Marstall Reigen nach Arthur Schnitzler


 


Plattitüdenreigen

Arthur Schnitzler hatte das Stück „Reigen“ nach der Fertigstellung im Jahr 1897 in einer Auflage von zwanzig Exemplaren drucken und an gute Freunde verteilen lassen. Schnitzler dazu: „Da Dummheit und böser Wille immer in der Nähe sind, füge ich den Wunsch hinzu, dass meine Freunde das Buch als bescheidenes Geschenk für sich ansehen.“ Er wollte das Stück nicht für die Bühne freigeben. Doch es gelang, ihn umzustimmen, und so erblickte der „Reigen“ am 23. Dezember 1920 das Licht des Kleinen Schauspielhauses in Berlin. Regie führten keine geringeren als Gertrud Eysoldt und Max Reinhard. Die Inszenierung wurde ein handfester Theaterskandal und es kam zu dem so genannten ‚Reigen’ - Prozess, bei dem allerdings alle Beteiligten freigesprochen wurden. Der Meister sollte Recht behalten, was die Dummheit und den bösen Willen betraf. Also nahm er das Stück nicht in die Gesamtausgabe seiner Werkle auf und verfügte testamentarisch ein Verbot weiterer Aufführungen. Aber spätestens seit Schnitzler wissen wir, dass das nicht funktioniert. Thomas Bernhardt startete einen ebenso lächerlichen Versuch. Worum ging es nun in dem Stück, das die Geister im postwilhelminischen Preußen so erregte?

 

Der „Reigen“ beschreibt in zehn Szenen Amouren in der Wiener Gesellschaft des Fin-de-siècle, des Niedergangs der Belle epoque. Dabei wechselt stets eine betroffene Person der Szene in die nächste Szene zu einem neuen Sexualpartner. Das beginnt mit der Dirne und dem Soldaten. Dann folgen die Szenen mit Soldat und Stubenmädchen, Stubenmädchen und junger Herr, junger Herr und junge Frau, junge Frau und ihr Ehemann, Ehemann und süßes Mädel, süßes Mädel und Dichter, Dichter und Schauspielerin, Schauspielerin und Graf. Mit der letzten Szene, der Graf und die Dirne, schließt sich der Reigen. Georg Hensel beschrieb das Stück mit folgenden Worten: „Zehn Dialoge, frivol und zärtlich, ironisch und melancholisch, triebhaft und todestraurig. Zehn Triumphe des Sexus, vor dem es keine Standesunterschiede gibt ...“ Es ist ein Drama voller erotischer Poesie, wobei die Erotik nicht moralisch denunziert wird. An den Pranger wird allerdings die aus der sexuellen Unverbindlichkeit gezogenen Philosophie gestellt, die Liebe leugnet und an ihrer Stelle den Rausch setzt. Auch wenn das Stück die Moral der bürgerlichen Gesellschaft einer Prüfung unterzieht, wendet sich die Betrachtung keineswegs angewidert von der Triebhaftigkeit des Menschen ab. Sie beschert seit Anbeginn doch immerhin einige unschlagbare Genüsse. In diesem Sinne brachen auch die Regisseure Max Ophüls und Roger Vadim in ihren Verfilmungen (1950 und 1964) einen Stab für das Drama und widersetzten sich damit den organisierten Entrüstern.

  ReigenM  
 

Sophie von Kessel, Guntram Brattia

© Thomas Dashuber

 

 

„Patrick Steinwidders Textfassung löste den „Reigen“ aus dieser sehr spezifischen Situierung (gemeint ist die Epoche des Fin-de-siècle und die damit verbundene Verortung in der Sprache – W.B.) und folgt der Tragweite von Schnitzlers Gesellschaftsanalyse ins Heute.“ (Programmheft zur Inszenierung im Marstall) Steinwidders Textfassung entlaubt das Schnitzlersche Drama radikal. Jegliche Poesie wurde getilgt und die Komplexität der Vorgänge, der Gefühle und der Verstrickungen wurden heruntergebrochen auf comicartige Neonbildchen. Heavy metal Klänge heizten  den Betrachter an, schnappschussartige Bilder von Gewalttätigkeiten wurden mit musikalischem Getöse hinausgefeuert in den Raum. Es war ein Bombardement durch schrille Bilder, die eins, und nur eins bedeuteten: "Es gibt keinen Sex zwischen Menschen, nur Macht." P. Steinwidder.

Nun ist der heutige Theatergänger insbesondere durch solche hochambitionierten Inszenierung wie die im Marstall so hart gesotten worden, dass ihn „Provokation“, wie immer sie auch aussehen mag, kaum mehr anficht. Und da die Arbeit Patrick Steinwidders nichts Wesentliches nebenher lieferte, war die eine Stunde und fünfzehn Minuten dauernde Inszenierung lang und wenig überraschend. Wenn Steinwidder der Tragweite von Schnitzlers Gesellschaftsanalyse folgte und die vorliegende Arbeit die Ergebnisse darstellt, dann zeigt sich ein düsteres und äußerst hoffnungsloses Bild. Der mäßige Applaus des Premierenpublikums bewies, dass sich kaum jemand angesprochen fühlte, dass kaum jemand die Sicht des Regisseurs auf das Heute, oder sollte man besser sagen auf sein Heute, teilte. Wer unterschreibst schon gern die Behauptung: Jeder sexuelle Akt ist ein kleiner Tod? Die Dramaturgie verweist im Programmheft auf die gesellschaftskritischen Ansätze, die dem Stück innewohnen. Leider sind auch diese Aspekte der (unzulässigen) emotionalen, ästhetischen und sprachlichen Verkürzung zum Opfer gefallen.

Wenn es überhaupt einen Applaus gab, dann galt er dem engagierten Spiel der drei Darsteller Sophie von Kessel, Anne Stein (Das süße Mädel) und Guntram Brattia. Bob Bailey entwickelte für die Ausstattung ein Konzept, das von Anneliese Neudecker (Bühne) und Lili Wanner (Kostüme) realisiert wurde. Heraus kam eine dreidimensionale Spielfläche in Trapezform. Die Verglasung der Bühnenrampe verriet, dass auf einem hohen Berg rosafarbener (Unter- oder Nacht-) Wäsche gespielt wurde. Selbst einer Darstellerin mit Grandezza wie Sophie von Kessel gelangen auf diesem Grund keine salonreifen Auftritte in den Rollen der Ehefrau oder der erfolgreichen Schauspielerin. Das lag auch nicht in den Intentionen der Regie, denn das Spiel der Liebe (die nicht stattfand), der erotischen Balz oder der melancholischen Verklärung des Rauschhaften war ein blutiges Spiel. Die Bühne war ein Kampfarena, in dem gnadenlos Schläge ausgetauscht wurden. Der Prostituierten begegnete sowohl am Anfang, wie auch am Ende ein „Jack the Ripper“ mit einem extralangen Messer. Jeder Koitus, und jede der zehn Szenen führt zu einem solchen, wurde, begleitet von Haevy metal Gedröhn, zum Tötungsakt. Guntram Brattia ging mit seinen jeweiligen Opfern nicht zaghaft um. Am Ende spielte er als Graf einen SM-Fetischisten. Darum vielleicht auch die Empfehlung: Ab 16 Jahren. Immerhin war Brattia das Bemühen deutlich anzumerken, aus dem wenigen verbliebenen, zumeist auf die Vorgänge reduzierten Texte ein Maximum herauszuholen. Gleiches galt auch für Sophie von Kessel, der unbedingt Respekt gezollt werden muss für den „theatralischen Ironman“. Anne Stein spielte das süße Mädel auf berückende Weise. Der Charme und der Schmelz ihrer Jugend hatte große Überzeugungs- und Anziehungskraft.

Den Darstellern kann kein Vorwurf gemacht werden, wenn der theatralische Abend an seiner eigenen Belanglosigkeit scheiterte. Patrick Steinwidder hatte das großartige Schnitzlersche Drama soweit reduziert, dass nur noch ein Reigen von Plattitüden übrig geblieben war. Seinen Prämissen konnte das Publikum nur sehr bedingt folgen. Sinnliches Vergnügen (In diesem Stück geht es beinahe ausschließlich um Erotik und Sex.) kam gar nicht auf, Komik hatte man ausgemerzt und die fünfundsiebzig Minuten erschienen wie zwei gefühlte Stunden. Schade.

 

Wolf Banitzki



 


Reigen

von Arthur Schnitzler

Sophie von Kessel, Guntram Brattia, Anne Stein

Regie: Patrick Steinwidder
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