Metropoltheater Kinder des Olymp von Andreas Kriegenburg nach einem Drehbuch von Jacques Prévert


 

 

Ein Sommernachtsspektakel der schönsten Art


Im Winter des Jahres 1942 saßen der Pantomime Jean-Lois Barrault, Marcel Carné und Jacques Prévert in Nizza zusammen und Barrault erzählte eine Episode aus dem Leben des berühmten Mimen Jean-Baptiste Deburau, der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts als Pierrot im Pariser Theater „Les Fuinambules“ Furore machte. Carné begeisterte sich augenblicklich für die Idee zu einem Filmfresko über das Theaterleben der Hauptstadt während der Zeit der Restauration. Als Hauptfigur der Geschichte sah er Jean-Baptiste Debureau, der natürlich von Jean-Lois Barrault gespielt werden sollte.


Jacques Prévert wurde mit dem Drehbuch beauftragt. Er seinerseits sah in diesem Projekt die Chance, einer anderen Figur, seinen Lieblingshelden in das Fresko einzuarbeiten. Gemeint war der Anarchist, Dichter und Mörder Pierre-François Lacenaire, der am 9. Januar 1836 hingerichtet wurde und der zuvor sein Leben in der faszinierenden Autobiografie „Erinnerungen und Enthüllungen“ beschrieben hatte. Während Prévert das Buch niederschrieb, kamen immer mehr Figuren hinzu, authentische und fiktive: Eine weitere zentrale Figur war der bedeutende dramatische Schauspieler Frédérick Lemaitre. Die weiblichen Hauptfiguren waren die spätere Frau Jean-Baptiste Deburaus, die treue und hingebungsvolle Nathalie, und vor allem die schöne Garance, ein bezauberndes Wesen jenseits von Konventionen und Moral. Im Hintergrund agierten der Aristokrat Graf de Montray und der Trödelhändler und Vagabund Jericho, das personifizierte Fatum, jedermann  und –frau die Hände lesend.


Der Film und auch die von Andreas Kriegenburg erstellte Bühnenfassung lassen in der Geschichte vier Männer um die schöne Garance kreisen, die, verliebt in den Pantomimen Baptiste Debureau, eine Beziehung zu dem Dichter und Mörder Lacenaire unterhält, sich gemeinsam in dem Ruhm des Schauspielers Lemaitre sonnt und sich schließlich dem begüterten und für die lustwandelnde Frau Sicherheit bedeutenden Graf de Montray hingibt. Doch sie kann der Liebe zu Baptiste nicht endgültig abschwören und nach Jahren der Abwesenheit kehrt sie nach Paris zurück, um ihm Abend für Abend bei seinen grandiosen Auftritten zuzuschauen.


Baptiste, inzwischen mit Nathalie verheiratet und Vater eines Sohns, hat nie eine andere Frau geliebt als Garance. In dem Schauspieler Lemaitre weckt sie in einer Begegnung in der Loge, von der aus sie den Geliebten maskiert beobachtet, ganz nebenbei die Eifersucht, der er sich stets enthalten hat, und befähigt ihn dadurch die Rolle des Othello zu spielen. Nach einer Liebesnacht mit Baptiste verlässt sie den unglücklichen Pantomimen, um zum Grafen zurück zu kehren. Doch der ist inzwischen Opfer der Mordlust Lacenaires geworden. Die Liebenden verlieren sich im Trubel des Karnevals. Ein Happy End gibt es nicht.


Jochen Schölch inszenierte den großen filmischen Reigen für die Freilichtbühne im Garten der Mohr-Villa in Freimann und das Haller Globe Theater in Schwäbisch Hall. Schölch gelang es, den beinahe dreistündigen epischen Film zu einem spritzigen und illustren zweistündigen Volkstheater zu destillieren, wobei er das Komödiantische dem Tragischen vorzog. Heraus kam ein unterhaltsamer Theaterabend, der voller Witz und Esprit und mit schauspielerischen Kabinettstückchen und auch grobem Slapstick gespickt war. Thomas Flachs Bühne beschränkte sich auf einen einfachen roten Vorhang, der, je nach Perspektive die Bühne vor oder auch hinter dem Vorhang suggerierte. Das Leben war Theater und Theater war das Leben, zumindest für die meisten Figuren, deren Metier die Kunst war.


Philipp Moschitz gab einen anrührend zerbrechlichen Baptiste Debureau, dessen Pantomimen sehenswert waren. Die zauberhafte Judith Toth überzeugte mit ausgefeiltem, dezent-erotischem, aber auch philosophisch-spitzfindigem Spiel in der Rolle der Garance. Ihre Gegenspielerin Nathalie im Ringen um die Liebe Baptistes wurde von Eli Wasserscheid als stille Dulderin gegeben. In der Rolle des spitzbübischen Gehilfen des Mörders Lacenaires, kalt und berechnend von Marc-Philipp Kochendörfer gestaltet, zeigte Eli Wasserscheid allerdings ihr clowneskes Talent. Hubert Schedlbauer kam der Part des nicht gerade unter Minderwertigkeitskomplexen leidenden Schauspielers Frédérick Lemaitre zu. Diese Rolle hatte im Kontext der Geschichte eine ganz besondere Dynamik, die Schedlbauer bravourös realisierte.


Ulrich Zentner musste sogar auf die Stelzen, um anfangs von oben herab über seinen Sohn Baptiste als einen missratenen, letztendlich aber als einen genialen Künstler zu urteilen. Butz Buse entzückte das Publikum ebenso überzogen komisch in der dankbaren Rolle der Wirtin Madam Hermine mit ganz besonderem Kostüm. Die stammten allesamt von Sanna Dembowski und waren ein gelungene Verschmelzung aus Andeutungen auf das 19. Jahrhundert, des Theaters der Commedia dell'arte und der Abstraktion von Jochen Schölch, der für ein spartanisch ausgestattetes Theater steht.

Den Darstellern muss wieder einmal großes Lob gezollt werden, denn sie hatten insgesamt 23  zum Teil sehr gegensätzliche Rollen zu realisieren. Irritationen kamen dabei nie auf. Begleitet wurden die Akteure unaufdringlich und ausgesprochen atmosphärisch von den Musikern Alessio Zachariades, Daniel Zacher/Zdravko Zivkovic (Klarinette und Zieharmonika). Der ganze Abend (3. Vorstellung) in dem wunderschönen Garten der Mohr-Villa, unter dem Dach großer, uralter Bäume war ein Sommernachtsspektakel der besonderen Art. Das Hehre des Theaterraums war abwesend und so bekam der Theaterabend eine wundervolle Leichtigkeit, in der das Komödiantische blühen und begeistern konnte. Bleibt zu hoffen, dass den Schwäbisch-Hallern ein ebensolcher Genuss beschieden ist.

Wolf Banitzki

 

 


Kinder des Olymp

von Andreas Kriegenburg nach einem Drehbuch von Jacques Prévert

Butz Buse, Marc-Philipp Kochendörfer, Philipp Moschitz, Hubert Schedlbauer, Judith Toth, Eli Wasserscheid, Ulrich Zentner
Musiker: Alessio Zachariades, Daniel Zacher/Zdravko Zivkovic

Regie: Jochen Schölch

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