Werkraum Du mein Tod von Thomas Schmauser


 

 


Ein Blues über das Anderssein

“Du mein Tod“ erzählt die Geschichte des Transsexuellen Robert Eads (1945-1999), dessen Leben und Tod das Thema des preisgekrönten Dokumentarfilm „Southern Comfort“ von Kate Davis war. Eads wurde als Frau geboren, durchlitt eine Ehe und zwei Schwangerschaften und vollzog schließlich die Wandlung zum Mann mit über vierzig Jahren. In den 80ern unterzog sie sich einer Testosteron-Therapie und modifizierten doppelten Mastektomie, einer Brustamputation, um einen männlichen Körperbau zu erlangen. Eads lebte bis an sein Lebensende mit weiblichen Geschlechtsorganen. Eine Phalloplastik blieb dem Transsexuellen versagt. Als er 1996 wegen Unterleibsschmerzen einen Arzt konsultierte, diagnostizierte dieser einen Eierstockkrebs. Das bittere Resümee von Eads: Die restliche Weiblichkeit brachte ihn am Ende noch um.

Erzählt werden (im Film, wie auch auf der Bühne des Werkraums in den Münchner Kammerspielen) die letzten Wochen von Eads und seiner letzten Gefährtin, der Transsexuellen Lola Cola. Eine Therapie wurde ihm von mehr als zwei Dutzend Ärzten mit der Begründung verweigert, es könne ihrer Praxis schaden. Schließlich erhielt er 1997 am Medical College of Georgia eine chirurgische und eine Strahlenbehandlung. Doch die Krankheit war zu weit fortgeschritten und so starb Robert Eads 53jährig. In dem Maße wie sich die Ärzte zurückhaltend (oder amoralisch und feige) benahmen, so aufdringlich gerierten sich die Mitglieder des Ku-Klux-Klan, die ihn für einen „richtigen Kerl“ hielten. Nicht wissend, dass es sich bei ihm um einen Transsexuellen handelte, versuchten sie ihn für ihre staatumstürzlerischen Pläne zu gewinnen.

Mit diesen absurden Fakten begann die Theaterinszenierung, nachdem die Zuschauer sich einer entnervenden Beschallung unterziehen mussten, die an einen dröhnenden Alarmton erinnerte. Wer sich schon einmal einer entsprechenden Diagnostik unterwerfen musste, erkannte das Geräusch als das eine Computertomografen. Die Berliner Schauspielerin Ursula Werner, sie erhielt 2009 den Deutschen Filmpreises "Lola" für ihre Hauptrolle in „Wolke 9“ von Andreas Dresen, spielte die Rolle des Robert Eads. Überhaupt war sie die tragende Säule des Abends, alle anderen Darsteller waren kaum mehr als Stichwortgeber oder Adressaten ihrer Auslassungen. Dialoge fanden kaum statt. Die dramatische Vorlage hatte Thomas Schmauser erarbeitet, der mit dieser Arbeit sein Regiedebüt gab. Er nannte sie eine Nacherzählung.

Ursula Werner erzählte mit dem Grundton der Beiläufigkeit, berichtete von Alltäglichkeiten, aber auch vom schweren Selbstfindungsprozess und den damit verbundenen äußeren Schwierigkeiten. Die Lebensgefährten waren zugleich Leidensgefährten. An der Seite Roberts lebte Lola Cola, dezent und unaufdringlich von Peter Brombacher gegeben. Brombacher gelang eine Haltung, die frei von Tuntigkeit oder Tranzenkitsch war und forderte trotz blonder Perücke ehrlichen Respekt ein. Die feingliedrige und fragil wirkende Barbara Dussler spielte den Transsexuellen Max. Während der sterbende Robert abgeklärt und jenseits von irdischen Anfechtungen wandelte, durchfuhren Max immer wieder Schauer des Zorns oder der Verzweifelung. Sein Dasein ankerte immerhin sicher in der Ehe mit Cas, bodenständig und selbstbewusst gestaltet von Morgane Ferru. Die Vier bildeten eine liebevolle, verschworene Gemeinschaft, verwurzelt in dem umfänglichen Bemühen, sie selbst zu sein, was augenscheinlich nur heimlich oder gegen Alle machbar war. Beinahe alles lief unaufgeregt und darum sehr eindringlich ab. Hier erkannte man schnell die Spielauffassung von Thomas Schmauser, wie er sie selbst als Schauspieler erfolgreich auf der Bühne praktiziert.
 
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Barbara Dussler, Morgane Ferru, Peter Brombacher, Ursula Werner

© Conny Mirbach

 

Der Abend sollte Einblicke geben in die Probleme von Transsexuellen und er tat es auch. Am überzeugendsten war dabei das Argument, dass Robert sein Leben lang eindeutig heterosexuell empfunden hatte und sich ausschließlich zu Frauen hingezogen fühlte. Unter diesem Vorzeichen wird die Aussage verständlich und überzeugend, dass Robert ein Mann war, der in einem weiblichen Körper geboren und gefangen war. Zwar spielte die gesellschaftliche Stigmatisierung trans- und homosexueller Mitbürger eine Rolle, doch nicht die dominierende. Es war vielmehr eine Reise in die Denk- und Empfindungswelt dieser Menschen, die allemal aufschlussreich war.

Die Regie von Thomas Schmauser hatte einige kleine Schwächen. So war der Abend rhythmisch nicht perfekt. Mancher szenische Übergang holperte, wirkte abrupt. Das Bühnenbild, ebenfalls von Thomas Schmauser, erinnerte an den öden Charme amerikanischer Provinz mit billigen Aluminiumrohrmöbel, begrenzt von einem hohen Bretterzaun, der für den Blick in diese andere Welt temporär geöffnet wurde. Alle Darsteller rauchten unablässig. Bei Robert machte es Sinn, denn er hatte herausgefunden, dass sein ganzer Körper, außer die Lunge, von Krebs befallen war. Dank des in den Lungen befindlichen Rauchs konnte der Krebs auf dieses Organ nicht zugreifen. Eine makabere Logik. Ursula Werner lieferte großes Schauspiel ab und gegen Ende hin, wenn die physische Vergänglichkeit deutlicher wurde, versetzte ihr bedrückend überzeugendes Spiel den Betrachter fast in Panik. Der innere Reflex, ihr, wenn sie strauchelte, helfend beizuspringen, musste unterdrückt werden.

Der Abend war ein Südstaatenblues mit und über Menschen, die anders sind, tragisch und doppelt gestraft vom Schicksal. Sie leben in falschen Körpern und werden dafür von der Gesellschaft zusätzlich abgestraft. Dass es tatsächlich ein Blues wurde, dafür sorgte Ivica Vukelic mit seiner Gitarre. Alles in allem war es ein fesselnder Abend über das Anderssein.

 
Wolf Banitzki


 


Du mein Tod

Eine wahre Geschichte nacherzählt von Thomas Schmauser

Peter Brombacher, Barbara Dussler, Morgane Ferru, Ursula Werner

Regie: Thomas Schmauser
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