Metropol Theater Dschungelbuch von Rudyrd Kipling


 

 
Dschungel ist immer und überall

... meinen die Autoren Ingo Lechner und Thomas Flach, die für die dramatische Fassung des bekannten Romans verantwortlich sind, wenn sie von die Dschungel und der Dschungel sprechen lassen. Wechselweise verwenden die Protagonisten auf der Bühne des Metropol Theaters die Artikel für Einzahl und Mehrzahl des Wortes Dschungel, einem Kollektivum. Da ist der Zuschauer gefordert genau hinzuhören, ob nun der natürliche Dschungel, der Urwald und/oder das dschungelhafte in der Menschenwelt angesprochen sind. Und da es von allfälligem Wildwuchs in der Welt der Menschen wuchert, sind diese Parallelen auch wirklich betonenswert. Da wäre beispielsweise der Dschungel der Naturgesetze, der u.a. das Verhalten der Tiere regelt. Davon gelten noch viele im und zwischen den Menschen, entstammt der doch der Tierwelt, und so schuf er ebenfalls einen Dschungel, einen Dschungel von Paragrafen, der mittlerweile so dicht ist, dass selbst die Schlange Kaa Probleme hätte hindurch zu schlüpfen.

Rudyard Kiplings Roman Dschungelbuch ist Weltliteratur. Wer kennt sie nicht, Akela den alten Wolf, Balu den Bär, Bagheera den Panther, die Schlange Kaa und den Tiger Shere Kahn. Die Geschichte vom ausgesetzen Jungen, der zwischen Wölfen aufwächst, ihre Lebensweise annimmt und zumindest partiell zu verinnerlichen vermag, berührt. Mowgli sammelt aber nicht nur Erfahrung in der Tier-, sondern auch in der Menschenwelt und ringt mit der Verbindung dieser beiden. Doch da sich daraus allein noch keine Spannung ergibt, und Mowgli sich mit starken Kräften messen muss, um erwachsen zu werden, darf, einer alten Schuld zur Folge, der Tiger Shere Kahn in einer Nacht des Jahres aus Vergnügen töten, einen Menschen, dem er direkt ins Auge sieht. "Kipling verknüpft eine Abenteuergeschichte in naturgetreuer Darstellung mit archetypischer Schilderung ursprünglicher Menschheitssituationen.", so das Programmheft. Auge um Auge, Zahn um Zahn findet der Ausgleich statt, geregelt durch Gesetz. Die Inszenierung stellte diesen Aspekt immer wieder deutlich in den Vordergrund.
 
   
 

Dascha Poisel, Sven Hussock, Felix Kuhn

© Hilda Lobinger

 

 

Die Geräusche des Urwalds, der Vögel drangen aus dem Dunkel der Bühne. Sie zwitscherten in den unterschiedlichsten Tonarten und als das Licht kam, der Tag begann, erzählten sie die Geschichte von Shere Khan, dem Tiger. Die Darsteller saßen in Reih und Glied wie auf einem Ast und ihr Spiel nahm den Zuschauer vom ersten Moment an mit in die Welt der Tiere. Thomas Flachs Inszenierung baute auf Körpersprache und erzeugte damit lebendige Bildhaftigkeit. Toni Gruber, der Choreograf, hatte mit den Schauspielern unterschiedlichsten tierischen Habitus erarbeitet, der durchgehend überzeugte. Der geschmeidige Bagheera (Dascha Poisel), der behäbige Balu (Klaus Meile), der mächtige Tiger (Felix Kuhn), die heulenden Wolfseltern (Silvia Andersen, Georgios Tzitzikos), der kleine Mowgli und der alte Wolf (Bernhard Letizky), sie alle erstanden vor dem Auge des Betrachters. Die Schlange Kaa (Felix Kuhn, Bernhard Letizky, Georgios Tzitzikos) stellte den Höhepunkt dar. Allein dieses Aspektes wegen, ist der Besuch der Inszenierung empfehlenswert. Die Schauspieler brillierten, fast alle in verschiedenen Rollen, uneingeschränkt und die Anerkennung gebührt allen gleichermaßen.

Die dramaturgische Bearbeitung des Prosawerkes gelang den beiden eingangs genannten Autoren im Bereich der Tierwelt, dem ersten Teil, hervorragend. Das kann man vom zweiten Teil, der in der Menschenwelt spielte, nicht sagen. Der inszenatorische Kunstgriff die Sprache zu wechseln ins Englisch, um den Unterschied zwischen beiden zu verdeutlichen, mißlang. Denn, allein der Satz "Give him his will!", ist schlichtweg nur heavy. Es fragt sich, warum man nicht auf den Originaltext von Kipling zurückgriff. Der Autor war Meister der Worte.
Thomas Flach, der Regisseur, gestaltete auch die Bühne. Diese bestand aus Tischen, die sowohl eine Zwischenbühne bildeten, als auch Kulissen wie beispielsweise Häuser vorstellten und die die endlosen Schreibtischreihen der Bürokratie andeuteten. Eine erprobte Idee, und doch, ein wenig weniger Tischerücken hätte dem Bühnengeschehen nach der Pause gut getan. In der Tierwelt gelang die Gestaltung der Figuren, während die Szenen unter den Menschen im Gegensatz dazu hölzern wirkten, steif und kaum ausgefeilt. Nimmt man diesen Umstand als gewollt an, so verweist er deutlich auf die Zustände in der Gesellschaft. Die Entwicklung der menschlichen Charaktere lag allein bei den Schauspielern. Nur Mowgli (Sven Hussock) bildete zum Abschluss eine Ausnahme.

Da rief er aus: "Lasst die Dschungel ein!", über die Schwellen in die Häuser, bis die Natur die Menschenwelt übernimmt. Schnee von gestern, ist das doch längst geschehen. Ein Hoch der Natur also? Zurück zu tierischen Zeiten? Ist das wirklich so gemeint, oder wäre es nicht besser genau zu artikulieren, welches Gesetz in der Natur, aus der Tierwelt wieder ins Bewusstsein der Menschen zurück gebracht werden sollte? Kein Tier tötet aus einem anderen Grund als Hunger, also unmittelbarem Lebens- und Arterhalt. Anders der Mensch. Und Vater Wolf bringt es auf den Punkt: "Der Mensch ist das schwächste aller Tiere, ihn fressen macht räudig."



C.M.Meier

 

 


Dschungelbuch

von Rudyard Kipling

Silvia Andersen, Dascha Poisel, Sven Hussock, Felix Kuhn, Bernhard Letizky, Klaus Meile, Georgios Tzitzikos

Regie: Thomas Flach
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