für die geläufige Phrase "wir stehen im Wald", was soviel bedeutet wie "wir haben den Weg verloren", finden keinen Ausweg, weder im Geist noch in der Handlung. Mit einem naturgetreuen Bild des Waldes, eines verwilderten verwahrlosten Teils, führte die Bühnenbildnerin Nadia Fistarol dem Publikum unübersehbar die katastrophale Lage der "Dunkelzifferer" vor Augen. Und verwildert mutet auch das Stück der österreichischen Erfolgsautorin Kathrin Röggla an. Nur für den Beginn gibt es Regieanweisungen, danach sind die Teile der Bühnenperformance den Intentionen des Regisseurs gemäß beliebig einsetzbar, genau wie es dem Dilemma entspricht. Es ist letztlich ohne Bedeutung, ob die Schuldenfalle wegen offener Handyrechnungen oder unbezahlter Stromkosten zuschnappt, ob am Anfang der Konsumwahn oder schon die ererbte Suchtkrankheit Kaufrausch steht.

Die Regisseurin Felicitas Brucker hat gleich an den Anfang, wohl wegen der stärkeren Dramatik, die Selbstmorde einiger mutmaßlich hoch verschuldeter Paare gesetzt. Man bewirft sich mit altbekannten Unfähigkeitszuweisungen, um schnell und kurzerhand zu Pistole und Tablette zu greifen. Wieder zwei Tote! Das heißt in der Inszenierung sind es dann immer gleich vier. Das geschieht wohl der besseren Anschaulichkeit wegen.

 

Martin Butzke, Caroline Ebner, Daphne Wagner, Walter Hess, Anna Böger, René Dumont

© Andreas Pohlmann

 

Also, worum geht es eigentlich? Es geht um die Staatsschulden, die privaten Insolvenzen und die Konsequenzen für die Betroffenen. Das vergaß ich zu Beginn anzuführen. Doch ich habe auch erst aus dem Begleitmaterial nachträglich näheres erfahren. Der Text besteht über weite Strecken aus Phrasen, beliebig einsetzbar.

Die Autorin hat zu diesem Thema weit ausgeholt, gründlich und umfassend recherchiert und eine abstrakte Essenz wiedergegeben. Dies geschieht im einem, wie die Ankündigung verlauten lässt, poetischen Sprachspiel. Aufgehen mag dies wohl für jene Zuschauer, denen die Wiederholung des Wortes "Geld" Poesie bedeutet.

Für die Darsteller war es sicherlich eine besondere Herausforderung, da der dramatische Entwurf keine Figurencharakteristiken enthält, sondern aus scheinbar wahllos sprudelnden Satzkaskasden besteht. Unter diesen Umständen gelang es René Dumont am ehesten, eine menschliche Figur dauerhaft sichtbar zu machen. Der Text weist weder eine Geschichte, noch einen gedanklichen Faden auf, ist mit zahllosen Brüchen angereichert und besteht zudem auch noch aus abstraktem Wortmaterial. Demzufolge hatten die Schauspieler wiederholt Probleme diesen sprachlich zu bewältigen.

Ausgangs trugen die Deklamierenden T-Shirts mit den Bildnissen von Che Guevara, Karl Marx, Joschka Fischer und dem RAF-Stern, galt es doch, dem Zuschauer eine Lösung, den Aufbruch aus der neoliberalen Zeit zu signalisieren. Dies ist umso erstaunlicher, als die Autorin ihren Text nicht als Kapitalismuskritik verstanden wissen will, oder diesen gar grundsätzlich in Frage stellt. "Ich will niemanden abhalten, Schulden zu machen." Worum geht es eigentlich? Ist das Ganze vielleicht gar nur die Mimikry einer Intellektuellen?

Was mir im Ohr geblieben ist, das sind die desillusionierenden Worte eines Zuschauers im Werkraum der Münchner Kammerspiele: "Ob hier wohl das geeignete Publikum für so ein Stück sitzt?"
 
 
C.M.Meier

 

 


Draußen tobt die Dunkelziffer

von Kathrin Röggla

Anna Böger, Martin Butzke, René Dumont, Caroline Ebner, Walter Hess, Daphne Wagner

Regie: Felicitas Brucker
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