Metropoltheater Blind Date von Theo van Gogh


Ausweglos

Pom und Katja treffen sich in einer Bar. Sie haben sich über Zeitungsanzeigen gesucht und gefunden. Sie mussten sich finden, denn die jeweilige Annonce, egal ob „Journalist sucht aggressive Frau“ oder „einsamer Herr eine Tanzpartnerin“ oder „älterer Herr um die 50 eine junge Frau als Tochter“, gemeint ist immer nur Katja, Poms Ehefrau. Beide habe einen schweren Verlust erlitten und damit ihre Liebesfähigkeit verloren. Verzweifelt versuchen sie sich immer wieder aufs Neue unter verändertem Vorzeichen anzunähern. Vergeblich, denn die Traumatisierung ist zu stark. Was bleibt in einer solchen Ausweglosigkeit? Theo van Goghs Kammerspiel ist ebenso konsequent wie alle seine Werke, die vor Provokation und/oder den Finger-in-die-Wunde-bohren nicht zurückschreckten. Der elf Minuten kurze islamkritische Film „Submission Part I“ kostete ihm am 2. November 2004 das Leben. Er wurde am hellen Tage auf der Straße von einem fanatischen Islamisten niedergestochen.

Jochen Schölch eröffnete mit dieser Inszenierung das Metropoltheater nach dem Um- und Anbau. Entstanden ist ein großzügiger Gastraum, der die Grundrissform eines Nierentisches hat, womit das Konzept der fünfziger/sechziger Jahre Ästhetik konsequent beibehalten wurde. Erstaunlich dabei die Details, Beleuchtungskörper und Möbel, die eine echte Zeitreise bedeuten. Im Film „Blind Date“ treffen sich Katja und Pom in einer Bar. Somit brauchte es naturgemäß keines zusätzlichen Bühnenbildes, lediglich eines Vorhangs zwischen Foyer und Restaurant, der als Projektionsfläche fungierte.

 

  BlindDateMetropoltheater  
 

Paul Kaiser, Hubert Schedlbauer, Elisabeth Wasserscheid

© Hilda Lobinger

 

Im Stück geht es immer wieder auch um das Thema Humor, welches auf eher quälende Weise bemüht wurde. Tatsächlich scheint uns die befreiende Form von Humor, die uns in den Stand versetzt, auch über uns selbst zu lachen, abhanden gekommen zu sein. Stattdessen amüsieren uns die Missgeschicke oder Unglücke anderer. Pom, ein Zauberer, dessen Komik darin besteht, dass sich die Komik wegen seines Dilettantismus nicht einstellt, erzählt von einem Missgeschick, das seinem Vater widerfuhr, bei dem er sich aber keine ernstlichen Verletzungen zuzog. Doch Pom offenbart sich und gesteht, dass er begrüßt hätte, wenn Blut geflossen wäre. Viel Bitternis schwingt mit, wenn über Humor gesprochen wird oder auch wenn Humor stattfand. Gerade an solchen Szenen wurde deutlich, in welcher psychischen Verfassung diese beiden Menschen sind. Sie gehören zur Spezies des modernen Stadtmenschen, die hochgradig desillusioniert und misstrauisch sind, wie Edward Hoppers „Nighthawks“ durch die Nacht segeln und darauf hoffen, noch irgendeine Form von Glück zu finden. Je vehementer die Verzweifelten danach suchen, umso stärker trifft sie die Wucht ihres Unglücks. Dieses Unglück lässt sich nicht aufheben. Es wiegt zu schwer.

Elisabeth Wasserscheid und Hubert Schedlbauer spielten die Rollen von Katja und Pom so variantenreich wie die wechselnden Szenen, mal aggressiv, dann wieder sanftmütig, verzweifelt oder auch resignierend. In jedem Fall trieben die Fliehkräfte der Katastrophe sie immer wieder auseinander. Zwischendrin chaplineske Auftritte Poms, die von der Erbärmlichkeit seiner Bemühungen als Zauberer beredtes Beispiel geben. Regisseur Schölch achtete peinlich genau darauf, dass nichts verschenkt wurde. Und so waren es vorwiegend die kleinen Gesten, die mimischen Andeutungen, die Erschütterung auslösten und Betroffenheit erzeugten. Zwischen den beiden agierte Paul Kaiser als Kellner wie eine personifizierte Pufferzone. Er musste einiges über sich ergehen lassen, wurde schnell auch mal zur Zielscheibe ohnmächtiger Verzweiflung. Am Ende, als der Zuschauer die ganze Dimension der Katastrophe erfasst hatte, die diese beiden Menschen erdulden mussten, gab Jochen Schölch seine Ästhetik auf und erzählte die Geschichte als Comic-Strip zu Ende. Das schützte das neuerbaute Restaurant vor der blindwütigen Zerstörung durch Pom, wie es im Drehbuch geschrieben steht und wie es in den Verfilmungen auch stattfindet, und es bewahrte den Zuschauer ebenso vor einem unerträglich sentimentalen Ende der Geschichte, nämlich vor dem aus der Welt Scheiden der beiden Protagonisten.

Es war eine starke Geschichte, die von allen beteiligten Schauspielern mit großem Engagement über die nicht existierende Rampe gebracht wurde. Ob es nun tatsächlich eine gute Idee war, sie im Restaurant unter Einbeziehung der Zuschauer spielen zu lassen, sei dahingestellt. Längst nicht allen Zuschauern war es vergönnt, die Darsteller in ihrer ganzen Körperlichkeit zu erleben. Das und das Fehlen der künstlerisch aufgeladenen Raumatmosphäre einer Bar, wie sie in den Filmen geschaffen wurde und wie man sie auf der Bühne im Hausinnern ebenso hätte schaffen können, war zumindest ein deutliches Manko. Sicher war es Jochen Schölch und seinen Mitstreitern ein Bedürfnis, seinen ureigenen Beitrag zum Neubau zu leisten und sich auf diese Weise bei allen Unterstützern zu bedanken. Die Geste ist in jedem Fall herübergekommen.

Wolf Banitzki

 


Blind Date

von Theo van Gogh

Paul Kaiser, Hubert Schedlbauer, Elisabeth Wasserscheid

Regie: Jochen Schölch

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