Kammerspiele Franziska von Frank Wedekind


 

 

Die Wilde und die fetten Haustiere

Frank Wedekind war Moralist. Das mag im Kontext seiner Lebensgeschichte absurd anmuten, denn hinter kaum einem anderen Dichter seiner Zeit war die Zensur wegen seiner sexuellen Freizügigkeiten und Provokationen mit solcher Besessenheit her, wie hinter den Dramatiker, Lyriker und Prosaautor Frank Wedekind. Er war auch und vor allem Moralist, weil er Sinneslust und ihre Schönheit höher schätzte als Bigotterie und Heuchelei. „Franziska“ (1912), in diesem Drama steckt eine gehörige Portion „Lulu“, war eine seiner abenteuerlichen Kolportagen, die dem Theater zugeschlagen werden sollte und nicht dem Leben. Naturalismus war ihm zuwider und er wurde lebenslang nicht müde, den großen Gerhart Hauptmann für seinen Naturalismus „spießbürgerlich“ und „engherzig“ zu schimpfen. Das Animalische, das Wilde, das Ungebändigte hatten es ihm angetan und so lässt er den Zirkusdompteur im Prolog zur „Lulu“ spotten: „Was seht ihr in den Lust- und Trauerspielen?! Haustiere, die so wohlgesittet fühlen (...) Das wahre Tier, das wilde, schöne Tier, das – meine Damen! – sehn sie nur bei mir.“ Tatsächlich haftet Wedekinds Dramen häufig der Manegen-Geruch des Zirkus an.

Nach der Uraufführung 1912 an den Münchner Kammerspielen konnten die Urteile über „Franziska“ unterschiedlicher, ja, konträrer kaum sein. Franziska ist ein weiblicher Faust, im weitesten Sinne, versteht sich, denn ihr geht es nicht darum herauszufinden, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Ihr reichen zwei Jahre Männlichkeit, um alles gelebt zu haben, Frau und Mann. Die Geschichte mutet ein wenig wie ein Roadmovie an. Die Reise geht über Berlin, München nach Rotenburg. Ihre Sehnsüchte herausschreiend, begegnet sie Veit Kunz, einen „Sternenlenker“. Er will aus ihr einen Stern, einen Gesangsstern machen, und mit ihrer Kunst die Welt und satte Gagen erobern. Zwei Jahre soll sie die Genüsse leben, die Männern vorbehalten sind. Dafür soll sie ihm nach Ablauf der Frist "willenlose Sklavin" sein. In Berlin hat Franziska eine Affäre mit einem Straßenmädchen, das von einem eifersüchtigen Geliebten erschossen wird. So ist Berlin, heißt es, was immer das bedeuten mag. Franziska ist als Franz Eberhard mit Sophie verheiratet. Die Geschichte fliegt auf, wird von einem ehemaligen Verlobten Franziskas entdeckt. In Rotenburg sollen sie helfen, ein Herzogtum zu retten. Darin herrscht Aufruhr und der Herzog will sich zudem auch noch scheiden lassen. Franziska tritt als orakelnder Geist auf. Am Ende wird ein vom Herzog verfasstes Drama, das er selbst auf die Bühne bringt, um die Aufständischen zu beschwichtigen, vom Polizeipräsidenten abgebrochen. Zu allem Überfluss wirken Franziska und Veit auch noch in einem antiken Drama mit, in dem Veit den Christus und Franziska die Helena geben. Breitenbach, der Darsteller des Simson, erweckt in Franziska wieder das Instinktwesen und sie kann wieder Blut wittern. Veit Kunz hat sich längst in Franziska verliebt. Er kann sie nicht erringen, denn sie ist nicht beherrschbar, noch berechenbar. Kunz nimmt in seiner Seelenqual menschliche Züge an, fällt aber dann doch der Traurigkeit anheim und will sich erhängen. Er wird allerdings gerettet ...

Mal ehrlich, das klingt nicht wirklich nach einer Faustischen Geschichte. Sie ist es auch nicht. Es ist vielmehr ein Reigen von Szenen, in denen sich Wedekind über seine eigene Existenz als Dichter und den Kunstbetrieb lustig macht und ansonsten die üblichen zwei Themen abarbeitet: Sexus und die bürgerliche Gesellschaft. Immerhin hat die Geschichte einen Ansatz, der sehr modern erscheint: Mephistopheles als Sternenlenker(!) oder, um es anders zu formulieren, ein Medienprofi, der Stars machen kann. Mehr als das, denn Franziska macht keine Metamorphose zum Mann durch. Sie bleibt Frau. Von Kunz gebildet, gelingt ihr die perfekte Suggestion. Das würde wohl die Hälfte des deutschen Privatfernsehens widerspiegeln, wo man ähnliches versucht und nie erreicht.

Doch diese Idee hätte wohl kaum in den Intentionen Wedekinds gelegen, ebenso wenig wie andere moderne Deutungsversuche. Andreas Kriegenburg blieb also bei Wedekind und machte ein schrilles Panoptikum aus der geilen, fetten bürgerlichen Gesellschaft und das war immerhin für eine gewisse (nicht für die ganze) Zeit unterhaltsam. Wie verwirrend sich das Spiel darstellte, merkten dann sogar die Darsteller an, außer Brigitte Hobmeier sämtlich in Fatsuits gewandet und saukomisch, und man sprach aus, was viele Besucher dachten: Die Geschichte versteht doch niemand. So blieb nur, sich an den Bonmots im Text, den darstellerischen Spitzfindigkeiten und den witzigen Regieeinfällen zu ergötzen, die allerdings nicht für knapp drei Stunden reichten. Andreas Kriegenburg gehört in Deutschland zu den besten Regisseuren und wenn er an diesem Stück so grandios scheiterte, dann könnte das vielleicht daran liegen, dass das Stück nicht sonderlich tauglich ist. Das erklärt vielleicht auch die widersprüchlichen Meinungen zu Uraufführung. Einigen reichte die Provokation, andere, für die die Provokation nicht hinreichend unterhaltsam war, entsetzten sich über die mangelnde Qualität der dramatischen Vorlage. So wenig, wie man dieses Stück heute noch ernst nehmen kann, so wenig Ernst zeigte Kriegenburg bei seiner Inszenierung. Ein- und Auslassungen der Darsteller zeugten davon.

Die Darsteller zu bewerten, fällt schwer, denn ihnen blieben nur wenig Möglichkeiten der Gestaltung und das vornehmlich über die Stimme. In ihren Fatsuits wurden sie in Bewegung und Haltung sehr uniform, wenngleich zum Brüllen komisch. Dennoch gelang es einer Darstellerin, selbst diese Behinderung noch zu überwinden und diffizileres Spiel zu entwickeln: Annette Paulmann. Diese Frau kann in ihrer Gestaltungsvielfalt und in ihrem Gestaltungswillen einfach nichts aufhalten. Grandios! Ebenso grandios war auch der körperliche Einsatz Brigitte Hobmeiers als Franziska. Sie war nur mit einem Hemdchen bekleidet, was signalisierte, dass sie noch zu den Wilden, zu den Ungebärdigen in der Welt zählte, nicht zu den „fetten Haustieren“.

Lobenswert war auch das Bühnenbild von Andreas Kriegenburg. In seinem weißen Guckkasten gab es lediglich eine sehr lange, pralle, rote Schlange, aus der jedes notwendige Bühnenbild durch übereinander stapeln, verwinden oder aufstellen gebaut wurde. Das Eröffnungsbild, auf dem nach hinten angehobenen weißen Bühnenboden saß Brigitte Hobmeier und schrie in die Welt hinaus: „Ich will leben!“, ließ Hoffnungen aufkommen, die letztlich aber nicht erfüllt wurden. Immerhin, die Idee, dieses Stück nach 100 Jahren wieder auf die Bühne zu bringen, um das Jubiläum der Münchner Kammerspiele zu feiern, ist eine gute. Wenn das der vornehmliche Grund für eine Inszenierung ist, und weniger eine reife künstlerische Idee, muss man das Scheitern mit einkalkulieren. Dass Scheitern ganz lustig sein kann, ist eine Erkenntnis aus diesem Abend.

 

Wolf Banitzki



 


Franziska

von Frank Wedekind

Marc Benjamin, Walter Hess, Brigitte Hobmeier, Marie Jung, Christian Löber, Oliver Mallison, Stefan Merki, Annette Paulmann, Wolfgang Pregler, Çigdem Teke, Edmund Telgenkämper

Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg
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