Theater im Marstall Daddy von Anne Habermehl


 

 
Wie betreibt man politische Bildung?

Jenny und ihr Vater Pit, der die Familie vor langer Zeit verlassen hat, ringen um Worte. Pit weiß um den selbstverschuldeten Verlust und auch um die Irreversibilität. Er ist zutiefst verzweifelt und haltlos. Jenny hat ebenfalls keinen Platz im Leben. Einen Job zu finden ist schwer, wenn man Analphabetin ist. Sie ist nicht dumm, hat nur irgendwann in der Schule ihre Mitarbeit eingestellt. Pit will helfen, kommt aber seiner Tochter nicht mehr nahe.
In Julians und Silvies Leben, beide um die vierzig Jahre alt, hat sich etwas geändert. Sie nimmt an ihm einen neuen Geruch wahr. Er ist von ihrer Aggressivität abgestoßen. Silvie ist Lehrerein und möchte mit einer Pumpgun in die Schule marschieren, um die verhassten Schüler zu massakrieren. Dabei wünscht sie sich eigentlich nur ein Kind. Immerhin zwingt sie Julian zu dem Eingeständnis, dass der einen Stricher aushält. Julian zieht in sein Architekturbüro, in dem er seit Jahren eine Stadt zu entwerfen versucht, die sich an den menschlichen Körper anschmiegt.
Dort verbringt er die Nächte mit Marco, Pits Sohn und Jennys Bruder. Er will ihn kaufen, nur für sich allein haben. Marco weiß um seinen Wert als Prostituierter und verabscheut all die Julians, die ihm sabbernd und lüstern hinterher kriechen. Gewalt kommt auf.
Jenny und Marco suchen gemeinsam nach dem, was man gemeinhin unter Leben versteht. Nebenher wird der Vater, kaum noch ein menschliches Wesen, beschimpft und erniedrigt. Eine Karriere als Pornoproduzent wäre möglich, davon versteht Marco etwas und Geld hat er zu Genüge.
Am Ende lehrt Silvie Jenny das Lesen. Marco hat Julians Stadtentwurf zerstört, worüber der nicht wirklich böse ist und Vater Pit dämmert apathisch nur noch vor sich hin. Quintessenz, sie kommt wie ein Querschläger im Habermehlschen Universum: Du kannst besitzen, was du willst. Wenn du keine Liebe hast, hast du gar nichts.
 
   
 

Felix Klare

© Thomas Dashuber

 

So brüchig, konstruiert und ohne wirklich zwingende Dramaturgie wie der Text von Anne Habermehl, war denn auch die Inszenierung von Alexander Nerlich im Marstall. Man verfolgte das Treiben der Darsteller mit Ratlosigkeit. Ihre Texte sind überwiegend Ausdruck der Inhaltslosigkeit der Figuren von Anne Habermehl, klischeehaft und nicht selten banal. Der unentwegt zelebrierte Habitus des Sehnsuchtsvollen nervte irgendwann, weil die Sehnsucht keinen Namen bekommt und indifferent bleibt.


Anne Schäfers Jenny drohte bei jedem zweiten Satz zu detonieren. Was will sie? Eine intakte Familie? Bildung? Ein Ziel im Leben? Vielleicht alles zusammen, vielleicht auch nichts von alledem.
Felix Klare spielte einen narzisstischen Stricher, der nicht frei war von Machtgehabe und Vergeltungslüsten. Was er wollte, blieb ebenso verborgen. Christina Scholz-Bock  verlor sich ganz ähnlich in der drückenden Gequältheit einer Zeitgenossin. Sie vermochte doch immerhin einen Wunsch deutlich zu formulieren: Ein Kind! Dabei darf nicht vergessen werden, dass sie gleichzeitig Phantasien einer Amokläuferin plagen. Dirk Ossigs Julian konnte man durchaus abkaufen, dass er eine Vision hatte. Was der Darsteller vielleicht vor Augen hatte, verhinderte dann doch der Text der Autorin. Letztlich hatte man das Gefühl, dass er sich nicht recht entscheiden konnte zwischen homoerotischen Sexgelüsten, Besitzanspruch und welterneuernder Architekturvision. Hannes Liebmann fiel als Vater zum Ende hin gänzlich aus dem Rahmen und hockte apathisch und regungslos längere Zeit vor der Bühne.

Ähnlich unentschieden wie Text und Geschichte geriet das Bühnenbild von Christian Sedelmayer. Eigentlich war es ein Guckkasten, das Schlafzimmer von Silvie und Julian, später das gänzlich verspiegelte Architekturbüro vorstellend. Doch dieser Kasten wurde für einige Szenen aufwendig geschlossen, um das Spiel auf einen schmalen Steifen vor der Bühne zu beschränken. Gründe dafür blieben ebenso nebulös wie der Gamsbock auf den Türen des Kastens.

Die Inszenierung, von Regie und Darstellern ambitioniert und tapfer durchgestanden, zeigte mäßigen Inhalt und wenig artifizielle Ideen. Mit Abstand betrachtet gab die Geschichte nichts her, was man nicht schon wusste und das in recht kärglicher dramatischer Sprache. Das Auftragswerk (Werkauftrag des TT Stückemarktes, gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung) von Anna Habermehl (Jahrgang 1981) ist nur ein weiterer dramatischer Entwurf, in dem nicht gesellschaftliche und individuell menschliche Realität erhellt wird, sondern dem unverdaute Befindlichkeiten einer jungen Autorin entströmen, die sich und ihre Gefühlswelt zum Nabel der Welt erklärt. Es ist ein pubertäres Werk, das im Höchstfall einen Drang offenbart. Aber wen drängt es heutzutage nicht, sich mitzuteilen? Den Darstellern, deren Beruf es doch immerhin ist, Botschaften zu transportieren, war das Missbehagen teilweise ins Antlitz geschrieben. Vermutlich haben auch sie sich beim Lesen des Textes gefragt, was könnte dieser Stoff zur politischen Bildung beitragen?


Wolf Banitzki

 

 

 


Daddy

von Anne Habermehl

Anne Schäfer, Christina Scholz-Bock, Felix Klare, Hannes Liebmann, Dirk Ossig

Regie: Alexander Nerlich
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