Marstall  Alles muss glänzen von Noah Haidle


 

Menschlichkeit in Zeiten des Untergangs

Die Sintflut hat begonnen. Wasser allenthalben. Auch um das Haus von Rebecca herum, einer Vierzigjährigen, steht es knöchelhoch. Sie bereitet, unerschütterlich wie immer, das Abendessen. Flunder, nach einem neuen Rezept. Und da ihre Tochter Rachel zusammen mit Gary zum Abschlussball geht, wird sie auch an diesem Abend allein bleiben. Ihr Mann ist vor einem Jahr gegangen, sein Glück zu suchen. Sohn Michael ist auch gegangen, den Vater zu suchen. Sie hofft, das Abendessen in Gesellschaft einzunehmen, als die Nachbarin Gladys vorbeischaut, um ein Messer zurück zu bringen. Gladys Arme sind blutig und sie erzählt von einer Auseinandersetzung mit ihrem Mann. Sie borgt sich von Rebecca eine doppelläufige Flinte, da ein Vergewaltiger umgeht, und erschießt sich damit in deren Bad.

Ein Zeuge Jehovas taucht auf. Doch auch der will nicht mit Rebecca essen, sondern klärt sie darüber auf, dass sie nicht zu den Auserwählten der letzten Tage gehören wird. Rebecca vertreibt ihn mit Gin. Der Vergewaltiger kommt, wird niedergerungen und enttarnt. Es ist ein guter Bekannter. Der ist unendlich allein, traurig und voller Skrupel und darum will ihm keine Vergewaltigung gelingen. Rebecca schickt ihn heim zu seiner Frau. Es schwemmt einen Wal in Rebeccas Küche, aus dem heraus schneidet sie ihren Sohn Michael, der den Vater nicht gefunden hat. Rachel kehrt heim, den toten Gary im Schlepptau, der von einem Hai auf der Straße attackiert worden war. Ihren ersten Kuss muss sie sich von den Lippen eines Toten pflücken. Und dann, zu guter Letzt, kehrt auch Rebeccas Mann heim, der sein Glück gefunden hat. Zu „Only you“ von The Platters küssen sie sich. Es regnet weiter.

Es ist ein Stück über eine starke Frau, die nach bestem Wissen und Gewissen ihre Würde, ihre Liebe und ihr Recht auf beides verteidigt in einer würdelosen, lieblosen und rechtlosen Welt. Dabei ist die Sintflut das geringere Übel. Und es ist ein Stück über Vertrauen in Menschen und in ihre Vertrauenswürdigkeit, ganz ohne Blauäugigkeit oder Hintertüren. Sie wird nicht enttäuscht und das ist die gute Botschaft in Zeiten der Sintflut.

  Alles Muss Glaenzen  
 

Linus Schütz, Nadine Kiesewalter, Max Koch, Barbara Melzl

© Matthias Horn

 

Die Rolle der Rebecca wurde von Regisseur Tom Feichtinger mit Barbara Melzl besetzt. Eine bessere Wahl hätte er schwerlich treffen können. Barbara Melzl gehört zu den wenigen Schauspielerinnen, die für jede, noch so absurde oder schräge Situation eine absolut glaubhafte Haltung entwickeln kann, ohne dabei in Manierismen zu verfallen. Man möchte meinen, auch diese Rolle sei ihr auf den Leib geschrieben worden. Sie stapfte in ihrer knöchelhoch gefluteten, von Treibholz und umgestürzten abgestorbenen Bäumen bestückten Openairküche herum, als sei es das Selbstverständlichste. (Bühne Ulrike Treittinger) Die Innenräume des Hauses waren erst einsehbar, als der halbtransparente Prospekt hochgezogen wurde. In diesem kurzen Augenblick wurde eine aufgeräumte, von warmem Licht durchflutete Heimstatt sichtbar, gleichsam den Titel der Inszenierung noch einmal beschwörend.

Regisseur  Tom Feichtinger arbeitete sehr aufwendig. Er ließ Videos von sturmgepeitschter See und gegen das Tosen ankämpfende Schwärme von  Seevögeln etc. auf den Prospekt beamen. Er verlegte ausgewählte Handlungen wie zum Beispiel die Selbsttötung von Gladys, anrührend dezent und als Understatement gespielt von Anna Graenzer, hinter den Prospekt, wodurch eine verfremdende Unschärfe entstand. Deutlich wurde nur ihr Blut, was sehr wirkungsvoll an den Prospekt spritzte. Der Musiker Sean DeLear blieb über große Teile des Stückes gleichermaßen undeutlich, wenn er die Handlung mit seinen englischsprachigen Kommentaren oder Songs begleite.

Nadine Kiesewalters Rachel, Rebeccas Tochter, war vielleicht der krasseste Widerspruch zur Spiel- oder Bühnensituation, als sie in ihrer jugendlichen Schönheit und im langen Glitzerkleid eine Hoffnung formuliert, die im Angesicht des Untergangs vollkommen absurd erschien. Götz Schulte war an diesem Abend der Mann der eindringlichen, wie leisen Töne, erst als depressiver Vergewaltiger und zuletzt als erleuchteter Ehemann. Max Koch, der als gestrandeter Sohn Michael nackt und bloß aus dem Wal geschnitten werden musste, erst einmal eine Zigarette rauchte, vermittelte auf unspektakuläre Weise, ohne aufgesetzte Präsenz, einzig mit seiner Physis doch noch die Hoffnung, dem Kommenden standhalten zu können. Er war bei der Suche nach dem Vater zum Mann gereift. Und last but not least verkörperte Linus Schütz zwei denkbar ungleiche Typen: Gary, den linkischen, aber liebenswerten Ballbegleiter und den verbissenen, religiös arroganten Zeugen Jehovas.

Verglichen mit „Foxfinder“ war „Alles muss glänzen“ fast eine opulente Materialschlacht. Die Wirkung war darum nicht größer, aber auch nicht geringer. Innerhalb von drei Stunden zwei so unterschiedliche Arbeiten und Handschriften zu erleben, machte Spaß und zeigte einmal mehr, wie abwechslungsreich Theater sein kann. Beide Inszenierungen waren ästhetisch ausgewogen, intelligent und aufregend. Es war ein guter Abend für die Zuschauer, die sich gleich auf zwei Stücke und zwei unterschiedliche Inszenierungen einließen, die unterschiedlicher kaum sein konnten.

Wolf Banitzki

 


Alles muss glänzen

von Noah Haidle
Deutsch Brigitte Landes

Barbara Melzl, Nadine Kiesewalter, Linus Schütz, Anna Graenzer, Götz Schulte, Max Koch

Regie Tom Feichtinger

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