Marstall Persona von Ingmar Bergmann


 


Preisgabe

Das Wechselspiel von Privatsphäre und Öffentlichkeit, von Individualität und Gemeinschaftswesen, von Person und empfindsamem Wesen bewegt die umfassende zeitgemäße Mediengesellschaft nicht minder intensiv, wie ihre Vorfahren seit Anbeginn der Zivilisation. Die Entwicklung von Rollen stand am Beginn eines kulturellen Fortschritts der Artgemeinschaft Mensch und dient der Erleichterung des Miteinander ebenso, wie der Entfaltung des einzelnen. Vorbilder, Sterne stehen auf den Bühnen und ihre Habitus, ihre Person regt stets zu Nachahmung an. Ob Königin oder Knecht, keiner kann sich freisprechen. Gewollt und ungewollt leiten diese Bilder.

Während der Darstellung von Elektra unterdrückt die Schauspielerin Elisabet Vogler einen Lachanfall. Eine Erkenntnis streifte sie. Nach dem Ende der Vorstellung beschließt sie fortan zu schweigen, sich durch Schweigen zu entziehen, zu widersetzen. Eine Illusion, wie sich herausstellt, da man ihr eine Betreuung zuteilt, welche für sie sorgen soll – letztlich für sie zu sprechen beginnt und die an sie gerichteten Briefe öffnet und liest. Alma, die Krankenschwester wiederum entwickelt daraus persönliche Nähe zu Elisabet und vertraut dieser berauscht intimste Geheimnisse an. Elisabeth amüsiert sich in einem Brief über die Bekenntnisse der Schwester, verletzt diese. Und dazwischen, auf der Bühne des Marstalls, agiert ein Regisseur – er erarbeitet die Einstellungen zu einem Film und verbindet als Mann. Nach dem Kontakt Almas mit Elisabets Mann beginnt sie sich immer mehr mit Elisabet zu identifizieren, sie erkennt und benennt den Auslöser für das Schweigen. Elisabet hat ein Problem mit der Mutterrolle, mit dem ungeliebten, dem häßlichen Kind.  Nun ist es an Alma sich über Elisabeth zu erheben, die Verletzung zu vergelten.

Wie zwei Spiegelbilder standen sich Evgenia Dodina als Elisabet und Juliane Köhler als Alma auf der Bühne gegenüber. Identität und Schweigen. Götz Schulte verkörperte, sehr zurückgenommen, doch omnipräsent und gestaltend, damit ganz wie es der Rolle entspricht, den Regisseur. Er besprach mit Juliane Köhler die äußeren Erscheinungsmerkmale der Krankenschwester Alma, wobei seine Ausführungen an vielen Stellen durchaus als Komplimente formuliert und vorgebracht waren. Elisabet bewegte sich über die Bühne, nahm auf einem Stuhl inmitten des Geschehens Platz, während Vorbereitungen zum Film zur Sprache kamen. Immer schweigend und doch Gesicht und Körper voll beredeter Gesten, so erfüllte Evgenia Dodina die Rolle. Das Schweigen bildete, angesprochen und unausgesprochen, den Mittelpunkt. Je länger dieses Schweigen anhielt, umso intensiver wurde die Spannung fühlbar, die erst durch einschalten von Medienempfängern und damit Musik und Stimmen auf der Suche nach Wahrheiten ablenkte, später sich in den triumphierenden Minuten entlud. Die Schauspielerinnen brachten die Spannung ans Publikum.
 
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Juliane Köhler, Evgenia Dodina

© Sarah Rubensdörffer

 

 

Die unbedingte Nähe mancher Beziehung führt zur Preisgabe innerster Vorgänge und persönlichster, oft verborgener Eigenschaften. Sie ermöglicht den Zugang zu Erinnerung im Gegenüber. Schon der einfache Rausch entgrenzt – in vino veritas. Begegnet man einander offen, legt für den Höhepunkt der Zweisamkeit, und dauerte dieser auch nur Sekunden, die Maske der Person ab, so gewährte Mensch Einblick in sein Innerstes. Einander im und nach dem Akt der Auslieferung und/oder der bedingungslosen Gemeinsamkeit mit dem mindesten Respekt zu begegnen, wäre der Beginn von Mensch-Sein. Identifikation und Schweigen. Doch bis dahin ist offensichtlich noch ein weiter Weg, und vor allem gälte es die Natur des Wesens zu beherrschen, die sich stets opportun äußernde Natur. Die versucht sich Schwäche zu Nutze zu machen, zu einem Vorteil, zu einer Laune. Vom Beil oder dem Messer, zu dem die Kämpfer greifen, bis zum spitzen denunzierenden Wort der körperlich Unterlegenen reicht eine vielfältige Palette. Und der blanke Opportunismus tobt an den Oberflächen und im Hintergrund.

Auf der Bühne gab es eine sehr ambitionierte Zusammenstellung von Szenen, die zwischen Regieanweisung zu einem Filmset, Erzählung einer Geschichte und Dialogen zum psychologischen Hintergrund hin und her sprang. Handelte diese von der Beziehung des Regisseurs zu zwei Frauen, von denen eine stillschweigend die Anwesenheit und intime Verbindung ihres Mannes zur anderen ertrug, oder handelte diese von der Verbindung einer Krankenschwester zu ihrer Patientin und der Frau des Regisseurs, oder handelte diese von den gefühlten Beziehungen zwischen Menschen, dem alles durchdringenden Feld in welchem das Archimedische Prinzip gilt,  die Gefühle in Aktion und Verdrängung schwanken und einer mit den persönlichsten Eindrücken von einem anderen hausieren geht? Ein permanenter Vorgang, blickt doch jeder auf PartnerIn, FreundIn, auf den Nachbarn und seine Eigenheiten mit denen er sich gelegentlich oder dauerhaft „herumschlägt“. Selbst das Schweigen und der Rückzug bilden keinen sicheren Hort, denn im Leben ist auch der in Vereinzelung Verharrende nie vor solcher Konfrontation gefeit. Die Flucht in den Tod liefert die Seele, welche Bestandteil des Feldes ist, aus in den Nachvollzug chemischer Gesetze in der Atmosphäre – von wegen Erlösung und Himmel. Der Wind pfeift, die Sonne brennt, die Wolken verdüstern, darin treibt die Seele ... eine Konsistenz, ein Sammelsurium von Eindrücken aus dem erdeumspannenden Spiegelkabinett der Eitelkeiten.

Die Inszenierung war offen gehalten, ein Blick auf Chaos und Ebenen, und jeder Zuschauer vermochte darin zu erkennen, was ihm zu erfassen möglich war. Doch reicht die Offenlegung des Vorganges? Im vergangenen Jahrhundert widmeten sich Kunst und Wissenschaft der Analyse, vornehmlich der Analyse. Sigmund Freud und August Strindberg sind herausragende Schaffende dieser Zeit. Ingmar Bergmann wurde wohl von Letzterem stark beeinflusst. Und bis heute blicken wir auf die erkannten Reaktionsmuster. Spielte man früher auf den Bühnen vornehmlich die Rolle, so spielt man heute nicht nur auf den Bühnen vornehmlich das Verdrängte. Ist das nun spannender und menschicher oder einfach nur naturnäher. Mit all dem erworbenen Wissen wird hauptsächlich allgemein zelebrierter Fatalismus, die bequemen „Hauptsache Wohlfühlen“ – Theorie und der Handelswert bewegt. Das Innerste des Menschen, die Natur, zu veräußern wurde auf vielen verschiedenen Ebenen zu einem höchst einträglichen Geschäft.

 
 
C.M.Meier

 

 


Persona

von Ingmar Bergmann

Evgenia Dodina, Juliane Köhler, Götz Schulte, Anouk Barakat

Regie: Amelie Niermeyer
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